Macht

Unter die Machtworte fällt auch der Begriff der Macht selbst. Macht im politischen Sinne ist unter den Menschen, die nicht aktiv an ihr teilhaben, weitgehend negativ besetzt. Das zeigt sich in vielen Gesprächen über Politik und findet auf machtvoll ohnmächtige Weise seinen Ausdruck in der hohen Zahl derer, die sich weigern, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Macht wird sehr schnell mit Machtmissbrauch in Verbindung gebracht. Dahinter steht die durch negative Beispiele und entsprechende Schlagzeilen immer wieder bekräftigte Erfahrung: „Macht korrumpiert, weil doch jeder zuerst an sich selber denkt und bei sich bietender Gelegenheit in die eigene Tasche wirtschaftet.“

Wenn „Macht“ und „Machtmissbrauch“ fast zu Synonymen werden, hat das Gründe und ist zugleich ein Grund dafür, den Begriff der Macht neu zu begründen.

Abusus non tollit usum – der Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Macht als solche ist weder gut noch böse, sondern das Potential, bestimmte Ziele im Kräftespiel widerstreitender Akteure zu verwirklichen. Dieses „Macht“ genannte Potential ist in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich ausdifferenziert. Während in der Kinderhorde schon die Überlegenheit bei den Körperkräften Macht verleiht, funktioniert Macht in komplex strukturierten Gesellschaften auf weitaus vielschichtigere Weise.

Diese Vielschichtigkeit ist einerseits eine historische Errungenschaft und soll der Machtregulierung dienen. Macht muss in der Gesellschaft gezähmt, begrenzt, geteilt und reguliert werden, damit nicht einfach weiter wie in der Kinderhorde das Recht des Stärkeren gilt. Andererseits ist die Vielschichtigkeit und Wirkungsweise dieser Regulierungsmechanismen nicht immer leicht zu durchschauen.
Vor allem aber sind die Instrumente der Machtregulierung wie Recht und Gesetz und die mediale Öffentlichkeit selbst ein Teil des Ringens um die Macht. Sie können von den Mächtigen beeinflusst und in ihrem Sinne genutzt oder verändert werden.

Der reinen Macht wohnt die Tendenz inne, sich selbst unangreifbar zu machen. Damit aber setzt sie sich selbst absolut und unterwirft sich alles, was ihr im Wege steht. Das kann mit offener Selbstherrlichkeit in der Manier absolutistischer Machthaber geschehen. Das kann aber auch in vermeintlich bester Absicht für „unser Volk und Vaterland“ erfolgen. An dieser Stelle offenbart
sich die mitunter bizarre Blindheit der Mächtigen, die beim unbeirrten Verfolgen ihrer Ziele den Blick für die Wirklichkeit verlieren, weil sie diese nur noch durch die Freund-Feind-Brille ihrer Machtinteressen betrachten. So kann es geschehen, dass einer über Leichen gehen und dennoch behaupten kann: „Ich liebe euch doch alle!“

Die hässliche Seite der Macht, die auch in ungerechtfertigter Vorteilsnahme und Bereicherung bestehen kann, erzeugt verständlicherweise Abscheu und Misstrauen gegen die Macht schlechthin.
Doch ist die Dämonisierung der Macht die falsche Konsequenz, weil sie nicht zu mehr kritischer Reflexion, politische Partizipation und Machtkontrolle führt, sondern das Gegenteil von alldem bewirkt. So trägt die Ablehnung jeder Form von Macht gerade dazu bei, dass die hässliche Seite der Macht um so stärker hervortreten kann, weil sie die Kräfte schwächt, die an Äußerungen der Macht leiden und zu ihrer Regulierung und Kontrolle beitragen könnten. Statt die Macht als solche zu diffamieren, sollte differenzierter über Machtbefugnisse und Machtbegrenzungen, Machtinteressen und politische Ethik, Machtmechanismen und Machtkontrolle aufgeklärt und weiter nachgedacht und gerungen werden

Der Begriff „Macht“ ist selbst ein Machtwort, weil sein Verständnis und seine Handhabung
wichtige gesellschaftspolitische Folgen haben.

Paris – 3. To do or not to do

Einem Deppen gleich steht Paris nun nach dem für ihn völlig unerwarteten Ausgang seiner Gerechtigkeitsbemühungen vor der grundsätzlichen Frage, ob nicht vielleicht das ewig Weibliche die Wurzel allen Übels sei. Anders kann es ja wohl nicht sein, wenn sich das Dilemma mit dem Apfel der Schönsten weder durch eine ehrliche Herzensentscheidung noch durch einen regulativen Akt der praktischen Vernunft befriedigend beseitigen lässt.
Ich kann machen, was ich will, denkt der dank unserer literarischen Interventionen immerhin um einige wichtige Erfahrungen reichere Paris. Es gibt keine Lösung, weil das durch die Willkürreaktionen dieser Frauen hervorgerufene Ergebnis jeglichen Handelns so oder so nur die Probleme mit ihnen vergrößert.
Wenn das aber so ist, wenn das Tun wegen dieser besonderen weiblichen Umstände nur zu größerem Übel führt, dann kann der Dreh aus diesen Kalamitäten nur im Lassen und Nichttun liegen. Verweigerung also, Passiver Widerstand!

Auf diesem Auswegpunkt seiner höchst existentiellen Reflexionen angekommen tritt Paris nun den funkelnden Frauen mit folgenden Worten entgegen: Oh ihr Schönsten der Schönen, die ihr ein Urteil begehrt, das selbst Götter, geblendet vom Glanz eurer Erscheinung, nicht zu fällen vermögen, lasst ab von der Frage, die Glück verheißt und doch Unglück nur zeitigt. Lasst euch an eurer Einzigartigkeit Genüge finden und sucht nicht den Vergleich, der nur Unfrieden und Verderben bringen kann!

Doch ach nur kurz waren der Eindruck und die Stille, die unter den Frauen auf die Worte des Paris folgten.
Du bist ein halber Jüngling noch und redest wie ein Greis, der sich nur noch der Lust der Gedanken hinzugeben vermag!, begann Athene.
Er hat keinen Arsch in der Hose! Das ist alles, brachte es Hera auf den Punkt.
Und Aphrodite fügte mit gefährlich glänzenden Augen hinzu: Wer sich nicht entscheiden mag, wird die Liebe nicht finden, sondern alles verlieren. Wir werden einen anderen suchen müssen, der unserer Frage gewachsen und würdig, einen der Manns genug ist, Antwort zu geben! Kommt, meine Schwestern!

Mit Verachtung wenden sich die Frauen von Paris ab und lassen ihn stehen. Es scheint, er hat wieder einen Krieg verhindert, ohne den Frieden gefunden zu haben. Und Krieg wird es auch ohne ihn geben, denn die Frauen werden gewiss sehr schnell ein anderes Opfer finden, wenn er sich zu handeln weigert. Doch was hätte er tun können?

(Fortsetzung am 01.09.2012)