Haiku meets Bibel – 1. Neuland

Gibt es noch unentdecktes Neuland?
Geografisch gesehen ist diese Frage heute im Großen und Ganzen wohl zu verneinen. Und auch über fremde Kulturen wissen wir inzwischen recht gut Bescheid. Das mittlerweile akkumulierte Wissen, das nicht zuletzt im Internet abgelegt ist, übersteigt die Fassungskraft eines Einzelnen immens.

Da keiner mehr das gesamte Wissen zu überblicken imstande ist, kann man von „Inseln des Wissens“ sprechen. Was ist damit gemeint? Um einzelne Wissensbestände, kulturelle Zusammenhänge und Traditionen bilden sich Communities, deren Mitglieder eine teilweise recht starke Affinität zu diesen Traditionen entwickeln. Die intensive Beschäftigung mit diesen Inseln des Wissens prägt sich rückwirkend in die auf sie ausgerichteten Personen und ihren Austausch in einer Communitiy ein. Auf diese Weise trägt sie auch zur Identitätsbildung Einzelner und ganzer Gruppen bei. Man versteht sich selbst beispielsweise als Haikufreund und ist bestrebt, mit anderen Haikufreunden in einen Austausch und vielleicht auch in einen Wettstreit zu treten.

Warum ich mich für die eine oder andere kulturelle Tradition stärker interessiere, mag verschiedene Ursachen haben. Der Intensität des Interesses entspricht aber immer auch ein zeitlicher Aufwand für und eine emotionale Bindung an seinen Gegenstand. Die äußerliche Insel des Wissens erzeugt damit ein innerliches Pendant: eine Insel der Aufmerksamkeit, der Vorliebe und Beheimatung.

Andere kulturelle Traditionen und Wissensbestände bleiben demgegenüber in der Regel außen vor, erscheinen weniger interessant und werden nicht gleichermaßen reflektiert und angeeignet. Meistens werden sie nur gleichsam aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen. Sollte dabei allerdings der Eindruck entstehen, dass diese Traditionen mit einem bestimmten Anspruch auftreten, der der eigenen Insel des Wissens zuwider zu laufen scheint, werden diese fremden kulturellen Zusammenhänge nicht selten abgewertet und in den internen Gesprächen der Inselcommunity entweder ignoriert, tabuisiert oder zu einem Popanz aufgebaut.

Diese Abwehr andersartiger Traditionen kann man als einen natürlichen Schutzmechanismus von Kultur-Insulanern verstehen, die ihr eigenes Terrain gegen fremde Einflüsse verteidigen und vor der befürchteten Aufweichung, Verwässerung, Zersetzung und Zerstörung bewahren wollen.

Wir befinden uns also in einer paradoxen Situation:
Auf der Seite der uns zugänglichen Informationen verfügen wir über weltweit ziemlich umfassende Wissensbestände, auch bei den Kulturen und ihren Traditionen. Unentdecktes Neuland ist zumindest im größeren Maße kaum mehr zu erwarten.
Auf der Seite der Aneignung durch Einzelne und Gruppen jedoch leben wir im Status von Insulanern, für die andere Kulturtraditionen oft fremdes, wenn nicht gar bedrohliches Ausland sind, dem nur selten ein positives Interesse entgegengebracht wird, weil alle Kräfte auf den Ausbau der eigenen Insel gerichtet werden.

So gesehen sind die Kultur-Insulaner ringsum von lauter unentdecktem Neuland umgeben, wie es unsere Vorfahren einst auch im geografischen Sinne waren. Wir haben nur ein recht oberflächliches und lückenhaftes Bild von den anderen Welten außerhalb unserer Insel, ein Bild das vor allem von den Gerüchten und Klischees lebt, die wir für die Wirklichkeit halten.

Was ich hier als allgemeine Diskrepanz beschrieben habe, begegnet mir bei uns in der westlichen Welt konkret als wechselseitige Ignoranz zwischen der „Haiku-Welt“ und der christlichen Welt. Während man in den christlichen Kirchen das Phänomen Haiku als exotisches Gewächs einer fremden Kultur bisher kaum zur Kenntnis nimmt, behandelt man in den westlichen „Haiku-Gemeinden“ die christliche Tradition oft mit der Ignoranz von Konvertiten, die von ihren eigenen kulturellen Wurzeln nichts mehr erwarten. Ein nennenswertes Interesse der einen für die andere Seite ist nicht einmal im Ansatz erkennbar, eher schon eine eigen-artige Abwehr des Fremdartigen.

Als Theologe, der mit der christlichen Tradition einigermaßen vertraut ist und mit großem Interesse die „Haiku-Welt“ bereist, komme ich zu dem Schluss, dass beide füreinander so etwas wie unentdecktes Neuland darstellen. Was aus der jeweiligen Inselperspektive von außen völlig andersartig und fremd erscheint, könnte jedoch in tieferen Schichten bislang unentdeckte Entsprechungen und Parallelen aufweisen. Und es könnte für beide Seiten sehr fruchtbar sein, das Eigene im Anderen und das Andere im Eigenen zu entdecken. Die Voraussetzung dafür ist lediglich vorurteilslose Offenheit für die jeweils andere Seite und die Bereitschaft, die eigene Insel nicht mit dem Mittelpunkt der Welt gleichzusetzen.

Zur Entdeckung dieses interkulturellen Neulandes möchte ich unter der Überschrift „Haiku meets Bibel“ gern einladen und in loser Folge Beiräge dazu liefern. Einen ersten Beitrag zum Begriff „Offenbarung“ habe ich dazu hier bereits am 03.07.2012 veröffentlicht. Ich ordne ihn jetzt sachlich als Beitrag 2 der beabsichtigten Folge ein.

2 thoughts on “Haiku meets Bibel – 1. Neuland

  1. Lieber Heinz!

    Mir ist zur Frage, ob es eine Verbindung zwischen Haiku-Welt und christlicher Welt gibt, gleich Claudia Brefeld eingefallen, die wohl nicht zufällig als erstes Haiku auf ihrer homepage eines hat, das sich auf die Osternacht bezieht:
    http://www.artgerecht-und-ungebunden.de/Haiku-Foyer/Haiku,%20trad.-Claudia%20Brefeld.htm

    Ganz allgemein habe ich die Vermutung, dass Haiku von Anfang an eine gewisse Tendenz hat, mit einem Augenzwinkern JEDE ART von Religion und Ideologie „auf die Erde runter zu holen“ –
    man kann auch das berühmte Frosch-Haiku von Basho so verstehen, dass hier die „erhabene“ Szenerie einer Gartenanlage bei einem Heiligtum (das Eigenschaftswort „alter“ zum Teich deutet in diese Richtung) durch das „Platsch“ des Frosches „entzaubert“ wird – und genau dieser Text ist der berühmteste der Haiku-Literatur –
    man stelle sich als Kontrast einen Text vor, wo sich eine Wolke im alten Teich spiegelt oder eine Kirschblüte sacht hineinfällt oder irgendetwas ähnliches passiert, das sich harmonisch in die weihevolle Stimmung einfügt.

    Mir ist einmal ein Haiku einer englischsprachigen Autorin untergekommen, das ganz in diese Richtung auch eine Osternachts-Erfahrung aufgriff – leider kann ich es nur sinngemäß aus dem Gedächtnis wiedergeben:

    Osternacht –
    der wundervolle Glanz
    meiner ersten Highheels

    LG
    Georg Flamm

    • Lieber Georg,

      es freut mich sehr, dass Du den Gesprächsfaden wieder aufgenommen hast!

      Du hast mich dabei auf den Gedanken gebracht, dass es einen großen Unterschied macht, ob man aus der Haikuperspektive auf die christliche Tradition blickt oder umgekehrt.

      Du wählst bei Deiner Antwort den ersten Blickwinkel und betonst, dass das Haiku religiöse oder ideologische Vorstellungen herunter auf die Erde holt, wofür Du auch einige Beispiele nennst. Ich sehe das genauso und finde, dass darin ein Grund für die Faszination des Haiku liegt – gerade auch für uns als Theologen, die sich – gut inkarnatorisch – um die Erdung und Verankerung des Glaubens im Leben bemühen.

      Als Haikufan und – zugegeben – auch als einer, der sich ständig auf der Suche nach einer schärferen Bestimmung christlicher Identität in und für unsere Zeit sieht, interessiert mich aber auch die andere Perspektive: Was kann der christliche Glaube in die westliche Haiku-Kultur einbringen?

      Da beide Größen nicht exakt definiert werden können, sondern lebendige geschichtliche Prozesse mit nahezu unübersehbaren Modifikationen und individuellen Aneignungsweisen sind, kann es nur tastende Antwortversuche geben, die dem Rechnung tragen.
      Klar dürfte jedoch sein, dass die christliche Tradition im Gespräch mit „dem Haiku“ keine dogmatischen Beiträge im materialen Sinne leisten kann. Ich halte es für eine „kritische Stärke“ des Haiku, gedankliche Konstruktionen dieser Art zu unterlaufen und statt dessen auf die reine Wahrnehmung zu verweisen, die im Haiku ihren Ausdruck findet.
      Aber gibt es die „reine“ Wahrnehmung überhaupt? Es fließt doch unter der Hand immer schon sehr vieles in die Gestaltung eines Haiku ein, was in der Regel unter der Oberfläche bleibt: von der Bedingtheit der Wahrnehmungsperspektive bis hin zum menschlichen Ehrgeiz und der Eitelkeit beim Schreiben. Hier könnte die kritische Stärke der christlichen Tradition einen aufdeckenden, reinigenden und vertiefenden Beitrag für das Haiku leisten, angesichts seiner mitunter allzu kunsthandwerklich geübten Handhabung auf dem Jahrmarkt der menschlichen Eitelkeiten.

      Ich bin mir darüber im klaren, dass das noch recht vorläufige, tastende Gedankenversuche sind. Aber ich halte sie für sehr reizvoll – wie die Suche und Entdeckung von Neuland. Dem möchte ich gern weiter nachgehen. Mein erster Beitrag zum Offenbarungsbegriff geht auch schon in diese Richtung.

      Herzliche Grüße
      Heinz

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