Weihnachten – Gott wird Mensch

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1, 14

Unübersehbar und einzigartig ist unser Weihnachten. Wie kein anderes Fest wird es erwartet, vorbereitet und gefeiert. Es ist das non plus ultra: Wenn wir uns über etwas ganz besonders freuen, dann sagen wir manchmal: Das ist wie Weihnachten!

Zu Weihnachten geht es um die ganz große Freude. Das hat schon der Wochenspruch vom 4. Advent zum Ausdruck gebracht. In der Weihnachtsgeschichte aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums verkündet der Engel die große Freude, welche allem Volk widerfahren soll.
Aber wie und was ist und bedeutet Weihnachten eigentlich genau?

Weihnachten, das Fest der Geburt Christi, ist kein historisch exakt zu bestimmendes Datum. Die ersten Christen kannten es noch nicht. Erst im vierten Jahrhundert wurde es zu einem bedeutenden Fest mit einem festen Datum.

Im Neuen Testament spielt die Geburt Jesu im Vergleich mit Ostern nur eine recht marginale Rolle. Für Paulus, dem ersten der Autoren des Neuen Testaments und Verfasser einiger nach ihm benannter Briefe, ist Weihnachten kein Thema. Auch Markus, der älteste Evangelist, erzählt nichts von der Geburt Jesu, sondern setzt mit seiner Taufe durch Johannes den Täufer ein.
Von Lukas haben wir die bekannte Weihnachtsgeschichte, die wir im 2. Kapitel seines Evangeliums finden: Lukas erzählt von der Steuerschätzung des Kaisers Augustus und dem dadurch veranlassten mühevollen Weg, den Josef mit der schwangeren Maria von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in das jüdische Land antreten muss. Von der Schwierigkeit, dort ein Quartier zu finden, und von der Krippe, in die das neugeborene Jesuskind gelegt wird. Von den Hirten auf dem Feld und der Erscheinung und Verkündigung der Engel. Davon, wie die Hirten zur Krippe kommen, die junge Familie finden und das Wort von diesem Kinde ausbreiten.

Ganz anders Weihnachtsgeschichte von Matthäus: Er erzählt von dem Stern, den Magier (Weise) im Orient entdecken. Sie deuten ihn als ein Zeichen für einen neuen König der Juden und ziehen nach Jerusalem, wo sie aber nur den alten König Herodes finden, der nichts davon weiß und um seine Macht fürchtet. Als seine Schriftgelehrten die alte Weissagung des Propheten Micha (5,1) zitieren, nach der der künftige Fürst Israels aus Bethlehem kommen soll, ziehen die Weisen von ihrem Stern geleitet dorthin, finden María und das Kind, beten es an, beschenken es mit Gold,Weihrauch und Myrrhe und kehren auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück. Herodes aber lässt in und um Bethlehem die Kinder bis zum Alter von zwei Jahren töten, was die junge Familie zur Flucht nach Ägypten veranlasst.

Die beiden Geburtsgeschichten des Lukas und des Matthäus sind ursprünglich zwei völlig selbständige Erzählungen, die im Kontext ihrer Evangelienbücher auch ganz unterschiedliche Aussageabsichten verfolgen. Erst viel später hat man sie als aufeinander folgende Ereignisse der einen (konstruierten) Weihnachtshistorie gedeutet und legendarisch weiter ausgeschmückt: Zur Krippe kam dann der Stall mit Ochs und Esel, und aus den Geschenke bringenden Magiern wurden die Heiligen drei Könige.

Johannes, der vierte Evangelist, geht das Thema ganz anders an: Er erzählt keine Geschichte von der Geburt Jesu, sondern bringt am Anfang seines Evangeliums einen feierlichen Hymnus, in dem er die Herkunft Jesu viel weiter fasst und viel tiefer deutet. Bis an den Anfang der Schöpfung geht er zurück: Am Anfang war das Wort. Gemeint ist der göttliche Logos, der viel mehr ist als ein bloßes Wort in unserem Sinne. Er ist letztlich Gott gleich und Gottes schöpferische Kraft. Von diesem Logos sagt nun der Spruch des Weihnachtsfestes und des darauf folgenden Sonntags: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Diese Umschreibung und Deutung der Geburt Jesu ist trotz ihrer formelhaften Kürze und trotz des Verzichts auf eine erzählerische Ausgestaltung theologisch viel bedeutungsvoller als die Weihnachtskapitel des Matthäus- und des Lukasevangeliums. Hier ist von der Inkarnation, der Fleischwerdung des Wortes, die Rede. Das heißt: Gott selbst wird in dem Jesuskind ein Mensch und teilt das Leben und Leiden der Menschen am eigenen Leibe bis zum Tod am Kreuz.
Das ist eine der tiefsten und weitreichendsten Grundaussagen des christlichen Glaubens. Alle Ideologien und alle Spekulationen über Gott werden dadurch überboten bzw. unterlaufen: Es gibt keine Erklärung, keinen Beweis, keinen Weg von uns Menschen zu Gott und jedes Bild, das wir Menschen uns von Gott machen, muss sich an diesem Satz messen lassen: Gott selbst kommt menschlich zu uns in einem Kind. Er wählt den Weg in die Schwachheit und Niedrigkeit. Er liefert sich aus und macht auf diese Weise sein eigentliches Wesen sichtbar: die Liebe.
Das menschliche Streben ist vom Eros geleitet: der Liebe zum Schönen, Edlen, Großartigen. Es ist die Bewegung nach oben zum Höheren. Gottes Liebe aber ist Agape, die Hinwendung zum Schwachen und Hilfsbedürftigen, der Weg nach unten, um Licht und Heil in die Finsternis der menschlichen Lebenswirklichkeit zu bringen.
In dieser Umkehr der Lebensrichtung und Neuausrichtung der Wertmaßstäbe wird das Besondere, Revolutionäre und – im Sinne einer Ökologie des Zusammenlebens – Zukunftsweisende des christlichen Glaubens sichtbar. Der Inkarnationsgedanke kehrt die Suchrichtung um: Gott ist nicht in einem fernen Himmel als ideales aber lebensfernes höheres Wesen zu finden, sondern in dem liebebedürftigen Nächsten, in dem sein Glanz und seine Herrlichkeit für die aufleuchtet, die Augen dafür haben.

Es ist besser

Es ist besser, mit den Engeln zu singen als mit den Wölfen zu heulen.

Wenn Worte eine Wirkung haben, und die haben sie, dann richten wir uns mit ihnen in unserer Welt ein.
„Die Sprache ist das Haus des Seins“, sagt der Philosoph Martin Heidegger dazu.

Wie haben wir uns eingerichtet?
Und ist da vielleicht ein Umbau oder eine Sanierung fällig?

Wenn wir mit den Wölfen heulen, leben wir in einer Wolfshöhle, lauern auf das nächste Opfer und fürchten uns, bald selbst ein Opfer zu werden.
Das Wolfsgeheul scheint allgegenwärtig zu sein. Die sich häufig hoch auftürmenden Empörungswellen bringen in der Regel kein Löschwasser, sondern gießen statt dessen Öl ins Feuer. (Und dabei gibt es kaum etwas, was Wölfe mehr fürchten als das Feuer.)

Besser ist es, mit den Engeln zu singen.
Das erscheint seltsam und befremdlich? Weil wir es verlernt und kaum wieder probiert haben.
Natürlich kann man sich damit lächerlich machen. Aber wir wären dabei in bester Gesellschaft.
Nur eins ist der Gesang der Engel nicht: Leeres, abgehobenes, realitätsfernes Trallala. Es ist vielmehr der Beginn einer neuen Realität inmitten der Trümmer, die aus dem Wolfsgeheul entstanden sind. Der Gesang der Engel ist die Grundsteinlegung für ein neues Haus, in dem Frieden herrscht und Freude wohnt.

Sicher sind das große Worte. Eben deshalb ist es Zeit, darüber zu reden.
(Weihnachten wäre dafür kein schlechter Zeitpunkt.)

Heiligabend

Ich hänge wieder Kugeln an die Zweige.
Ich stecke ein paar Lichter auf den Baum,
und dabei ist mir wie in einem Traum,
den ich mir selber immer wieder zeige.

Wie schön und schmerzlich leuchtet das Gedenken
an alle Jahre, die vergangen sind.
Ich war so lange, lange nicht mehr Kind.
Wird mir noch einmal jemand Freude schenken?

Es führt kein Weg zurück in alte Zeiten.
Die Gegenwart ist Gottes Ewigkeit.
Bist heute du, mein Herz, für sie bereit?

Im Buch des Lebens gibt es neue Seiten,
die heute für dich aufgeschlagen sind:
wirst gebraucht und zwar von diesem Kind.

Der Engel am Heiligen Vorabend

Der Weihnachtsengel übt noch seine Rolle.
Er kennt die Worte; doch sie sind ihm schwer.
Das Haus ist kalt, die Bänke vor ihm leer.
Die Anderen genießen jetzt schon Stolle.

Laut, fast schon schreiend sagt er an die Freude,
die allen morgen widerfahren soll.
Und irgendwie ist ihm dabei nicht wohl:
Er weiß doch, wie sie denken, seine Leute.

Sie hören gerne süße Engelsstimmen
und zögen liebend gern ihm Flügel an.
Bei dem Gedanken fühlt er sich ergrimmen.

Oh Gott, was ist das für ein Weihnachtswahn? –
Willst du, dass dich die Menschen morgen hören,
musst deinen Engel du zuerst bekehren!

4. Advent – Freut euch!

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! (Philipper 4,4-5)

Freude kann man doch nicht befehlen! Auch und gerade zu Weihnachten geht das nicht. Ja, es droht sogar gründlich schief zu gehen, wenn etwa die Mutter ihre ganze Familie auf Freude programmieren will, wenn riesige Erwartungen aufgebaut werden und alle bald genervt denken: Wenn es bloß erst vorbei wäre! Das ist der Stoff, aus dem manche moderne Weihnachtserzählungen und Spielfilme gemacht sind.

Weihnachten ist das Fest der Freude. Und genau deshalb ist es für viele auch ein schwieriges Fest.
Über Gott und die Welt meckern kann man mit vielen Menschen und dabei ein schnelles Einverständnis erzielen. Bei der Verabschiedung heißt es dann: Naja, mach’s mal trotzdem gut!
Mit der Freude ist das nicht so einfach, denn Freude ist etwas Zartes und Intimes. Sie rührt an etwas, wo wir ganz weich und verletzlich sind. Deshalb können sich bei echter Freude auch die Quellen öffnen, aus denen die Tränen fließen. Schmerz und Sehnsucht schwingen mit und finden in der tiefen Freude ihre Erlösung. Daran mag man nicht so ohne weiteres rühren. Erlittene Verletzungen und Enttäuschungen wirken lange nach.
Wo man diese Tiefe meiden will oder längst verdrängt und vergessen hat, wird auf Spaß gemacht. Die lustigen Musikanten stehen immer bereit.

Mit der Freude ist es wie mit unseren Wochensprüchen: Sie braucht einen Kontext, einen Raum, in dem sie sich ganz entfalten kann. Das Verstehen spielt dabei auch eine wichtige Rolle: Verstehen und sich verstanden fühlen.
Tiefe und dauerhafte Freude hängt deshalb auch nicht an den Dingen, die wir uns morgen schenken. Sie kann nur bei uns einziehen, wenn der zum Himmel stinkende Haufen aus verdorbenen Begegnungen, Kränkungen und Befürchtungen weggeräumt, wenn die Seele für das große Fest bereitet wird und die Ichmagdichtrotzdem-Worte wieder einen Weg in die Herzen finden können. Dazu braucht es starke, mutige und sensible Kräfte – wie diesen Herrn und Knecht, dieses Kind, von dem der christliche Glaube weiß und erzählt.