wilde Erdbeeren … mein Weg ist noch lang

Angelika Holweger

Hier die wilden Erdbeeren, im Fortgang der Zeile ein Weg, der noch lang ist, und genau in der Mitte etwas Ungesagtes, eine Leerstelle aus drei Punkten.

Es ist die unausgesprochene und unaufgelöste Spannung zwischen der vorgestellten Mühe des langen Weges und fernen Zieles auf der einen und der unerwarteten Begegnung mit den wilden Erdbeeren auf der anderen Seite, die dieses Haiku auszeichnet.

In ihm tritt das Prinzip von Yin und Yang in Erscheinung. Das eine wird erst durch das andere zu dem, was es in diesem Zusammenhang ist: Angesicht des noch langen Weges erscheint die verlockende Gegenwart der wilden Erdbeeren noch süßer. Durch die Nähe dieser Verlockung scheint die Weite des noch zurückzulegenden Weges, der eigentlich kein längeres Verweilen gestattet, zu wachsen.

In der Leerstelle zwischen beidem aber nisten der entscheidende Augenblick und das Zögern, das zu einer Entscheidung genötigt ist. Die Punkte werden – auch optisch – zum Dreh- und Angelpunkt einer Wippe.

Wer mit durchschnittlich gesundem Pragmatismus an die Entscheidung herangeht oder dieser mit dem heute in jeder coaching zone propagierten Konzept der Work-Life-Balance begegnet, wird beides unter einen Hut bringen: Jetzt nasche ich erst einmal von der unerwarteten Gelegenheit, dann ziehe ich frisch gestärkt weiter. So einfach ist das.

Was aber, wenn ich es nicht so einfach hinkriege?

Es kann ja sein, dass die wilden Erdbeeren mit ihrem einzigartigen Aroma eine größere Anziehungskraft ausüben. Schließlich sind sie ein starkes „Symbol der Weltlust, der Verlockung und der Sinnenfreude“, wie uns Wikipedia verrät. Und wer diesen irdischen Verstrickungen abgeschworen hat, kann es auch sublimer haben: als Begleitpflanze der Maria gelten sie als Sinnbild der Rechtschaffenheit und Allegorie frommer und guter Gedanken. Der Eros hat viele Gewänder und versteht es unvergleichlich, in der einen oder anderen Weise zu fesseln. Wozu also noch den langen Weg zurücklegen, wenn hier bereits alles zu finden ist?

Es kann aber auch sein, dass der Ruf der Pflicht stärker ist als alles andere. Das angestrebte Ziel muss erreicht werden – alles andere ist Nebensache. Mögen die Beeren noch so verlockend sein. Sie sind doch letztlich nur ein Hindernis auf dem Weg. Und liegt nicht gerade im Verzicht die größte Befriedigung? Ist er nicht ein Sieg des Willens über die eigene Schwachheit?

Angelika Holweger hat mit diesem schlichten Einzeiler auf sinnliche Weise Sinn- und Existenzfragen von nicht zu überschätzender Tragweite aufgeworfen, die das Leben eines jeden in die Schwebe bringen.

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