Paris – 7. Das Kittelschürzenkollektiv

In der Plantagenwirtschaft geht es nicht mehr darum, wer den Apfel für sich gewinnt, sondern einzig um die Frage, wieviel jeder für den Apfel und damit für die ganze Gesellschaft leisten kann. Alle sollen Gewinner sein, gleich und gerecht, geformt vom Kollektiv, das großzügig Arbeit für alle garantiert und alle Frauen mit modisch bedruckten und praktisch durchzuknöpfenden Kittelschürzen aus knitterfreiem Stoff ausstattet.
Doch damit nicht genug: Jedes Jahr mitten in der ersten Märzhälfte, wenn die starken Frühlingskräfte den Winter zu vertreiben beginnen, werden sie mit frischen Blumen beschenkt und mit Worten der Anerkennung bedacht, und dann gibt es Apfeltorte mit Sahne und Bohnenkaffee und hinterher Bockwurst und Apfelkorn, und eine Männertanzgruppe tanzt für sie, und es gibt noch mehr Apfelkorn, und die gesellschaftliche Reproduktion kommt voran.

Sollten Hera, Athene und Aphrodite nicht dankbar sein, endlich ihren Platz und ihre Bestimmung in der Geschichte gefunden zu haben, befreit von der zwangsläufigen Verelendung und Vereinsamung früherer Zeiten, in denen noch die Konkurrenz das primäre Verhältnis der Menschen zueinander bestimmte? Paris und viele von uns mögen anfangs so gedacht und gehofft und daran geglaubt haben.

Apropos Paris: Welche Rolle spielt er eigentlich in diesem neuen Stück, in dem es keine Schönste mehr geben darf, weil alle antagonistischen Widersprüche überwunden gelten? Sagen wir offen, wie es ist: Er ist kaum noch zu sehen, denn er läuft mit einer Maske herum und trägt eine optimistische Planerfüllungsmiene zur Schau.
Doch tief in seinem Herzen nagt der Zweifel, ob es denn richtig war, die einzigartigen Schönheiten in kittelbeschürzte Kollektivwesen zu verwandeln.Grau ist diese Welt, grau das Leben und grau werden auch die Frauen schon zur Zeit ihrer Blüte, wenn sich nicht bald wieder etwas ändert.
Aber wie soll sich etwas ändern, wo nun einmal das Kollektiv, in dem keiner verantwortlich, aber jeder verdächtig ist, das Sagen hat und mit unzähligen Augen und Ohren darüber wacht, das nichts gesagt wird, was ihm als unsäglich gilt? Sind wir nun am Ende der Geschichte angekommen?

(Fortsetzung ungewiss)

 

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