Wann kommt das Ethik-Siegel?

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Liebe Mitkundinnen, liebe Mitkunden,

wir sind König. Das ist mehr als schön und gut. Das gibt uns Macht und, ja auch Verantwortung. Wir haben das schon oft erlebt.

Wenn wir sehen, wie für unsere Majestät gezüchtet, gedüngt, gemästet und geschlachtet wird, wenn wir erfahren, wie produziert und gehandelt wird, damit wir preisgünstig konsumieren können, dann erregt das unser königliches Gemüt. Und viele von uns haben es nicht dabei belassen, sondern sind aktiv geworden, wo Missstände unser souveränes Eingreifen erforderten.

Deshalb gibt es heute bestimmte Standards, die z.B. in Form von Ökosiegeln oder Fairtrade-Siegeln auch sichtbar sind. Gewiss kann auch damit Missbrauch getrieben werden, wenn wir nicht weiter kritisch hinschauen. Doch insgesamt ist damit ein Fortschritt in Richtung auf mehr Gesundheit, Gerechtigkeit und Umweltverträglichkeit gemacht. Wer, wenn nicht wir, der Souverän, soll dafür sorgen?

Wir profitieren vom Wettbewerb der Erzeuger und Händler. Und wir greifen regulierend ein, wo uns die „Nebenkosten“ und „Kollateralschäden“ zu hoch erscheinen. Doch manches entgeht auch unserem königlichen Auge – seltsamerweise auch gerade das, was uns am nächsten ist.

Immer wieder hören wir von den Praktiken, wie die großen Einzelhandelsketten mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen. Das Personal wird knapp gehalten, um billiger wirtschaften zu können – zu unserem königlichen Preisvorteil, versteht sich. Das verursacht natürlich enormen Druck und Stress bei den Betroffenen. Manche halten das auf Dauer nicht durch, und andere warten schon auf ihren Job. Die Wettbewerbsschraube bohrt sich vor allem in die zu Markte getragene Haut der Angestellten. Kein Wunder, dass sie nicht immer gut drauf sind.

Doch das soll jetzt anders werden! Wie Sophie Schimanski am 11.10.2012 in ZEIT ONLINE berichtet, wird dem Verkaufspersonal jetzt Freundlichkeit verordnet. Ein König darf das schließlich erwarten, und seine Gunst soll dem Unternehmen doch erhalten bleiben. Was auf den ersten Blick fast selbstverständlich scheint, erweist sich beim genaueren Hinsehen als schwerwiegendes Problem. Die Angestellten sollen ein maskenhaftes Dauerlächeln aufsetzen und vorgegebene Floskeln abspulen. Von ihnen wird erwartet, dass sie genormte Gefühlsäußerungen zeigen und ihre persönlichen Gefühle dahinter verbergen. Mit verdeckten Testkäufen wird ermittelt, wer diesen „Qualitätsstandards“ entspricht und wer nicht. Arbeitspsychologen und Gewerkschafter diagnostizieren die negativen Auswirkungen auf die Persönlichkeit der Betroffenen.

Wir werden tagtäglich Zeugen dieses erzwungenen Schauspiels, das Menschen neben uns ihrer Menschlichkeit beraubt und sie zu Verkaufsautomaten macht. Vielleicht wächst allmählich auch ein Gespür dafür, was sich da in unserer unmittelbaren Umgebung abspielt. Dürfen die Untertanen der Discountfürsten hoffen, dass der König etwas davon mitkriegt und auch hier regulierend eingreift?

Ein Ethik-Siegel, das die Personalführung der Unternehmen auf ethische Maßstäbe hin bewertet, könnte Abhilfe bringen. Wenn einzelne Supermarktketten damit zertifiziert würden, hätte das auch garantiert Folgen. Ich würde jedenfalls lieber dort einkaufen, wo ich von richtigen Menschen bedient werde. Und Sie?

Wann kommt das Ethik-Siegel? Es kommt nicht von allein. Dazu bedarf es schon des königlichen Willens. Wir sind König.

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