Reminiszere – Nachdenken und mehr

Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Römerbrief 5,8

Ich kann sie sehr deutlich vor meinem inneren Auge sehen, die bei diesem Wochenspruch ihren Kopf schütteln. Die Kecksten unter ihnen sagen vielleicht: Ach, das wäre doch gar nicht nötig gewesen! Andere fragen schlicht: Was soll das? Wieso soll er vor zweitausend Jahren für uns sterben? Was bringt uns das?
Ich habe Verständnis und sogar Sympathie für die, die so fragen. Sie reagieren damit auf ein Bibelwort, das sie nicht verstehen können, und halten damit nicht hinter dem Berg. So ist das Gespräch eröffnet, und das ist wichtig, damit noch etwas nachkommen und vielleicht sogar dabei herauskommen kann.
Wichtig ist mir auch, dass wir zunächst mit unserem normalen Alltagsverstand an die Worte der Bibel herangehen. Damit spüren wir erst einmal, wie fremd und unverständlich diese Worte sein können: Wie kann der Tod eines Menschen, der vor so langer Zeit gestorben ist, für uns ein Erweis von Gottes Liebe sein? Und mehr noch: Wie kann damit das Heil und die Erlösung der Menschheit verbunden sein, die sich heute nicht anders als damals selbst bekriegt, nur mit viel effektiveren Mitteln?

Ich verstehe diese Einwände und kann sie sehr gut nachvollziehen.
Doch jetzt kommt ein entscheidender Punkt, eine Art Weichenstellung: Wische ich das Bibelwort damit einfach vom Tisch? Oder sage ich: Ich verstehe es zwar noch nicht, aber irgendeinen Sinn muss das Wort doch gehabt haben, wenn es für Paulus als Autor und viele andere nach ihm überzeugend geklungen hat?

Auf der Suche nach diesem Sinn müssen wir uns zunächst über die Voraussetzung klar werden, unter der diese Suche nur gelingen kann: Ich muss ihre Sprache verstehen, wenn ich den Sinn bestimmter Worte ergründen will. Ihre Sprache – das sind nicht nur die Worte, die ich gegenwärtig vor Augen habe, sondern auch das Gedankengebäude, in dem diese Worte damals ihren Platz hatten, als sie geschrieben wurden. Den Sinn von Worten, die mir befremdlich erscheinen, kann ich nur erfassen, wenn ich geschichtlich zu denken beginne. Geschichtlich denken heißt, die Worte mit den Augen der Menschen betrachten, für die diese Worte damals einen sinnvollen und wichtigen Gedanken zum Ausdruck brachten.

Dieses geschichtliche Gedankengebäude lässt sich rekonstruieren:
Gott war darin vor allem ein gerechter Richter. Da die Menschen aber Unrecht taten, ja geradezu sklavisch dem Bösen folgten, musste dieser Richter um der Gerechtigkeit willen urteilen und strafen. Die Schuld der Menschen und die Gerechtigkeit Gottes ließen keine andere Möglichkeit zu.
Es sei denn, ein Gerechter würde die Schuld der Menschen und die Strafe Gottes auf sich nehmen; es sei denn, er würde für die Schuldigen mit seinem Leben bezahlen und ihren verdienten Tod an ihrer Stelle erleiden; es sei denn, er würde so der Gerechtigkeit Gottes genüge tun, die Fesseln der menschlichen Schuld lösen und die Menschen er-lösen.
So haben Paulus und mit und nach ihm viele Christen den Kreuzestod Jesu verstanden und verarbeitet: Gott opfert seinen eigenen Sohn aus Liebe zu den Menschen, um ihre Sündenschuld zu tilgen und diese Menschen mit sich selbst zu versöhnen.

Dieses Gedankengebäude ist den meisten Menschen heute fremd geworden und mutet auch sehr befremdlich an. Viele Fragen tun sich da auf, die wir in unseren modernen Gedankengebäuden entwickelt haben. Darin ist kaum noch Platz für Gott, und dieses Opfer erscheint ebenso grausam wie unsinnig. Auch lässt es sich kaum noch plausibel vermitteln, was ich nach zweitausend Jahren davon haben soll, dass da um das Jahr 30 ein besonderer Mensch namens Jesus als Verbrecher hingerichtet wurde.

Muss man das als Christ einfach glauben? Heißt glauben wirklich, einfach nur schlucken, was nicht mehr zu verstehen ist?

Nein! Glauben heißt, auf der Höhe unserer Zeit nach Gott zu fragen und zwischen den vielen Worten, die von ihm gemacht worden sind, das Wort zu suchen, das uns heute trifft, belebt und weiterführt.
Auch wenn Gott heute in den Gedankengebäuden vieler Menschen nicht mehr anwesend ist und die Rede von einem zürnenden und strafenden Gott psychologisch so suspekt erscheint wie das Schwingen einer Angstkeule – die Fragen und Probleme mit dem Leben selbst werden wir deshalb nicht los:
Gibt es Gerechtigkeit?
Lohnt es sich in dieser Welt, für die Gerechtigkeit persönliche Opfer zu bringen?
Ist man dann am Ende nicht der Dumme?
Ist denn Liebe nicht auch nur eine Form des Egoismus?
Kann es dauerhafte und bedingungslose Liebe überhaupt geben?

Der verschwundene Gott, der uns mit solchen Fragen, die uns das Leben selbst stellt, allein lässt, macht es uns nicht leichter als der strenge Richter. Der verschwundene Gott wirft uns auf uns selbst zurück und lässt uns in den langen Korridoren unserer Gedankengebäude umhertappen wie in einem Irrgarten. Wir suchen nach überzeugenden Leitbildern, die wir kritisch unter die Lupe nehmen und stoßen dabei immer wieder…

…auf Jesus, den Mann am Kreuz, der so anders von Gott gesprochen hat – wie von einem Vater, der seine Kinder liebt und für sie alles gibt. Schlucken muss man das nicht. Aber es lohnt sich, diese alten Worte und Geschichten zu betrachten und zu meditieren. Das ist mehr als nachdenken.

Es kann sein, dass einem dabei dort, wo die Gedanken an ihr Ende kommen, das Herz aufgeht. Es sieht nämlich ganz so aus, dass diese Liebe, die Jesus gepredigt und gelebt hat, nicht vergeblich war, sondern sich immer wieder neu entzündet, wo er und sein Vater in seinem Geist angebetet werden. Und wo das geschieht, sind wir schon mittendrin in dieser alten, sich immer wieder erneuernden unendlichen Geschichte, sind im Begriff, ein Teil von ihr zu werden, und stehen damit auch vor der Aufgabe, sie mit unseren Worten heute neu zur Sprache zu bringen.

Vielleicht so: Es geht bei diesen Worten des Paulus im Grunde darum, wie wir uns selbst und unsere Mitmenschen ansehen und annehmen können. Sind sie und ich – gelinde gesagt – nicht alle höchst zweifelhafte Figuren? Gewiss sind wir das! Aber da ist eine Liebe in der Welt, die das in Kauf nimmt, die mich nicht verächtlich macht, nicht verurteilt, nicht vernichtet, sondern aus dem Dunkel aller Anklagen und Selbstzweifel herausführt. Diese besondere Liebe hat in Jesus eine menschliche Gestalt gewonnen und lädt mich ein, ihr follower zu werden.

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