Haiku meets Bibel – 4. Äpfel und Birnen?

Bei den vorangehenden Beiträgen zu Haiku meets Bibel kann die Frage gestellt werden, ob da nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Haiku sind Kurzgedichte, deren Ursprung und geistiges Zentrum in Japan liegt und die im Laufe der letzten hundert Jahre weltweit viele Freunde und Modifikationen in anderen Ländern und Kulturen gefunden haben.

Die Bibel ist eine kanonisierte Sammlung von Schriften, auf die sich der jüdische und der christliche Glaube im Sinne von autoritativen Urzeugnissen beziehen und berufen.

Beim Haiku handelt es sich um kurze Sprachkunstwerke, die bestimmten ästhetischen Kriterien folgen und an ihnen gemessen werden. Haiku sind also eine literarische Form, die bis heute gepflegt und verändert wird.

Die Bibel ist dagegen eine abgeschlossene und in sich höchst unterschiedliche Aneinanderreihung von historisch weit zurückliegenden Inhalten, die vor allem durch institutionalisierte Glaubensgemeinschaften auf verschiedene Weise mit oft letztgültigem Anspruch rezipiert werden.

Haiku und Bibel liegen also nicht nur geografisch und zeitlich weit auseinander, sie sind auch von sehr verschiedener Art. Was soll sich denn da eigentlich begegnen und in Beziehung treten?

Der Vergleichspunkt, der Entsprechungsraum und das Begegnungspotential liegen nicht in der Vorfindlichkeit der materialen Inhalte oder der formalen ästhetischen Schemata.
Sowohl das Haiku wie auch die Worte der Bibel kreisen aber um etwas Tieferes, Hintergründiges,
das mit Worten nicht begriffen werden kann, das aber dennoch zu Worte kommt und Wort wird,
das als Ungesagtes und Unsagbares zu sprechen beginnt,
das nachhallt und fortwirkt,
das vor allem auf Begegnung aus ist, auf Hören, Verstehen und Sich-Einlassen,
das sich in diesem Prozess auf persönliche Weise erschließt, ohne sich dabei dingfest machen zu lassen.
Es geht um ein Mysterium mitten im Alltäglichen, das gewohnte Sehweisen verrückt, neue Einsichten erschließt und Zusammenhänge herstellt, die den Betrachter zu einem Teilhaber an einer tieferen Wahrheit werden lassen.

Wer argwöhnt, dass hier eine neue Vereinnahmung des Haiku durch spirituelle Erlösungslehren versucht wird, mag diesen Überlegungen mit Skepsis begegnen.
Er sollte sich aber der Frage stellen, ob er nicht einem verengten und vor allem fixierten Begriff von Spiritualität aufsitzt. Echte Spiritualität ist nicht in festgehaltenen Lehren, sondern im Innehalten und Sich-Öffnen für die geheimnisvolle Tiefe des realen Lebens zu finden.
Wer das Haiku von der Umklammerung durch das Religiöse befreien will, sollte dabei auch selbstkritisch sein und prüfen, ob er „das Religiöse“ in seiner existentiellen Tiefe überhaupt schon erfasst hat, oder ob er nur auf frühere, zeitlich gebundene Manifestationen des Religiösen abzielt und die echte Spiritualität als aktuelle Begegnung mit dem Mysterium mitten im Alltäglichen so gerade verfehlt.

Meine These ist:
Das Haiku und die biblische Religion nähern sich dem Mysterium des Lebens auf zwei unterschiedlichen Wegen. Auf beiden Wegen lauern unterschiedliche Gefahren, bei denen ein Blick von der jeweils anderen Seite befreiend und vertiefend sein kann.
Der biblischen Religion droht in unserem Zusammenhang vor allem Gefahr vonseiten des Objektivismus: Das Bemühen um den rechten Glauben führt leicht dazu, dass die prinzipielle Unfassbarkeit und Lebendigkeit in der Begegnung mit dem Mysterium einem System fixierter Glaubenssätze geopfert wird. Da kann der Haiku-Blick zu einer Befreiung aus der Verhaftung in erstarrten Gedankengebäuden beitragen.
Das Haikudichten unterliegt bei uns eher einer subjektivistischen Gefahr: Die Faszination des Haiku führt leicht zu der ambitionierten Versuchung, das Mysterium mit selbstgemachen Wortschöpfungen einkreisen zu wollen. Da kann eine spirituelle Haltung zu einer Vertiefung beitragen, die das Haiku vor der Banalisierung und dem Abgleiten in eine Art wortkunstgewerbliche Serienproduktion bewahrt.

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