Paris – 9. Und nun?

Es ist eine heikle Begegnung, als Paris seinen drei Göttinnen nach deren Sieg über die kollektivistischen Veräpfeler wieder gegenübertritt. Ich bewundere und gratuliere euch zu eurem Mut und eurem Witz und… ja, zu eurer aufregend weichen Beseitigung der Kittelschürzenordnung. Das war eine runde Sache!
Paris ist spürbar bemüht, seinen Worten Festigkeit und Charme zu verleihen, um damit eine Brücke zu den Frauen zu bauen.
Doch Hera entgegnet ihm sofort: Schau mal eine an! Wen haben wir denn da? Paris! Weißt du noch, wer uns überhaupt erst in diese Lage gebracht hat?
Das war ich, entgegnet Paris trotzig. Ich hatte keine andere Wahl mehr.
Keine andere Wahl ist gut, erwidert Aphrodite. Du solltest doch eine von uns wählen, die Schönste von uns!
Doch damit gibt sie Paris das, was man eine Steilvorlage nennt: Genau das habe ich nun schon auf verschiedenste Weise durchgespielt. Und jedes Mal gab es eine Katastrophe!
Eu! Eu!, mischt sich nun auch Athene in das Gespräch. Eu! Eu! Ob damit nun das griechische Wort für „gut“ gemeint ist, oder zum Ausdruck gebracht werden soll, dass ihr Vogel die weise Eule ist – auf jeden Fall ist der Einwurf als Bekundung des Staunens und der Nachdenklichkeit zu werten und damit als der Weisheit Anfang.
Solchermaßen ermutigt wagt sich Paris einen Schritt weiter nach vorn: Wo ist eigentlich Zeuss bei der ganzen Geschichte geblieben? Wäre es nicht seine Aufgabe gewesen, den Apfel der Eris an die rechte Frau zu bringen?
Zeuss! Hera funkelt. Dieser Schlappschwanz! Der schleicht hinter jeder Quellnymphe her, doch wenn er uns gegenübertreten soll, dann…
Eu! Eu! fällt Athene wieder ein, und Paris begreift, dass er dem Gespräch jetzt besser eine andere Wendung geben sollte.
Also, ich glaube, fährt er fort, ihr habt selbst die beste Antwort auf die Frage nach dem Apfel gegeben: Hier sind die Äpfel! Jede von euch hat doch zwei so herrliche Exemplare davon, dass wir diesen künstlichen Klumpen hier gar nicht mehr benötigen. Mit diesen Worten greift er in seine Hosentasche, zieht das Objekt der Begierde hervor und wirft es mit kräftigem Schwung in den Mäander, der unweit vom Ort des Geschehens kurvenreich Poseidons großem Reich entgegenströmt.
Was für ein kühner Wurf!, staunt Hera.
Was für ein charmanter Mann!, lächelt Aphrodite.
Eu legeis! sagt Athene. Du hast gut gesprochen.
So steht Paris nun den drei Frauen gegenüber.
Der Zankapfel ist weg.
Doch sie sind ganz dicht vor ihm.
Und nun?

(Fortsetzung folgt)

Paris – 8. Das Busenwunder

Sind wir nun, in der Ära der kollektiven Veräpfelung, am Ende der Geschichte angekommen? Es mag den Anschein haben, denn wo das Subjekt verschwindet, wer kann da noch Geschichten, geschweige denn Geschichte machen?

Indes, unterschätzen wir unsere Frauen nicht! Wir können doch nicht ernsthaft annehmen, dass die göttliche Hera, die göttliche Athene und die göttliche Aphrodite so mir nichts dir nichts in ihren Kittelschürzen verschwinden!
Im Gegenteil: Hera will schon von Anfang an, stimuliert auch von den tief empfundenen Vibrationen ihres Traktors, mehr Gegenbewegung. Und Aphrodite versucht ständig, ihre Reize auszureizen. Die kluge Athene aber rät und mahnt, die Zeit reifen zu lassen, bis ein Umsturz in der Plantagenwirtschaft genügend Aussicht auf Erfolg hat, weil die Gefolgschaft der Veränderungsbereiten so weit angewachsen scheint, dass sich ihr niemand mehr im Namen des Kollektivs in den Weg zu stellen vermag.

Vielleicht registrieren wir inzwischen, dass sich unser Blick auf die drei Göttinnen gehörig verändert. Jetzt avancieren sie zusehends zu Sympathie- und Hoffnungsträgerinnen. Wer, wenn nicht sie, kann unter dem allgegenwärtigen Diktat des Kollektivs etwas bewirken? (Nebenbemerkung in Klammern: In der Opposition können Göttinnen und ihre Göttergatten so richtig toll sein.)

Die himmlischen Weiber haben längst erkannt, dass dem System der Massenmenschenhaltung nicht mit Argumenten und auch kaum mit der Gewalt der erhobenen Fäuste beizukommen ist. Es bedarf vielmehr eines subtileren Ansatzes, der unter Einsatz basaler Triebeskräfte die Anarchiewilligen aufreizt und sich erheben lässt, die Verhüter des Aufstandes aber irritiert und paralysiert.

Eines schönen Sommertages während der Feierlichkeiten zu den alljährlich begangenen kollektiven Apfelplantagenfestspielen ist die Zeit gekommen. Hera, Athene und Aphrodite treffen sich wie zufällig an einem Grill. Zum einen, um noch einmal gehörig Glut in sich aufzunehmen, zum anderen aber weil hier viele Festspielbesucher um eine der begehrten Würste anstehen. Und dann – wie auf ein geheimes Kommando – streifen sie sich gleichzeitig die Kittelschürzen von den nackten Leibern und rufen für alle unüberhörbar: „Hier sind die Äpfel!“
Die Wirkung dieses Rufs und dieser Tat ist ungeheuerlich: Es gibt einen kurzen Moment der Stille, in dem man das Nagen der Würmer in den Äpfeln im Biobereich der Plantagenbäume und das Summen der Obstfliegen um den wie stets subventionierten Apfelwein deutlich hören kann.
„Hier sind die Äpfel!“ Dieser Ruf pflanzt sich mit dem Geräusch zerreißender Kittelschürzen tausendfach fort, und in diesem selben Moment zerreißt auch das System.

Wie genau das möglich geworden, welche elementaren Kräfte und Kausalitäten dazu beigetragen, welche Rolle der Männer Kräfte und Säfte dabei gespielt – über alle diese Fragen forschen Historiker und Feminologen wohl noch lange Zeit.
Wichtig für uns und für unseren Paris ist und bleibt das Ergebnis:
Hera, Athene und Aphrodite verüben unter den widergöttinlichsten Bedingungen gemeinsam eines der größten weiblichen Wunder: das Busenwunder. „Hier sind die Äpfel!“ – Die Zeit der Diktatur der kollektiven Veräpfelung ist vorüber.

(Fortsetzung folgt)