Paris – 4. Der Geist der Zeit

Ist Paris letzten Endes der ewige Verlierer, der lediglich vor der Wahl steht, ob er das zwangsläufig von den Frauen her drohende Ungemach nach homerischem Vorbild gegen sein Gemeinwesen oder in edler Einsicht und Absicht nur gegen sein eigenes Wesen lenken will?
Oder ist unser Paris – gleichsam notwendigerweise – zuerst ein Suchender und Lernender, der in seinem freilich von uns angestoßenen immer neuen Bemühen um eine Emanzipation von dem Ursprungsübel Möglichkeiten erprobt und Wege erkundet, die auch wenn sie schmerzvoll doch ein Gewinn sind beim Versuch, dem verzehrenden Feuer der Frauen Antwort zu geben, ohne in ihm zu verbrennen?

Es kommt also darauf an, dieses Feuer zu lenken, denkt Paris. Da ich das brennende Begehren der Frauen, die Einzigschönste zu sein, weder befriedigen noch besänftigen oder beseitigen kann, ohne Schaden zu verursachen oder selbst Schaden zu nehmen, muss ich versuchen, es in annehmbare, am besten sogar nützliche Bahnen zu lenken. Das Feuer kann den Menschen doch auch nützlich sein.

Das ist eine Aufgabe für einen Prometheus, einen Vorausdenkenden. Vorausdenken ist nötig, wenn als Lösung weder ein Alles-oder-Nichts im Sinne einer Wahlentscheidung oder einer expliziten Entscheidungsvermeidung noch ein egalisierendes Sowohl-Als auch im Sinne einer Apfelteilung als einer impliziten Entscheidungsvermeidung in Frage kommen.
Vorausdenken heißt aber, die Zeit als die entscheidende Dimension einbeziehen, die über das unauflösbare Dilemma der fraulichen Koexistenz auf der ebenso platten wie schwierigen Ebene von Raum und Rang hinausführt.

Und so spricht Paris nun zu den drei Damen ein Urteil aus dem Geist der Zeit:
Höret, ihr Holden, die ihr allesamt den Apfel der Schönsten begehret, den doch eurer Art gemäß von euch eine nur empfangen kann! Wenn heute ich das Urteil spreche, um das ihr mich gebeten, dann spreche ich es heute. Für heute nur vermag ich Sterblicher im Wandelwind des Werdens und Vergehens eine so wichtige Frage entscheiden. Wer heute die Schönste von euch, muss es nicht für alle Zeiten sein. Darum kommet, nachdem ihr meinen Spruch vernommen, in einem Jahr wieder, auf dass ich dann sehe, wer zu dieser Zeit die Schönste sei.

Unter den verblüfften Blicken der Kandidatinnen überreicht er nun Hera den Apfel. Sei es, dass er ihr als der Ältesten und Mächtigsten aus männlicher Ritterlichkeit heraus zur Zeit den Vorzug gibt, oder sei es, dass er in einem erfahrungsgereiften Anflug von diplomatischer Schläue bereits kalkuliert, dass sie nicht die frischeste unter den Bewerberinnen und folglich als erste zufriedenzustellen sei.
Was interessieren uns auch die Sublimitäten der verborgenen Motive, wo es doch um die Härte der Realität geht, die mit dem Urteil des Paris verbunden ist?!

Im einem Jahr wieder! Mit diesem Bescheid im Geist der Zeit nimmt Hera sichtlich zufrieden den Apfel aus des Paris Hand entgegen.
In einem Jahr ist zugleich die Perspektive, die sich für Athene und Aphrodite auftut und sofort in ihre Seelen den Samen des Bestrebens sät, das wir als nächstes einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen haben.

(Fortsetzung folgt am 15.09.2012)

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