Oculi – z.B. Benedikt

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lukas 9,62

Aus aktuellem Anlass möchte ich dieses Mal mit einer Variation des Wochenspruches beginnen:
Wer seine Hand auf die Stirn legt und tritt zurück, der ist geschickt, dem Reich Gottes nicht im Wege zu stehen.

Mit großem Respekt, viel Sympathie und innerer Bewegung habe ich als Evangelischer den Rücktritt Benedikts XVI. verfolgt. Erstaunlich, was dieser alte Mann in den letzten Jahren geleistet und getragen hat. Möglich wurde das wohl nur deshalb, weil er sich selbst getragen wusste von dem, an den er glaubt.

Viel Kritisches wurde in der letzten Zeit über seine Kirche und seine Einstellung gesagt. Wenn man von außen schaut und vom Zeitgeist her urteilt, sieht vieles ganz anders aus, als wenn man die ganze Last einer großen Tradition und der Verantwortung dafür auf den eigenen Schultern trägt. Fragen, Zweifel und Ängste können da kaum ausgeschlossen bleiben, auch wenn es nicht zum „Outfit“ eines solchen Amtes zu passen scheint.
Um so bemerkenswerter ist dieser letzte Schritt des Pontifex Maximus: Sein Rücktritt vom Papstamt erscheint mir als eine sehr weise und sehr menschliche Entscheidung und zugleich als ein Akt der Bescheidenheit und Demut.

Vielleicht ist es der erste Schritt zum Aufbruch einer Kirche, die heute vielen als hart verkrustet erscheint, weil sie der Dynamik des menschlichen Lebens oft genug mit der Starre traditionsreicher Grundsätze begegnet ist.
Ich kann nur hoffen, dass der Abschied Joseph Ratzingers vom Stuhl Petri als ein Zeichen verstanden wird, dem Menschlichen einen höheren Stellenwert im Leben und Handeln der Geistlichen einzuräumen. Das sogenannte Allzumenschliche muss nicht zuerst durch ein ewig gültiges und bis ins letzte durchorganisiertes Reglement im Zaum gehalten werden. Vielmehr bedarf es vor allem der Liebe, der Weisheit und des Mutes, damit es wachsen, reifen und Frucht bringen kann, um zu einem Gleichnis für das an- und aufbrechende Reich Gottes zu werden.

Das Reich Gottes ist der Inhalt und Kern des Evangeliums, das Jesus verkündet und verkündigt hat.
In Markus 1,15 gilt dem Reich Gottes das erste und programmatische Wort, das Jesus spricht.
Im Vaterunser, dem zentralen Text, den Jesus allen Christen ins Gebetbuch geschrieben hat, wird es näher entfaltet:
– Das Reich Gottes ist nahe, wo Menschen Gott als ihren gemeinsamen Vater ehren und seinen
Namen nicht für ihre Zwecke mißbrauchen, sondern heiligen, d.h. frei halten von eigenen Projektionen und Absichten.
– Das Reich Gottes ist nahe, wo Menschen seinen Willen wie im Himmel so auf Erden geschehen
lassen, ihm nicht im Wege stehen und ihm zu dienen beginnen.
– Das Reich Gottes ist nahe, wo Menschen mit Gottes Hilfe ihr tägliches Brot teilen, wo Schuld
vergeben wird, wo die Versuchungen und die Fesseln des Bösen ihre Macht verlieren.
– Das Reich Gottes ist nahe, wo wir begreifen, dass es nicht unser, sondern sein Reich ist, das mit
Kraft und Herrlichkeit verbunden und auf Ewigkeit hin angelegt ist.

Dieses Reich Gottes, so sagt es Jesus, erfordert allen Einsatz und ist es unbedingt wert, dass wir ihm die oberste Priorität in unserem Leben einräumen. Mit Umkehr und Vertrauen auf den Gott, der dieses Reich der Liebe und der Wahrheit aufrichten will, fängt es schon an, unter uns zu wachsen.

Manchmal kann der Einsatz auch darin bestehen, dass wir selbst mit unserer Person zurücktreten, um nicht im Wege zu stehen, wenn dieses Reich auf uns zukommen will. Auch das will verstanden und beherzigt werden, und auch dafür gibt es Vorbilder – z.B. Benedikt.

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