Septuagesimae – Weiter oder weiter so?

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Daniel 9, 1

Die Weihnachtszeit ist vorüber. Der Sonntag Septuagesimae orientiert sich mit seinem Namen bereits nach Ostern – siebzig Tage. Doch dazwischen liegt die Passions- und Fastenzeit. Sie beginnt in zweieinhalb Wochen am Aschermittwoch.

Wir befinden uns also in einer Übergangszeit des Kirchenjahres. Der weihnachtliche Glanz und das phänomenale Leuchten der Epiphaniaswochen liegen hinter uns. Vielleicht klingt und wirkt es in uns noch nach, als Freude und Stärkung, die wir erfahren haben. Vor und auf uns warten der Alltag und die Herausforderungen des neuen Jahres. Wenn wir uns dafür etwas Bestimmtes vorgenommen haben, ist jetzt die Zeit der Bewährung gekommen.

Viele gute Vorsätze erweisen sich jedoch nach wenigen Wochen als Utopien. Die alten Gewohnheiten und so manches Laster sind oft stärker als die menschliche Kraft, das als gut Erkannte auch im eigenen Leben zu verwirklichen. Wer gerade wieder einmal diese Erfahrung macht, hat ein Problem. Ihm oder ihr stellen sich dabei einige ernüchternde Fragen in den Weg: Bin ich gescheitert? Bin ich ein Versager? Ist es besser, sich nicht so hohe Ziele zu setzen? Muss alles beim alten bleiben? Gibt es einen realistischen Weg für einen Neuanfang?

Wer kennt das nicht? Ein Paradebeispiel dafür ist Israel mit seinem hohen Glaubensethos auf der einen und seinen vielen Versuchungen, Verfehlungen und geschichtlichen Katastrophen andererseits. Die alten Propheten haben darin einen Zusammenhang zwischen Sünde und Strafe gesehen.
Auch wenn wir vielleicht nicht alle Argumentationen dieser Art nachvollziehen können, steht uns doch noch sehr deutlich vor Augen, wie sich der nationalsozialistische Blutrausch großer Teile unseres Volkes auf (nicht nur!) seine spätere Geschichte ausgewirkt hat.

Und jetzt? In der lang andauernden Wirtschafts-, Finanz-, Umwelt-, Globalisierungs-, Beteiligungs-, Institutionen-, Religions-, Moralitäts- und Vertrauenskrise? Packen wir das? Wohin führt uns gelernte Narzissten unser eigener gelegentlicher Aufschrei?
Gleichen wir dem von Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen versucht? Oder gibt es vielleicht noch andere Möglichkeiten?
Geht es einfach weiter so? Oder steuern wir geradewegs in die nächste Katastrophe? Oder befinden wir uns in einer historischen Übergangszeit?

Die Dialektik der Aufklärung ist längst zur ernüchternden Wirklichkeit geworden: Die autonomen, vernünftigen und grenzenlos fortschrittlichen Menschen sind so tief in ihre eigenen Interessen, Abhängigkeiten und Ängste verstrickt, dass es wohl einer tiefgreifenden anthropologischen Wende bedarf, um die Menschheit auf den Weg zu bringen, wo „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen“ (Psalm 85,10-11) werden.

Der Wochenspruch aus dem Danielbuch zielt in diese Richtung: Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
So plausibel der erste Teil des Satzes klingen mag, so traditionell und fremdartig zugleich erscheint der zweite mit dem Hinweis auf Gottes große Barmherzigkeit.
Ist diese Barmherzigkeit nicht schon so oft proklamiert und auch usurpiert worden? Spiegelt sie nicht gerade das Gefälle von oben nach unten wider, das wir eigentlich überwunden glaubten und immer noch überwinden wollen?

Im Sinne des spiraldynamischen Modells der menschlichen Bewusstseinsentwicklung, das in dem Buch „Gott 9.0“ exzellent beschrieben wurde, kann Barmherzigkeit auf den verschiedenen Stufen der Entwicklung sehr unterschiedlich verstanden werden.
Im (blauen) Ordnungsgefüge institutionalisierter Herrschaft erscheint sie als kompensatorische Wohltat derer, die etwas zu geben haben, ohne die strukturellen Unterschiede und durch sie zementierten Ungerechtigkeiten wirklich zu verändern.
Im (orangen) Streben nach Fortschritt und Erfolg tritt sie als Entwicklungshilfe auf, die sich manchmal als Zwangsbeglückung erweist, weil sie das eigene Ideal der Machbarkeit und Effizienz über die wirklichen Bedürfnisse der Zuwendungsempfänger stellt.
Im (grünen) Milieu der konsensorientierten Gruppen und Bewegungen zeigt sie sich als integrierende Kraft, die Nahrung und Geborgenheit vermittelt, aber oft argwöhnisch gegenüber den individuellen Entwicklungs- und Entfaltungsbestrebungen des Einzelnen auftritt.

Eine neue, tiefere Form der Barmherzigkeit muss aus einem größeren Herzen kommen, in dem die Spannungen zwischen Oben und Unten und zwischen Individuum und Gesellschaft versöhnt sind. Der biblische Gott, der für viel mehr als die alten mythischen Denkmodelle und patriarchischen Herrschaftsstrukturen steht, bietet sich im wahrsten Sinne des Wortes dazu an, in einen Dialog der Herzen zu treten, der nicht als sentimentales Tête-à-tête, sondern als Schritt auf dem Weg in der Übergangszeit sehr verheißungsvoll erscheint.

An dieser Stelle gilt es weiter zu fragen, zu denken, zu suchen und miteinander zu reden – Doppelpunkt:

Letzter Sonntag nach Epiphanias – Unser großer Sonnenschein

Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Jes 60,2

In den alten Zeiten, als die Nacht noch finster war und nicht bis ins kleinste Dorf durch elektrisch betriebene Lampen entnächtigt wurde, wie großartig war damals der Sonnenaufgang! Wie schnell und kraftvoll veränderte die aufsteigende Sonne alles, so weit das Auge reicht. Ja, erst dadurch, dass sie aufging, reichte der Blick des menschlichen Auges jetzt bis an den Horizont. Die Zeit der Finsternis war vorüber, und alle mit der Finsternis verbundenen Ängste und die durch die Angst in Gang gesetzten Schrecken lösten sich im Glanz des Lichtes auf.

Weil Menschen mehr sind als ein Stück Natur, haben sie schon und besonders in den alten Zeiten mehr darin gesehen als einen ganz normalen Naturvorgang. Viele Menschen in den alten Hochkulturen haben die Sonne verehrt und angebetet. Wer eine so große, alles verändernde und lebensspendene Kraft hat, muss doch ein Gott sein!

Doch dieser Sonnengott war sprachlos. Er zog täglich seine genau berechenbare Bahn und scherte sich nicht wirklich um das Wohl und Wehe, das die Menschen erlebten und sich gegenseitig antaten.

Ganz anders der Wort-Gott, der sprechende Gott der Herbräer! Der Gott, der mit ihnen durch dick und dünn ging, der ganz Präsente mit dem Namen Ich bin da. Der war wie ein Vater und machte seinen Kindern klar, was gut und böse ist. Von dem kam alles Leben. Der ging jedem persönlich unter die Haut, und wer ihn loswerden wollte, dem ging er nach. Sein Wort war Gesetz. Es diente dazu, das Leben zu erhalten und die Menschen vor sich selbst in Schutz zu nehmen. Wer dieses Wort in den Wind schlug, auf den kam es als gewaltiger Sturm zurück, der alles mitriss, was sich ihm in den Weg stellte. Und wer mit ihm lebte und es sich zu Herzen nahm, für den war es die Quelle des Segens.

Auf diesem Verständnis-Hintergrund entfaltet der Spruch aus dem Jesajabuch seine Leuchtkraft: Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Du bist mein Sonnenschein, sagen auch wir heute manchmal. Häufiger wird es zu den Kindern oder Enkeln gesagt. Dann heißt es: unser kleiner Sonnenschein.
Von dem HERRN können wir auch sagen: Du bist unser großer Sonnenschein!
Wir können von Gott am besten in Gleichnissen und Bildern reden. An diesem Beispiel kann uns aufgehen, welche Kraft und Bedeutung Gott für unser Leben gewinnen kann.

Wir können das Gleichnis sogar noch weiter führen: Heute wissen wir, dass sich die Erde um die Sonne dreht und Tag oder Nacht davon abhängen, ob wir der Sonne zugewandt oder von ihr abgewandt sind. Mit Gott ist das nicht anders. Er ist kein (n)irgendwo im kosmischen Urnebel verborgenes Superwesen, sondern die zentrale Kraft und Liebe in Person, um die unser ganzes Leben kreist. Wenn wir uns zu ihr hindrehen, geschieht es, dass über uns der HERR aufgeht, und seine Herrlichkeit über uns erscheint.
Genau das ist Epiphanias.

Die Epiphaniaszeit geht in der kommenden Woche zuende. Aber Gottes Herrlichkeit leuchtet und sein Weg mit uns führt weiter durch die kommenden Tage und Wochen. Wir werden in ihnen den Weg Jesu betrachten, in dem der christliche Glaube das menschgewordene Wort Gottes (Joh1,14) und das Licht der Welt (Joh,8,12) sieht.

1.Sonntag nach Epiphanias – Ganz der Papa

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Römer 8,14

Sei ganz du selbst! Diese wohlklingende Empfehlung hört man heutzutage oft und hört sie meistens auch gern. Möglicherweise hört man sie deshalb oft, weil man sie gern hört. Wer anderen ein Wohlgefühl vermitteln möchte, kann etwas in dieser Art sagen.
Dahinter steckt offensichtlich die Tatsache, dass wir sehr oft nach anderen Prinzipien funktionieren müssen, wobei wir uns verbiegen und angespannt fühlen. Ausspannen und einfach ich selbst sein können, das erscheint unter diesen Umständen sehr verlockend.

Doch wer bin ich, wenn ich ganz ich selbst bin?

Diese Frage mag seltsam klingen, doch sie ist berechtigt. Es ist eine Illusion anzunehmen, wir könnten „einfach abschalten“, was uns antreibt. Selbst wenn wir unsere Notebooks zuklappen und zum Schnorcheln ans Rote Meer fliegen, bleiben wir auf einer tieferen Ebene doch davon bestimmt, das unsere Gedanken und unser Bestreben weiter um das kreisen, was uns geprägt hat und uns wichtig ist.
Auf Beispiele verzichte ich zugunsten der Frage: Wer bist du, wenn du ganz du selbst sein willst?

Wer diese Frage absurd findet, sollte sich für sie um so mehr Zeit nehmen – ein langes Wochenende zum Beispiel oder besser noch ein Jahr lang, eigentlich aber ein ganzes Leben. Sie gehört zu den tiefsten Fragen, die uns gestellt werden können. Und wer sich dieser Frage stellt, anstatt sie wegzuschieben, steht damit vor dem Abenteuer seines Lebens.

Martin Luther hat den Menschen mit einem Reittier verglichen. Das geht nicht seine eigenen Wege, sondern schlägt die Richtung ein, die ihm sein Reiter vorgibt. Manchmal blitzt diese Erkenntnis bei besonderen Gelegenheiten in uns auf: „Was hat dich denn geritten?“ Was wie eine Ausnahme scheint, ist aber die Regel. Geritten wird immer, weil wir – so paradox es auch klingt – nicht unser eigener Herr sein können.

Stimmt das? Widerspricht das nicht im Kern dem Wesen und dem Bestreben unseres Zeitgeistes?
Ich kann wohl in beruflicher und wirtschaftlicher Hinsicht mein eigener Herr sein, aber in meiner ganzen „Existenz“? Besten- oder schlimmstenfalls diene ich dann ausschließlich meinem Ego. Und hier beginnt die Fragerei von vorn: Was bewegt mich, wonach richte ich mich, wohin geht meine Reise, wenn ich ganz ausschließlich für mein Ego lebe?

Es scheint immer absurder zu werden…

Der Wochenspruch am 1. Sonntag nach Epiphanias greift die abgründige Frage nach dem Wesen und Ursprung unserer Existenz auf und gibt darauf eine sowohl einfache wie tiefe Antwort: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Zunächst das Einfache und natürlich Einleuchtende: Wir sind alle Kinder unserer Eltern. Damit sind wir eben nicht ganz wir selbst, sondern Glieder in einer Kette von Abhängigkeiten, die weit über unsere biologischen Eltern hinausreicht. Es stellt sich nur die Frage, wessen Geistes Kind wir sind.

Die tiefere Dimension aber ist mit Gott angesprochen. Nach dem Wort der Bibel ist sein Wesen die schöpferische Liebe, die das Leben überhaupt erst möglich macht und sich jedem von uns immer wieder freundlich zuwendet, jeden Tag aufs neue. Von diesem Geist beherrscht, bestimmt und angetrieben zu sein, macht uns zu Gottes Kindern.

In diesem Sinne ist es wohl das Schönste, wenn von einem Menschen gesagt werden kann: Ganz der Papa!