Haiku meets Bibel – 3. Blick-Kontakte

Im ersten Beitrag wurde unter der Überschrift Neuland festgestellt, dass die Haikutradition und die christliche Tradition bei uns im Verhältnis zueinander weitestgehend den Charakter von isolierten Inseln haben. Man nimmt sich wechselseitig nicht oder nur oberflächlich und reserviert zur Kenntnis, nimmt allenfalls die anscheinend völlige Andersartigkeit der anderen Seite wahr und sieht nicht, dass unter der Oberfläche tiefere Entsprechungen oder gar Gemeinsamkeiten verborgen sein können, deren Entdeckung eine Horizonterweiterung und Bereicherung auch für das Verständnis der eigenen Tradition eröffnet. Ein erster Gesprächsgang scheint die These von der Fruchtbarkeit solcher Begegnungen zu bestätigen.

Als zweites wurde auf den biblisch-theologischen Zentralbegriff der Offenbarung hingewiesen, in dem eine gewisse Analogie zum Aufblitzen eines echten Haiku-Momentes gesehen werden kann. In beiden Fällen geht es nicht um etwas Gesuchtes und Gemachtes, sondern um ein Überwältigtwerden des Subjektes durch eine neue Erfahrung mitten im Alltag. Die alltäglichen Dinge und Zusammenhänge werden plötzlich durchsichtig, so dass etwas Tieferes durch sie hindurchscheinen kann (Epiphanie).

Die Folgen eines solches Erlebnisses sind im biblisch begründeten Glauben und beim Haikudichten auf den ersten Blick recht unterschiedlich:
Der Glaube sieht in einer solchen Erfahrung die Begegnung mit einem personhaften Gott, in der er den Zuspruch und Anspruch für eine neue Lebensweise findet. Die Begegnung mit dem Göttlichen verändert sein Leben in der Tiefe und führt vor allem zu neuen praktischen und ethischen Konsequenzen, die in der Regel mit einer Befreiung aus alten Bindungen und einer Horizonterweiterung verbunden sind. Es kann aber auch geschehen, dass spätere Versuche, diese Erfahrung zu zementieren, zu neuen Verengungen und Abschottungen führen, bis schließlich Erneuerungen und Reformationen diese Verkrustungen wieder aufsprengen.

Beim Haikudichten stehen die Wahrnehmung des besonderen Augenblicks und seine adäquate ästhetische Gestaltung im Vordergrund. Eine programmatische Erneuerung des Lebens oder geschichtliche Mission ist nicht intendiert. Doch stellt sich die Frage nach dem Nachhall – ein Zentralbegriff bei der Haikudichtung – und der Wirkung eines tiefen, gelungenen Haiku. Dient es vor allem dem Ruhm des Dichters, oder hat es tiefere Konsequenzen, eröffnet es neue Lebenseinsichten und Einstellungen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang die besondere Qualität der Todeshaiku? Und wie erklärt sich die Faszination, die das Haiku heute nicht nur im Sinne einer kurzlebigen Mode auf westliche Menschen ausüben kann? Verbirgt sich dahinter bei aller persönlichen Unterschiedlichkeit so etwas wie eine Sehnsucht und Suche nach der Begegnung mit dem tieferen Leben und einer heileren Welt, ja vielleicht sogar eine uneingestandene Berufung, beim Auffinden dieses Lebens und dieser Welt mitzuwirken?

Wenn Haikufreunde und Bibelfreunde einen offenen Blick auf den Anderen wagen, eröffnen sich viele spannende Fragen. Möglicherweise sind die tieferen dieser Fragen für viele ungewohnt oder gar unangenehm. Neuland und Horizonterweiterung finden wir jedoch nicht durch die Abwehr, sondern in der Begegnung mit dem Anderen. In diesem Sinne möchte ich zu weiteren Blick-Kontakten ermutigen.

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