3. Advent – Hilfe! Er kommt.

Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig. (Jes 40,3.10)

Der Wochenspruch zum 3. Advent kann bedrohlich klingen. In einer Zeit, in der Religion von vielen Menschen mit Argwohn und Misstrauen angesehen und mit Fanatismus und Gewalt in Verbindung gebracht wird, ist dieser Doppelspruch vom Anfang des zweiten Jesajabuches (Kap. 40-55) besonders sensibel zu betrachten – sowohl von den Auslegern wie auch von den Hörern und redlichen Skeptikern.

Worte gewinnen in der Regel erst durch ihren Zusammenhang die Eindeutigkeit und Klarheit, mit der sie ursprünglich gesagt und aufgeschrieben wurden.
Hier geht es Trost und Ermutigung für ein unterdrücktes Volk. Israel wurde um 580 v. Chr. von der babylonischen Großmacht besiegt. Dabei wurde der unter König Salomo erbaute Tempel als zentraler Ort und Symbol seines Glaubens und seiner Identität zerstört, und die Leistungsträger des Volkes wurden ins Zweistromland verschleppt. Eine frühe geschichtliche Katastrophe für Israel, auf die noch viele weitere folgten. Würde sich Israel in der „Zerstreuung“ auflösen und von der geschichtlichen Bühne abtreten, wie viele andere alte Völker es taten?
Durch die besondere Art seines Glaubens ging Israel einen anderen, aber leidvollen Weg, der bis in unsere Gegenwart führt.
Vor zweieinhalbtausend Jahren waren es Propheten wie Jesaja, die das Volk in seinem Glauben stärkten, die Not und das Leid selbstkritisch reflektierten und zu einer neuen Zukunft ermutigten.
Nach vierzig Jahren kam es 539 zu einer gewaltlosen Besetzung Babylons durch den Perserkönig Kyros. Eine neue Zeit brach an. Die Verschleppten durften in ihre Heimat zurückkehren und beginnen, den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen.

Der namenlose Prophet, der wegen der Einordnung seiner Worte in die Bibel einfach „Deuterojesaja“ (der zweite Jesaja) genannt wird, hatte vor dieser Wende mit den Israeliten in Babylon gelebt und an dem starken inneren Ringen seines Volkes Anteil genommen.

Für uns kann die ungeheuere Spannung, die damals auf den Menschen lastete, etwas näher rücken und verständlicher werden, wenn wir an die Situation der Christen in der DDR denken. Die selbsterklärten Sieger der Geschichte setzten auf die eigene bewaffnete Stärke, perfektionierten das gesellschaftliche Geflecht ihrer Macht, reklamierten den Fortschritt und die historische Wahrheit, die Aufklärung und die Wissenschaft für ihr System und gingen davon aus, dass die Anhänger des alten (Aber-) Glaubens bald der Vergangenheit angehörten. Im Interesse einer beschleunigten Durchsetzung dieser unumkehrbaren Entwicklung wurde dann auch mit mehr oder weniger Nachdruck auf die Christen eingewirkt. Diese mussten sich entscheiden, ob sie am gesellschaftlichen Fortschritt teilnehmen, oder an den alten, überholten Anschauungen der Vergangenheit festhalten wollten.

Was für eine Situation, wenn man mittendrin steckt: Fragen, Ängste, Zweifel, Verlockungen, Konflikte, Verdächtigungen, Druck, Gewissensnöte, Verstrickungen!

Die Israeliten in Babylon wussten nicht, dass die eiserne Faust der Babylonier und die machtvollen Inszenierungen ihrer Götter nach vierzig Jahren wie ein Kartenhaus zusammenbrechen würden. Doch die Worte ihrer Propheten ermutigten das Volk, Gott nicht als untergegangene Größe der Vergangenheit zu betrachten. Vielmehr sollen sie ihn ganz neu erwarten. Das heißt auch von und mit ihm etwas ganz Neues zu erwarten. Er kommt an in dunkler Zeit und bringt Licht und Leben.

Wo dieser Glaube die Menschen erfüllt, werden Kerzen angezündet und neue Verhältnisse angebahnt. Und das wiederholt sich in der Geschichte immer wieder neu.

Am 3. Sonntag im Advent wird an Johannes den Täufer erinnert, der von den Christen als Stimme in der Wüste und Wegbereiter für Jesus gesehen wird. In Jesus aber kommt Gott selbst als Mensch in das Dunkel der Welt.

Es soll nicht bestritten werden, dass die alten Worte der Propheten verschieden gedeutet und vereinnahmt werden können. Sie sind alles andere als harmlos. Vor allem die, die sich ganz auf ihre eigene Macht und Herrlichkeit verlassen, haben Grund zu der Befürchtung: Hilfe! Er kommt.

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