Lätare – Der Sinn nach vorn

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Johannes 12, 24

Es wird ja im allgemeinen viel geredet, aber manchmal fehlen auch die richtigen Worte. Das passiert oft gerade dann, wenn es um die tieferen Zusammenhänge unseres Lebens geht. Über die Liebe und den Tod, über das, was uns im Innersten berührt, und darüber, was wir in unserem Herzen glauben, lässt sich nicht so einfach reden wie über vieles andere.
Kann es sein, dass wir heute besonders stark dazu neigen, Gespräche über solche schwierigen Themen zu vermeiden und die dadurch entstehende Lücke um so mehr mit kurzlebigen Neuigkeiten zu füllen versuchen?

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb einmal: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Dieser Satz ist mir sympathisch, weil ich ein gefülltes Schweigen für wertvoller als ein leeres Gerede halte. Allerdings entbindet er uns nicht von der Aufgabe, die Grenzen unserer Sprachlosigkeit zu überprüfen und nach Möglichkeit zu erweitern. Kinder sollen sprechen lernen, und keiner von uns hat dabei schon ausgelernt.

Jesus war darin ein Meister, das anscheinend Unsagbare zur Sprache zu bringen. Er tat das nicht mit großen, schwierigen Worten, sondern auf ganz einfache Weise. Er gebraucht Bilder und erzählt Geschichten, mit denen er sichtbar und verständlich macht, was sonst verborgen und unverständlich bleiben würde.

Ein solches Gleichnis ist auch unser Wochenspruch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Jeder kann diesen Gedanken sofort verstehen und nachvollziehen.
Aber worauf will er hinaus? Das Wesen der Sprachbilder und Gleichnisse besteht ja darin, dass sie mit ihrer Schlichtheit gleichsam eine Art Starthilfe für unser weiteres Nachdenken geben und uns sozusagen auf die Sprünge helfen.

Der Zusammenhang, in dem das Gleichnis steht, lässt sofort erkennen: Es geht um die schwierige Frage, wie das Leiden und der Tod Jesu verstanden und verarbeitet werden können. Diese Frage beschäftigt uns bis heute, und allzu oft werden und bleiben wir sprachlos, wenn wir mit dem Leiden und Sterben von Menschen konfrontiert werden, denen wir uns nahe fühlen. Wir fragen WARUM? und sehen keinen Sinn in dem Geschehen.
Ein Sinn, der alles, was geschehen ist, befriedigend erklären würde, lässt sich angesichts tiefen Leids wohl auch selten finden. Wer ihn dennoch anzubieten können meint, muss sich vielen Fragen stellen.
Aber es gibt auch einen nach vorn, in die Zununft gerichteten Sinn. Und es macht einen großen Unterschied, ob Menschen Leid und Not für nichts und wieder nichts erdulden müssen oder ob sie einen Sinn und ein Ziel vor sich haben, für das es sich in ihren Augen lohnt, Schweres und selbst den Tod zu ertragen.

Einen solchen Sinn nach vorn aufzuweisen, ist das Anliegen dieses Gleichnisses und unserer Besinnungen in der Passionszeit. Dort, wo die Angst so schnell den Blick verengt, zeigt Jesus ganz nüchtern die Alternativen auf: Wenn das Weizenkorn den Weg in die Erde scheuen würde, dann bliebe es für sich allein. Irgendwann würde es seine innere Kraft verlieren, austrocknen und nur noch eine Hülle um den eigenen inneren Tod sein. Der Weg in die Erde zur rechten Zeit lässt das Weizenkorn dagegen im wahrsten Sinn des Wortes über sich hinauswachsen. Es bringt Frucht, und darin liegt der Sinn nach vorn.

Für Menschen, die an nichts anderes als sich selbst glauben können, ist das nicht ganz einfach zu vermitteln. In unserer Geschichte wurde schon zu oft mit großem Pathos gepredigt, wie süß und ehrenvoll es sei, für Gott, das Vaterland oder andere große Ideale sein Leben zu opfern. Wenn das als Erwartung und Forderung von außen erhoben wird und dabei der Friedrich dem Großen zugeschriebene Satz Hunde, wollt ihr ewig leben? unausgesprochen mitschwingt, ist solchen Appellen mit entschiedenen Rückfragen zu begegnen.
Doch Jesus appelliert hier nicht. Er stellt vielmehr die einfache Wahrheit heraus: Für alle Zeit festhalten lässt sich das Leben nicht. Wer das versucht, ist auf dem schlechtesten Weg, es zu verlieren. Zum Glück gibt es bessere Wege, sein Leben zu erfüllen.
Diese Wahrheit hat bis heute nichts von ihrer Kraft und Aktualität verloren. Der Sinn nach vorn führt uns über uns selbst hinaus.

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