1.Sonntag nach Epiphanias – Ganz der Papa

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Römer 8,14

Sei ganz du selbst! Diese wohlklingende Empfehlung hört man heutzutage oft und hört sie meistens auch gern. Möglicherweise hört man sie deshalb oft, weil man sie gern hört. Wer anderen ein Wohlgefühl vermitteln möchte, kann etwas in dieser Art sagen.
Dahinter steckt offensichtlich die Tatsache, dass wir sehr oft nach anderen Prinzipien funktionieren müssen, wobei wir uns verbiegen und angespannt fühlen. Ausspannen und einfach ich selbst sein können, das erscheint unter diesen Umständen sehr verlockend.

Doch wer bin ich, wenn ich ganz ich selbst bin?

Diese Frage mag seltsam klingen, doch sie ist berechtigt. Es ist eine Illusion anzunehmen, wir könnten „einfach abschalten“, was uns antreibt. Selbst wenn wir unsere Notebooks zuklappen und zum Schnorcheln ans Rote Meer fliegen, bleiben wir auf einer tieferen Ebene doch davon bestimmt, das unsere Gedanken und unser Bestreben weiter um das kreisen, was uns geprägt hat und uns wichtig ist.
Auf Beispiele verzichte ich zugunsten der Frage: Wer bist du, wenn du ganz du selbst sein willst?

Wer diese Frage absurd findet, sollte sich für sie um so mehr Zeit nehmen – ein langes Wochenende zum Beispiel oder besser noch ein Jahr lang, eigentlich aber ein ganzes Leben. Sie gehört zu den tiefsten Fragen, die uns gestellt werden können. Und wer sich dieser Frage stellt, anstatt sie wegzuschieben, steht damit vor dem Abenteuer seines Lebens.

Martin Luther hat den Menschen mit einem Reittier verglichen. Das geht nicht seine eigenen Wege, sondern schlägt die Richtung ein, die ihm sein Reiter vorgibt. Manchmal blitzt diese Erkenntnis bei besonderen Gelegenheiten in uns auf: „Was hat dich denn geritten?“ Was wie eine Ausnahme scheint, ist aber die Regel. Geritten wird immer, weil wir – so paradox es auch klingt – nicht unser eigener Herr sein können.

Stimmt das? Widerspricht das nicht im Kern dem Wesen und dem Bestreben unseres Zeitgeistes?
Ich kann wohl in beruflicher und wirtschaftlicher Hinsicht mein eigener Herr sein, aber in meiner ganzen „Existenz“? Besten- oder schlimmstenfalls diene ich dann ausschließlich meinem Ego. Und hier beginnt die Fragerei von vorn: Was bewegt mich, wonach richte ich mich, wohin geht meine Reise, wenn ich ganz ausschließlich für mein Ego lebe?

Es scheint immer absurder zu werden…

Der Wochenspruch am 1. Sonntag nach Epiphanias greift die abgründige Frage nach dem Wesen und Ursprung unserer Existenz auf und gibt darauf eine sowohl einfache wie tiefe Antwort: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Zunächst das Einfache und natürlich Einleuchtende: Wir sind alle Kinder unserer Eltern. Damit sind wir eben nicht ganz wir selbst, sondern Glieder in einer Kette von Abhängigkeiten, die weit über unsere biologischen Eltern hinausreicht. Es stellt sich nur die Frage, wessen Geistes Kind wir sind.

Die tiefere Dimension aber ist mit Gott angesprochen. Nach dem Wort der Bibel ist sein Wesen die schöpferische Liebe, die das Leben überhaupt erst möglich macht und sich jedem von uns immer wieder freundlich zuwendet, jeden Tag aufs neue. Von diesem Geist beherrscht, bestimmt und angetrieben zu sein, macht uns zu Gottes Kindern.

In diesem Sinne ist es wohl das Schönste, wenn von einem Menschen gesagt werden kann: Ganz der Papa!

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