venedig

venedig – hier ist alles ufer

René Possél

Wer Venedig besucht oder auch nur ein wenig von dieser Stadt gehört hat, weiß um ihre Besonderheit. René Possél gelingt es, das Besondere, über das sich so viel sagen lässt, vielsagend in einem einzeiligen Haiku so zu verdichten, dass ich es unmittelbar nachvollziehen kann: Genau, das ist es, was Venedig neben allem anderen, was diese berühmte Stadt zu bieten hat, in seinem Wesen ausmacht. Hier ist alles Ufer.

Es ist doch wohl die besondere Lage Venedigs, die das Leben und die Weltsicht ihrer Bewohner in entscheidender Weise geprägt hat.
Wichtig ist dabei, sich die doppelte Bedeutung von Ufer klarzumachen.
Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob es vom Land oder vom Wasser aus betrachtet wird.
Nach der Nennung des Ortsnamens ist jedoch klar: Es ist die Sicht vom Land auf das Wasser.
Und daraus ergibt sich: Es ist hier nicht das rettende Ufer gemeint.
Es geht hier darum, dass wir überall die Weite finden, die uns gleichzeitig auch an die Grenzen der Stadt stoßen lässt. Grenzen können angesichts der Weite als Enge erlebt werden – ein Erlebnis, das wiederum zu Aufbrüchen in die Weite motiviert.

Nimmt man die Geschichte vom Aufstieg und Fall Venedigs in die Betrachtung auf, dann kann in diesem Haiku eine grandiose Metapher für unsere Zeit gesehen werden: Wir stehen an neuen Ufern. Stehen wir dort noch immer mit dem naiven Stolz und der stolzen Naivität der alten Venezianer, deren Stadt mit der Zeit zu versinken droht und auf Rettung hofft?

Das Haiku lädt damit zu einer weiteren Überlegung ein, die weit über Venedig hinausgeht.
Wo wir überall am Ufer vor unendlich scheinenden Weiten stehen, blicken wir ins Uferlose.
Diese Uferlosigkeit ist die ganz große Herausforderung der Gegenwart. Bewältigen lässt sie sich wohl nur, wenn wir uns rückbesinnen auf unser „Venedig“ – darauf, wo wir stehen und wohin wir streben, um bleiben zu können, was wir sind, falls wir das wollen. (Fragen zu deren Beantwortung ein Jahrhundert als eine recht kurze Zeit erscheint, die wir aber nicht haben.)

One thought on “venedig

  1. so schade, dass gerade venedig vor uferlosen problemen steht, die es sich so sicher nie erwartet hätte.
    diese unglaubliche situation ist mAn ein ausdruck dessen, dass auch bei dieser grande serenissima derartige veränderungen im gange sind, deren ausgang noch abzuwarten scheint.
    ich hoffe sehr, dass venedig – so wie wir alle – uns mit diesen veränderungen an ein sicheres ufer retten können.

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