Judika – Ein feiner Herr

Der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Matthäus 20, 28

Ein feiner Herr – in dieser Wortverbindung schwingt heute nahezu unausweichlich ein ironischer Unterton mit.
Sobald jemand anderen gegenüber als Herr in Erscheinung tritt, wird damit eine soziale Ungleichheit sichtbar und spürbar. Der Herr steht über den Anderen. Die Anderen befinden sich ihm gegenüber auf einer niedrigeren Rangstufe. In früheren Zeiten galt das als selbstverständlich und wurde weitestgehend als Ausdruck einer natürlichen bzw. von Gott gegebenen Ordnung verstanden und akzeptiert. Heute gehen wir im Prinzip ebenso selbstverständlich von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen aus. Das Grundgesetz schreibt in Artikel 3, Absatz 1 fest: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Die Gleichheit vor dem Gesetz entspringt und entspricht unserem Gerechtigkeitsempfinden. In der Realität stoßen wir aber auf die Spannung zwischen der Idee der Gleicheit, die im Prinzip und vor dem Gesetz gelten soll, und der Erfahrung der Ungleichheit, die uns in der Alltagswelt immer wieder in spürbarer und mitunter auch schwer erträglicher Weise begegnet.
Dabei darf eins nicht übersehen werden: Diese Ungleichheit zwischen den Menschen geht nicht zuerst auf ererbte Besitzstände und Anachronismen zurück. Sie entspringt vielmehr dem Bestreben, sich von den Anderen zu unterscheiden und abzuheben, und erneuert sich deshalb immer wieder aus dem tief verwurzelten Drang, mehr, größer, einflussreicher und berühmter als sie zu sein. Wir nennen es Wettbewerb und finden bei Darwin eine naturwissenschaftliche Begründung dafür. Der ebenso knappe wie treffende Ausdruck für eine ganze Lebenseinstellung, die heute vor allem auch von jungen Menschen schon sehr früh verinnerlicht wird, wurde 1864 von dem englischen Sozialphilosophen Herbert Spencer geprägt und von Darwin später übernommen: the survival of the fittest.

In uns besteht ein Konflikt zwischen dem ethischen Prinzip und Anspruch von Gleichheit und Gerechtigkeit auf der einen und der täglichen Erfahrung und Verstrickung in das Gerangel um den Platz an der Sonne andererseits. Wie alle Konflikte drängt er auf einen Ausgleich, und natürlich suchen wir dabei nach der besten Lösung, die wenig Kosten oder Nachteile mit sich bringt und uns möglichst auch noch das Gefühl einer wissenden Abgeklärtheit vermittelt. Eine solche Lösung besteht darin, die selbstverständlich korrekterweise weiterhin gültigen Prinzipien und Ideale in Anführungszeichen zu setzen.

Damit ist der Weg der Ironisierung eröffnet, der sich vom lächelnden Augenzwinkern bis zum kalten Zynismus erstreckt und heute zu den Hauptverkehrsadern für den Abtransport bzw. die Entsorgung mentaler Spannungen zwischen Sollen und Sein gehört.
Aus diesem Blickwinkel erscheinen edle Grundsätze und Ideale vorrangig als blankpolierte Oberflächen für die Öffentlichkeitsarbeit, hinter denen sich die eigentlichen Absichten und Interessen verbergen. Diese zu enthüllen und damit aufzudecken, dass hinter den großen Worten und dem schönen Anschein, auch nur Menschen mit ihren egoistischen Bestrebungen stecken, bringt nicht nur eine grimmige Art von Befriedigung.
Es ist zugleich eine paradoxe Bestätigung des Grundsatzes, dass im Kern doch alle gleich sind und zuerst den eigenen Vorteil suchen. Das ironisierte Ideal kehrt als Ressentiment zurück und fordert auf diese Weise seinen Tribut.

Politiker und Verantwortungsträger jeder Art sehen sich dadurch immer wieder einem Generalverdacht ausgesetzt, der dahin zu führen scheint, dass weniger abgebrühte Akteure zunehmend die Lust oder den Mut an gemeinnützigen Aktivitäten verlieren. Fallen sie etwa der darwinistischen Selektion zum Opfer? Und fallen uns als Gesellschaft die so bequem gehandhabten Anführungszeichen nach dem Prinzip einer selbsterfüllenden Prophezeiung auf die Füße, so dass wir uns am Ende selbst als die Angeführten wiederfinden? Eine Gesellschaft, die dazu neigt, ihre eigenen Prinzipien und Ideale zu ironisieren, erweist sich auf Dauer selbst einen schlechten Dienst, weil sie die Grundlagen unterhöhlt, auf denen sie errichtet ist.

Ein feiner Herr erscheint im Rahmen ironisierender Denkgewohnheiten geradezu als ein Widerspruch in sich selbst. Fein ist doch nur die Obefläche, das Outfit, das verbergen soll, was eigentlich dahinter steckt. So erscheint es dem Ressentiment, das dem Prinzip der Gleichheit dadurch Geltung zu verschaffen sucht, dass es die Aufsteiger und Emporkömmlinge ins All-Gemeine und Gewöhnliche herabzieht.

In eine ganz andere Richtung geht der Weg des Menschensohnes nach dem Wochenspruch aus Matthäus 20,28. Als Menschensohn hat sich Jesus, der später von denen, die an ihn glaubten, als der Herr verehrt wurde, selbst bezeichnet. Der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.
Darin wird eine Lebenseinstellung sichtbar, die sich nicht auf Kosten anderer, sondern zu ihren Gunsten entfaltet. Von ihr geht offenbsichtlich eine feine, heilsame Wirkung aus.

In dem Kirchenlied Allein Gott in der Höh sei Ehr (Evangelisches Gesangbuch Nr. 179) hieß es ursprünglich in der zweiten Strophe wohl uns des feinen Herren. In der heute gültigen Ausgabe wurde diese Wendung durch wohl uns solch eines Herren ersetzt.

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