Haiku meets Bibel – 2. Offenbarung

Wie verhält sich der christliche Glaube zur Geisteshaltung des Haikuschreibens?

Diese Frage ist bedeutungsvoll, weil nicht wenige westliche Haikuautoren gleichzeitig auch Christen sind. Schreiben sie als Christen Haiku, oder tun sie es unabhängig davon? Oder ist das Haiku ihrem Glauben im Grunde sogar wesensfremd?

Die Antwort hängt natürlich davon ab, wie die beiden Vergleichsgrößen „Christsein“ und „Haikuschreiben“ verstanden werden.

Geht man von einem grundlegenden Gegensatz zwischen westlichem und östlichem Geist aus, liegt es nahe, einen Widerspruch zwischen dem Christen und dem Haijin zu vermuten:

  • hier der Verkündiger einer Glaubensbotschaft – dort der Poet der einfachen Gegenwärtigkeit,
  • hier Absicht – dort Absichtslosigkeit,
  • hier das aktive, glühende Ich – dort die wahrnehmende Ichlosigkeit,
  • hier das Handeln aus Überzeugung – dort ein Empfangen und Erkennen im offenen Schauen.

Es ist verständlich, wenn westliche Menschen, die ihrer eigenen Tradition und gewaltbesetzten Unheilsgeschichte kritisch gegenüberstehen, nach einem Gegenpol suchen und ihn in der östlichen Geisteshaltung zu finden hoffen.
Was dabei leicht übersehen wird, ist die Tatsache, dass es sich bei dieser Gegenüberstellung um eine schematische Konstruktion handelt. Es ist ein stilisiertes Bild, das aus der Perspektive von Abkehr und Neuorientierung gezeichnet ist und mehr der Intention des Betrachters entspricht, als es seinem ursprünglichen Gegenstand gerecht wird.
Deshalb muss zunächst ins Bewusstsein gerückt werden, dass es „die“ christliche Grundeinstellung in Reinform ebenso wenig gibt, wie „das“ Haiku. Beide verwirklichen und brechen sich immer nur in konkreten, persönlichen Manifestationen. Das mag sehr unübersichtlich, wenn nicht gar verwirrend erscheinen. Es ist aber gerade darin ein Zeichen von Lebendigkeit statt Starre, von Reichtum statt Verengung.
Was christlicher Glaube und was Haiku ist, lässt sich nur in immer neuen Anläufen zu beschreiben versuchen, wobei die eigene Perspektive und Erfahrung stets mit in die Beschreibung einfließt.

Der christliche Glaube wird heute oft in stark verzerrter Weise gesehen. Es geht in ihm gerade nicht um eine bestimmte Weltanschauung, die mit moralischen Vorschriften versetzt als nicht hinterfragbare Heilslehre und unwandelbare Wahrheit für alle Zeiten, Gelegenheiten und für alle Menschen propagiert werden soll. In voraufgeklärten Zeiten hat man das oft so gesehen und gehalten – die Bibel aber redet anders.

In der Bibel erscheint der Glaube vielmehr als Geschichte der Befreiung und Loslösung von Fremdherrschaft und ideologischer Fixierung auf eine bestimmte Weltanschauung, wie es sie im alten Orient in Form einander ablösender Großreiche und sie stützender Astralreligionen, Fruchtbarkeitskulte und Herrschermythen durchweg gegeben hat.

An ihre Stelle tritt auf immer wieder überraschende Weise eine unmittelbare Begegnung und Erfahrung, durch die Menschen in der Tiefe ihrer Existenz berührt, erschüttert, angesprochen, herausgefordert und verändert worden sind. Dieses außerordentliche Geschehen wird mit dem treffenden Begriff der Offenbarung umschrieben.
Von besonderer Bedeutung ist die Offenbarung, die Moses erlebte, bevor er sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei führte: Aus einem brennenden Dornbusch vernimmt er die Stimme dessen, der sich als JAHWE vorstellt (2.Mose 3). Dieser Name bedeutet: „Ich werde sein“ oder auch  „Ich bin da“. Es geht um die pure Präsenz eines zugleich machtvollen und gütigen Gegenübers, durch die sich der Angesprochene ganz neu erfährt. Durchaus vergleichbare Erfahrungen machen später die Propheten und Apostel.
„Gott“ ist für dieses unfassbare Gegenüber nur eine im Grunde falsche Hilfsbezeichnung, weil sie als allgemeiner Begriff suggeriert, dass man es fassen, begreifen und einordnen kann wie andere Dinge oder Personen. Doch genau das führt in die Irre! Deshalb heißt es auch im (ursprünglichen) zweiten der zehn Gebote: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“ (2. Mose 20,4). Für unsere Zeit hat das Dietrich Bonhoeffer in den knappen Satz gefasst: „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht.“

Damit ist gesagt, dass es sich bei diesen Offenbarungserlebnissen um ein Geschehen handelt, das nicht ablösbar ist von der Begegnung. So wie es sich auch mit dem verhält, was wir „die Liebe“ nennen. Es geht um das Hervortreten  einer ganz neuen Sicht des Lebens, die nicht gewollt und nicht geplant war und einen Einschnitt in das bisherige Leben des davon Berührten bewirkt.

Es ist als ob plötzlich ein Schleier weggezogen und das Gegenwärtige durchsichtig wird für einen tieferen Zusammenhang, in den die Beteiligten eingewoben werden. Man nennt eine solche Offenbarung auch Epiphanie, ein „Phänomen“, ein Durchscheinen des Unerwarteten im Gewöhnlichen. Es schönes Beispiel dafür ist die Geschichte von der „Verklärung“ Jesu vor seinen Jüngern auf dem Berg (Markus 9,2ff.)

Auf diese Weise bricht das als „Gottesglaube“ benannte Offenbarungsphänomen seit Moses und der Geschichte des alten Volkes Israel über die Begegnungen mit Jesus von Nazareth bis heute unerwartbar und oft genug konträr zur bestehenden Ideologie und Herrschaft in das Leben von Menschen ein und setzt mitunter erstaunliche Ereignisse in Gang. Martin Luther, der daraufhin mit seinem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ ganz „allein gegen Kaiser und Reich“ antrat, ist nur ein Beispiel von vielen.

Haiku meets Bibel
Die christliche Grundhaltung ist also

  • nicht das Reden über „Gott“, sondern ein Stillwerden, Hören und Schauen,
  • nicht eine unbeirrbare Überzeugung und Meinung, sondern ein sich Berühren- und Verändernlassen von diesem Geschehen in der Tiefe der Begegnung,
  • nicht ein Ausleben des eigenen Ego, sondern ein Eingebundenwerden in einen größeren, lebensbejahenden Zusammenhang, für den wir das Wort „Liebe“ benutzen.

Alles das ist in der Geschichte der Kirche immer wieder von Machtinteressen  missbraucht und entstellt worden. Und es ist bis heute immer wieder neu und erneuert  aus diesen Verkrustungen  aufgetaucht, mitten im Alltäglichen als Offenbarung dessen, was schon Moses erlebt hat.

Die Christen feiern diesen Durchbruch des Lebens in den und durch die manchmal sehr engen Grenzen des Alltags auf besondere Weise vor allem im Abendmahl. Was das bedeutet lässt sich auf dem Hintergrund des hier Gesagten am treffendsten in einem Haiku ausdrücken:

Fünf alte Frauen 
Bei Brot und Wein
Da ist Er.

Bei allen kulturgeschichtlichen Unterschieden: Die Parallelen zwischen der christlichen Geisteshaltung und dem Geist des Haiku sind – bei rechtem Licht betrachtet – unübersehbar. Ihnen soll weiter nachgespürt werden, denn es ist zu vermuten, dass eine offene Begegnung zwischen Haiku und Bibel für beide Seiten eine sehr fruchtbare werden kann.

4 thoughts on “Haiku meets Bibel – 2. Offenbarung

  1. Antje Schrupp hat am 29.06.2012 einen interessanten west-östlichen Zusammenhang über die Figur des Filmhelden der Kung Fu-Serie Kwai Chang Caine hergestellt. Sein Bekenntnis I have no ambitions ist es wert, neu durchdacht zu werden.
    Hier geht’s zu Antjes Gedanken.

  2. Lieber Heinz!
    Deine Gedanken zum Wesen des biblisch-christlichen Glaubens sprechen mich sehr an! Glücklicherweise gab und gibt es immer auch die Linie der „Mystik“, die einem Verkommen des Christentums in zu einem System aus Ideologie und Moral entgegen wirkte. Und ein wesentliches Kennzeichen dieser Linie scheint mir genau darin zu bestehen: die Konzepte und Vorstellungen beiseite lassen (die die Wirklichkeit all zu oft ver-stellen) und sich für die Realität zu öffnen – meine eigene, die der anderen Menschen, der Welt, und für die Realität dessen, was Du zu Recht „Gott“ zu nennen zögerst.
    Herzliche Grüße
    Georg Flamm

    • Ich freue mich über die Zustimmung eines sehr geschätzten Kollegen, lieber Georg. Vielen Dank auch für den Hinweis auf die Mystik. Hier kann weitergearbeitet werden.

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