Reminiszere – Nachdenken und mehr

Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Römerbrief 5,8

Ich kann sie sehr deutlich vor meinem inneren Auge sehen, die bei diesem Wochenspruch ihren Kopf schütteln. Die Kecksten unter ihnen sagen vielleicht: Ach, das wäre doch gar nicht nötig gewesen! Andere fragen schlicht: Was soll das? Wieso soll er vor zweitausend Jahren für uns sterben? Was bringt uns das?
Ich habe Verständnis und sogar Sympathie für die, die so fragen. Sie reagieren damit auf ein Bibelwort, das sie nicht verstehen können, und halten damit nicht hinter dem Berg. So ist das Gespräch eröffnet, und das ist wichtig, damit noch etwas nachkommen und vielleicht sogar dabei herauskommen kann.
Wichtig ist mir auch, dass wir zunächst mit unserem normalen Alltagsverstand an die Worte der Bibel herangehen. Damit spüren wir erst einmal, wie fremd und unverständlich diese Worte sein können: Wie kann der Tod eines Menschen, der vor so langer Zeit gestorben ist, für uns ein Erweis von Gottes Liebe sein? Und mehr noch: Wie kann damit das Heil und die Erlösung der Menschheit verbunden sein, die sich heute nicht anders als damals selbst bekriegt, nur mit viel effektiveren Mitteln?

Ich verstehe diese Einwände und kann sie sehr gut nachvollziehen.
Doch jetzt kommt ein entscheidender Punkt, eine Art Weichenstellung: Wische ich das Bibelwort damit einfach vom Tisch? Oder sage ich: Ich verstehe es zwar noch nicht, aber irgendeinen Sinn muss das Wort doch gehabt haben, wenn es für Paulus als Autor und viele andere nach ihm überzeugend geklungen hat?

Auf der Suche nach diesem Sinn müssen wir uns zunächst über die Voraussetzung klar werden, unter der diese Suche nur gelingen kann: Ich muss ihre Sprache verstehen, wenn ich den Sinn bestimmter Worte ergründen will. Ihre Sprache – das sind nicht nur die Worte, die ich gegenwärtig vor Augen habe, sondern auch das Gedankengebäude, in dem diese Worte damals ihren Platz hatten, als sie geschrieben wurden. Den Sinn von Worten, die mir befremdlich erscheinen, kann ich nur erfassen, wenn ich geschichtlich zu denken beginne. Geschichtlich denken heißt, die Worte mit den Augen der Menschen betrachten, für die diese Worte damals einen sinnvollen und wichtigen Gedanken zum Ausdruck brachten.

Dieses geschichtliche Gedankengebäude lässt sich rekonstruieren:
Gott war darin vor allem ein gerechter Richter. Da die Menschen aber Unrecht taten, ja geradezu sklavisch dem Bösen folgten, musste dieser Richter um der Gerechtigkeit willen urteilen und strafen. Die Schuld der Menschen und die Gerechtigkeit Gottes ließen keine andere Möglichkeit zu.
Es sei denn, ein Gerechter würde die Schuld der Menschen und die Strafe Gottes auf sich nehmen; es sei denn, er würde für die Schuldigen mit seinem Leben bezahlen und ihren verdienten Tod an ihrer Stelle erleiden; es sei denn, er würde so der Gerechtigkeit Gottes genüge tun, die Fesseln der menschlichen Schuld lösen und die Menschen er-lösen.
So haben Paulus und mit und nach ihm viele Christen den Kreuzestod Jesu verstanden und verarbeitet: Gott opfert seinen eigenen Sohn aus Liebe zu den Menschen, um ihre Sündenschuld zu tilgen und diese Menschen mit sich selbst zu versöhnen.

Dieses Gedankengebäude ist den meisten Menschen heute fremd geworden und mutet auch sehr befremdlich an. Viele Fragen tun sich da auf, die wir in unseren modernen Gedankengebäuden entwickelt haben. Darin ist kaum noch Platz für Gott, und dieses Opfer erscheint ebenso grausam wie unsinnig. Auch lässt es sich kaum noch plausibel vermitteln, was ich nach zweitausend Jahren davon haben soll, dass da um das Jahr 30 ein besonderer Mensch namens Jesus als Verbrecher hingerichtet wurde.

Muss man das als Christ einfach glauben? Heißt glauben wirklich, einfach nur schlucken, was nicht mehr zu verstehen ist?

Nein! Glauben heißt, auf der Höhe unserer Zeit nach Gott zu fragen und zwischen den vielen Worten, die von ihm gemacht worden sind, das Wort zu suchen, das uns heute trifft, belebt und weiterführt.
Auch wenn Gott heute in den Gedankengebäuden vieler Menschen nicht mehr anwesend ist und die Rede von einem zürnenden und strafenden Gott psychologisch so suspekt erscheint wie das Schwingen einer Angstkeule – die Fragen und Probleme mit dem Leben selbst werden wir deshalb nicht los:
Gibt es Gerechtigkeit?
Lohnt es sich in dieser Welt, für die Gerechtigkeit persönliche Opfer zu bringen?
Ist man dann am Ende nicht der Dumme?
Ist denn Liebe nicht auch nur eine Form des Egoismus?
Kann es dauerhafte und bedingungslose Liebe überhaupt geben?

Der verschwundene Gott, der uns mit solchen Fragen, die uns das Leben selbst stellt, allein lässt, macht es uns nicht leichter als der strenge Richter. Der verschwundene Gott wirft uns auf uns selbst zurück und lässt uns in den langen Korridoren unserer Gedankengebäude umhertappen wie in einem Irrgarten. Wir suchen nach überzeugenden Leitbildern, die wir kritisch unter die Lupe nehmen und stoßen dabei immer wieder…

…auf Jesus, den Mann am Kreuz, der so anders von Gott gesprochen hat – wie von einem Vater, der seine Kinder liebt und für sie alles gibt. Schlucken muss man das nicht. Aber es lohnt sich, diese alten Worte und Geschichten zu betrachten und zu meditieren. Das ist mehr als nachdenken.

Es kann sein, dass einem dabei dort, wo die Gedanken an ihr Ende kommen, das Herz aufgeht. Es sieht nämlich ganz so aus, dass diese Liebe, die Jesus gepredigt und gelebt hat, nicht vergeblich war, sondern sich immer wieder neu entzündet, wo er und sein Vater in seinem Geist angebetet werden. Und wo das geschieht, sind wir schon mittendrin in dieser alten, sich immer wieder erneuernden unendlichen Geschichte, sind im Begriff, ein Teil von ihr zu werden, und stehen damit auch vor der Aufgabe, sie mit unseren Worten heute neu zur Sprache zu bringen.

Vielleicht so: Es geht bei diesen Worten des Paulus im Grunde darum, wie wir uns selbst und unsere Mitmenschen ansehen und annehmen können. Sind sie und ich – gelinde gesagt – nicht alle höchst zweifelhafte Figuren? Gewiss sind wir das! Aber da ist eine Liebe in der Welt, die das in Kauf nimmt, die mich nicht verächtlich macht, nicht verurteilt, nicht vernichtet, sondern aus dem Dunkel aller Anklagen und Selbstzweifel herausführt. Diese besondere Liebe hat in Jesus eine menschliche Gestalt gewonnen und lädt mich ein, ihr follower zu werden.

Invokavit – Zum Teufel

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Johannesbrief 3, 8

Am ersten Sonntag in der Passions- und Fastenzeit begegnet uns im Wochenspruch und im Evangelium dieses Tages der Teufel.
Für die einen ist er nicht mehr als eine Figur aus dem Kasperletheater, die das Böse verkörpert und am Ende von Kasper, Seppel, Gretel und der Großmutter besiegt wird. Andere vermeiden wie bei Lord Voldemort in der Welt Harry Potters ängstlich seinen Namen und sprechen, wenn es unumgänglich scheint, Schutz suchend vom Gottseibeiuns.
Gibt es einen Teufel, oder ist er nur das Hirngespinst unaufgeklärter Menschen?

In der Bibel wird er hier und da mit wechselnden Namen erwähnt, ist aber weit davon entfernt, mit Gott auf einer Stufe zu stehen.
In den Vorstellungen über den Teufel kommen unterschiedliche mehr oder weniger reflektierte Erfahrungen mit dem Bösen und auch verschiedenartige religionsgeschichtliche Einflüsse zusammen, die im Einzelnen kein einheitliches Bild ergeben.
Die Hauptfunktion des Teufels besteht darin, die Menschen vom Willen Gottes abzubringen und zu einem widergöttlichen Handeln zu verführen. Diese Versuchung zur Sünde wird schon in der tiefgründigen Paradiesgeschichte (1.Mose 3) mit dem Auftreten der Schlange sichtbar. Als Versucher tritt der Teufel auch Jesus zu Beginn seines Wirkens gegenüber, wie im Evangelium des heutigen Sonntages in Matthäus 4,1-11 zu lesen ist.

An Bedeutung und Einfluss hat der Teufel im späteren Volksglauben gewonnen. Zur Zeit Luthers, in der die Inquisition und Hexenverfolgungen die verängstigte Christenheit überschatteten, spielte der Teufel eine große Rolle. Spuren davon können wir auch noch in unserer Märchentradition finden.

Ist der Teufel nur eine Märchengestalt? Haben Verstand und Vernunft in der Aufklärungszeit den Teufel besiegt, indem sie ihn als Ausgeburt einer unreifen und verängstigten religiösen Phantasie entlarvten?
Die Antwort ist einfach: Aufgeräumt hat die Aufklärung nur mit bestimmten mythologischen Vorstellungen vom Teufel. Das Böse ist aber damit noch lange nicht aus der Welt geschafft, wie die weitere leidvolle Geschichte gezeigt hat. Gerade mit Hilfe des Verstandes wurden die Wirkungen des Bösen seit der Zeit der Aufklärung gewaltig gesteigert.

Eine entscheidende Frage bleibt: Steht die Gestalt des Teufels nur für das Böse als Prinzip, oder ist es sinnvoll und notwendig, weiter von dem Bösen in Person zu sprechen?
Diese Frage ist mit großer Umsicht und Vorsicht zu behandeln.

Einerseits ist es eine Verharmlosung, das Böse nur als ein abstraktes Prinzip zu betrachten oder als ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, wie sich Mephisto in Goethes Faust selbst vorstellt.
Weil der Mensch eine Person (und zu allem fähig) ist, gewinnt auch das Böse im und durch den Menschen eine personale Qualität. Es ist müßig über den Teufel als Gestalt an sich zu spekulieren, wenn er in und für uns Menschen Gestalt gewinnen kann.
Und wenn dieser Ungeist gar eine größere Masse ergreift, dann können ganze Generationen, Völker oder die Menschheit selbst zur Hölle fahren.

Andererseits gilt es die Warnungen zu hören: Malt den Teufel nicht an die Wand!
Jede Verteufelung von Menschen erzeugt psychische und gesellschaftliche Spannungen und setzt damit Kräfte frei, die einen solchen Wahn und Sturm erzeugen und schlimmste Folgen für alle haben können. Die Geschichte ist voll von Beispielen, die eigentlich abschreckend sein sollten und doch bis heute wiederholt werden, weil und solange der Teufelskreis eines in sich selbst beschränkten Denkens und Handelns nicht verlassen wird.

Es ist wichtig, weder Öl ins (Höllen-)Feuer zu gießen, noch die Existenz des Feuers zu leugnen. Und mindestens genau so wichtig ist es, bei der Auseinandersetzung mit dem Bösen nicht auf andere zu zeigen, sondern bei sich selbst anzufangen.

Genau das tut Jesus in der Erzählung der drei ersten Evangelisten, nachdem er von Johannes getauft wurde. Er setzt sich mit dem Teufel, der ihm als Versucher begegnet und in ihm egozentrische Bestrebungen zu entfachen sucht, persönlich auseinander. Jesus ist einer, der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde, heißt es in der Epistellesung des Sonntags Invokavit aus dem Hebräerbrief 4,14-16.

Wenn er als der Sohn Gottes erschienen ist, dass er die Werke des Teufels zerstöre, wie es der Wochenspruch sagt, dann hat das überhaupt nichts mit fanatischem Eifer gegen Menschen, die anders denken, glauben und leben, zu tun. Es ist ein spiritueller Kampf, der im eigenen Inneren geführt wird. Das Ziel dieses geistigen Kampfes besteht darin, der vom Schöpfer des Lebens gewollten Gerechtigkeit und Liebe zu seiner ganzen Schöpfung gegen den Geist und die Macht der Selbstbeschränktheit zum Sieg zu verhelfen.

Muslime, die dem Koran folgen, nennen dieses Bemühen dschihad – vgl. http://www.islam-info.ch/de/Dschihad.htm . (Das ist kein überflüssiger Nachsatz, sondern zum Teufel nochmal ein wichtiger Hinweis für uns Menschen im westlichen Kulturkreis.)

Estomihi – Schuhe zum Anprobieren

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Lukas 18, 31

Um dieses Wochenende wird vielerorts ausgelassen Fasching und Karneval gefeiert, bevor am Aschermittwoch alles vorbei ist, weil dann die Passions- und Fastenzeit beginnt.
Die biblischen Lesungen dieses Sonntags nehmen jedoch jetzt schon auf das bevorstehende Leiden Jesu Bezug.

Ist das nicht typisch? Draußen Tanz und Lebensfreude, drinnen in den Kirchen düstere Stimmung? Dieses Klischee bietet sich an und kann als Einstieg in eine lange Litanei über die Leib-, Lust- und Freudlosigkeit des christlichen Glaubens verwendet werden.
Um der Wahrheit willen sollte jedoch beachtet werden, dass die fröhliche Weihnachtszeit in den Kirchen viel länger währt als im modernen Allgemeinbewusstsein. Und die bald anbrechende frohe Osterzeit wirkt viel weiter und tiefer als der säkulare Hase läuft.

Dazwischen aber liegen – in der Tat – sieben Wochen, in denen an den Weg und das Leiden Jesu und mit ihm an das bis heute andauernde Leiden vieler Menschen in der Welt gedacht wird. Und nicht nur oberflächlich gedacht im Sinne eines seufzenden Ach ja, das ist schon alles sehr schlimm, aber was kann man machen!?
Es geht vielmehr darum, eine Einstellung dazu zu finden, die weder über das Leiden hinwegsieht noch in der Aussichts- und Hoffnungslosigkeit versinkt, die sich aus der Hilflosigkeit gegenüber dem Leiden erheben kann.

Kann es eine solche Einstellung, diesen schmalen Grat zwischen den Abgründen der Leidensverdängung auf der einen und der Leidensverfallenheit auf der anderen Seite, überhaupt geben?

Wenn wir uns den biblischen Texten für den Sonntag Estomihi zuwenden, können wir verschiedene Hinweise auf diesen schmalen Grat entdecken. Wir können sie als Angebote betrachten, die ähnlich wie Schuhe anprobiert werden müssen, ob man in ihnen laufen kann. Das ist schließlich das Entscheidende.

1. Estomihi:
Seinen Namen hat der Sonntag von Psalm 31, dem Wochenpsalm, erhalten, in dem Gott um Beistand und Rettung vor den Feinden angefleht wird. Der Leitvers (die Antiphon) ist Ps 31,3: Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Lateinisch beginnt er mit den Worten Esto mihi. Diese Möglichkeit, sich vertrauensvoll an einen guten und starken Gott zu wenden, kann viel Kraft und Gewissheit vermitteln. Luther hat mit seinem Lied von der festen Burg (nach Psalm 46) vielen Generationen Halt und Hilfe in schwerer Zeit gegeben.

2. Das Evangelium des Sonntags aus Markus 8,31-38
Der Text berichtet am Anfang von der ersten der drei Ankündigungen, die Jesus den Jüngern über sein bevorstehendes Leiden macht. Er sieht, was auf ihn zukommt, und will seine engsten Vertrauten darauf vorbereiten. Petrus reagiert – menschlich sehr verständlich – mit Abwehr. Er wird daraufhin von Jesus scharf zurechtgewiesen: Du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
Beides kann für uns hilfreich sein. Dass Petrus so menschlich reagiert, rückt ihn nahe an uns heran. Die großen Figuren der Bibel sind keine Heroen, wie sie in den Mythen anderer Kulturen auftreten, sondern Menschen wie wir, die unter Ängsten und Irrtümern ihren Weg suchen.
Dass Jesus dem Menschlichen hier das Göttliche gegenüberstellt mag zuerst schroff und für manchen sogar recht fragwürdig erscheinen. Er reißt aber genau damit den Schleier weg, hinter dem sichtbar werden kann, dass es in und trotz der Enge unserer Ängste größere, sinnvolle und tragende Zusammenhänge geben kann, die wir vielleicht erst allmählich auf dem weiteren Weg erfahren und erkennen. Darauf zu hoffen und zu bauen kann wie ein festes Geländer auf brüchigem Grund sein.
Im zweiten Teil des Sonntagsevangliums, in Markus 8,34-38, gibt Jesus noch einen wichtigen Hinweis für alle: Wir können unser Leben letzten Endes nicht sichern und festhalten. Doch das, was wir zu verlieren fürchten, können wir in der Hingabe finden und gewinnen. Über diese tiefe Wahrheit lohnt es, von Zeit zu Zeit neu nachzudenken, weil sich diese Einsicht uns einerseits immer wieder so schnell zu verschließen droht und weil sie uns andererseits neue Perspektiven und mutige Schritte in das Leben ermöglicht.

3. Die Epistellesung in 1. Korinther 13
Die eben erwähnte Möglichkeit eines Lebens mit Hingabe ist bereits Ausdruck dessen, was Paulus an die Gemeinde in Korinth in dem berühmten dreizehnten Kapitel seines ersten Briefes schreibt. Es wird auch als das Hohelied der Liebe bezeichnet und gipfelt in der Feststellung, dass die Liebe niemals aufhören wird und das Größte von allem ist.
Dieses paar Schuhe mag uns besonders groß erscheinen. Es ist wohl dazu gemacht, dass wir etwas vor uns haben, in das wir hineinwachsen können.

4. Der Wochenspruch aus Lukas 18,31
Kommen wir schließlich auch noch zu unserem Wochenspruch. Mit ihm beginnt die dritte Leidensankündigung Jesu, die er unmittelbar vor Beginn seines Weges, der ihn in die Mitte seiner Feinde führen wird, gemacht hat: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
Jesus macht seinen Jüngern bewusst, was jetzt geschieht. Seht! Wir sind schon auf dem Weg! Dieser Weg wird am Kreuz enden, und das Kreuz wird am Ende als Konsequenz und Zeichen der Liebe erscheinen. Das nimmt dem Weg nichts von seiner leidvollen Härte, aber es leuchtet ihn auf eine neue Weise aus.
Unter den ersten drei (synoptischen) Evanglisten lässt nur Lukas bei dieser dritten Leidensankündigung Jesus davon sprechen, dass jetzt vollendet werden wird, was schon durch die Propheten im Alten Testament von ihm geschrieben wurde.

Für die Jünger und viele Menschen ihrer Zeit war der Tod Jesu am Kreuz zunächst eine Katastrophe. Der Hoffnungsträger endet wie ein Verbrecher. Spott und Hohn wurden denen, die an ihn glaubten, reichlich zuteil. Eine harte Bewährungsprobe: War Jesus letztlich nicht auch nur einer der vielen gescheiterten Weltverbesserer? Siegt nicht am Ende doch die brutale Gewalt, die mit den zarten edlen Keimen der Hoffnung so ein leichtes Spiel zu haben scheint?
Die Deutung des Leidens Jesu, die Lukas hier anbietet, tritt diesen erdrückenden Gedanken entgegen: Jesus verendet nicht am Kreuz, sondern vollendet seinen Weg.

In allen diesen Angeboten, angesichts des Leidens leben zu können, werden zwei Grundlagen sichtbar, die zusammengehören wie ein linker und ein rechter Schuh: Vertrauen und Sinn. Das Vertrauen verbindet uns mit der Quelle der Kraft und der Liebe, die wir nicht in unserer eigen Begrenztheit, sondern in dem Größeren finden, der uns liebevoll anspricht und ermutigt. Als Sinn entfaltet sich in uns die durch das Vertrauen ermöglichte neue Sicht auf das Leiden. Das bedeutet nicht, dass das Leiden als solches verharmlost oder gar verklärt wird, wohl aber dass es als Teil eines größeren Ganzen angesehen werden kann, in dem es aufgehoben ist.

Sexagesimae – Kardiosklerose ist heilbar

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
(Hebräerbrief 3,15)

Am zweiten Sonntag vor Beginn der Passions- und Fastenzeit steht das Wort Gottes im Mittelpunkt der biblischen Lesungen. Gottes Wort ist nicht nur die kürzeste (aber erklärungsbedürftige) Umschreibung dafür, was die Bibel für den Glauben bedeutet. Gottes Wort ist vor allem die wichtigste Form seines Wirkens, so wie die Liebe der wichtigste Inhalt seines Wesens ist. Worte gehen zu Herzen und füllen den Geist.
Worte ohne Liebe sind leer; Liebe ohne Worte ist blind.
Dass Gott Worte für uns hat, unterscheidet ihn von den Götzen, die nichts anderes sind als Projektionen unserer eigenen Vorstellungen, vor allem unserer Wünsche und Ängste.
Dass Gott selbst „das Wort“ (griechisch: der Logos) ist und Mensch wird (Johannes 1) macht seine Liebe hörbar und sichtbar.

Der christliche Glaube ist seinem Wesen nach kein besonderes Gefühl von höheren Dingen, sondern zuerst ein Hören auf das Wort Gottes (Römer 10,17).
Worte sind dazu da, dass sie geteilt werden. Als Mitteilungen breiten sie sich aus. Und wenn ein Wort das Herz eines Menschen erreicht, fängt es zu wachsen und zu wirken an. Jesus hat dafür das treffende Bild vom Samen gezeichnet, der auf den Acker fällt und dort zu wachsen beginnt, um schließlich Frucht zu bringen. Auch darin zeigt sich wieder das Wesen der Liebe: Eins gibt sich dem Anderen hin, und daraus erwächst viel Neues, viel Gutes, das auch selbst wieder liebesfähig ist.

Dieser Prozess, dieses wunderbare Geschehen mit dem Wort und mit der Liebe kann aber auch gestört sein. Eine Störung liegt dann vor, wenn beide Seiten einander nicht das geben können, was zum Wachstum nötig ist. Jesus erzählt im Evangelium des heutigen Sonntags das Gleichnis vom viererlei Acker (Lukas 8.4-8). Darin beschreibt er neben der gelungenen Mission auch Möglichkeiten des Scheiterns.
Gute Worte, die versagen, nicht ankommen und nicht aufgehen, gehören wie die unerfüllte Liebe zu den schmerzlichsten Erfahrungen des Lebens. Weisheitliches Mahnen und humanistische Therapeutik beschäftigen sich eingehend mit diesen Störungen und suchen nach Wegen, den ins Stocken geratenen Fluss der Vermittlung wieder zum Leben zu erwecken.

An dieser Stelle setzt auch der Wochenspruch an: Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Hier wird sofort deutlich, wo der Fluss ins Stocken geraten ist.
Wenn zwischen Gott und mir nichts mehr läuft, muss ich erst einmal den Fehler bei mir selbst suchen. Schon das ist ein weiser Hinweis. Ändern kann ich ja auch bestenfalls nur mich selbst. Über Gott zu lamentieren, ist nicht klüger als den Mond anzubellen.
Das griechische Wort für verstocken im neutestamentlichen Urtext kann uns noch einen Gedankenschritt weiter führen: sklerynō. Davon kommt unser medizinischer Fachbegriff Sklerose, mit dem wir eine Verhärtung von Organen oder Geweben bezeichen.
Auch im tieferen funktionalen Sinn kann Kardiosklerose auftreten, die Verhärtung des Herzens. Verhärtete Herzen sind nur noch sehr eingeschränkt kommunikationsfähig. Ihre eigene Panzerung macht sie hart und unempfänglich für das Wort und für die Liebe.
Leicht ist es nicht, aber zum Glück ist Kardiosklerose heilbar.

Wie? Davon handeln die Bibel und ein guter Teil der gesamten Weltliteratur. Wir kommen gewiss noch öfter darauf zurück. Für heute mag es genügen, das Problem in den Blick zu nehmen und festzuhalten, dass sich an der Tür zum Ausweg aus demselben eine Klinke befindet.

Und nicht vergessen werden darf natürlich die Prophylaxe! Dazu will uns der Wochenspruch schließlich motivieren. Vorbeugen ist besser als Heulen und Zähneknirschen!