Palmsonntag – „diese Welt“

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Johannes 3,14-15

Der Sonntag Palmarum ist der letzte vor Karfreitag und Ostern. Früher, als das Schuljahr noch zu Ostern endete, fanden am Palmsonntag die Konfirmationen statt. Ganz passt eine solche große Feier natürlich nicht in die letzten Tage der Passions- und Fastenzeit.

Doch der Palmsonntag hat auch in sich selbst etwas Widersprüchliches: Im Mittelpunkt dieses Sonntages steht das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem. Jesus wird ein begeisterter Empfang bereitet. Die Menschen legen vor ihm Palmenzweige auf den Weg und begrüßen ihn als König von Israel (Johannes 12,12-19). Fünf Tage später rufen sie dann Pontius Pilatus zu, dass er Jesus kreuzigen soll.

Der Wochenspruch aus Joh 3,14-15 klingt rätselhaft und wirft Fragen auf:
1. Was heißt erhöht werden?
2. Warum ist daran das ewige Leben für die Glaubenden gebunden?

Die erste Frage lässt sich relativ leicht beantworten: Das Johannesevangelium unterscheidet scharf zwischen dieser Welt, die dem Tod verfallen ist, und dem Sein bei oder in Gott, womit das wahre, ewige Leben verbunden ist. Mit den Augen dieser Welt ist die Wahrheit Gottes nicht erkennbar. Deshalb verlieren sich die Menschen dieser Welt immer wieder in Missverständnisse, wenn es um Gott, die Wahrheit und das Leben geht. Paradoxien, Doppeldeutigkeiten und Missverständnisse finden sich häufig bei Johannes. Sie sind ein Stilmittel, mit dem er diesem grundlegenden Dualismus seines Glaubenskonzepts in der Evangelienerzählung anschaulich Ausdruck verleihen kann.
Erhöhung steht auf der weltlichen Ebene für die Erhöhung an das Kreuz, also für das Sterben Jesu durch die römische Todesstrafe der Kreuzigung. Für die tiefere Erkenntnis des Glaubens aber ist seine Erhöhung am Kreuz zugleich seine Verherrlichung und sein (Rück-) Weg zum himmlischen Vater.

Darin liegt auch der Schlüssel für die Antwort auf die zweite Frage: Wer im Sterben Jesu mehr als sein Ende oder ein Scheitern sehen und erkennen kann, der hat mit dieser Erkenntnis der Wahrheit bereits die Freiheit von dieser Welt der Finsternis, der Lüge und des Todes gewonnen und damit Anteil am wahren Leben Gottes und seines Sohnes.

Im Unterschied zu den ersten drei Evangelien werden alle Einzelheiten der Jesusgeschichte bei Johannes von einem festen, durchgängigen Grundkonzept aus dargestellt, das durch diese scharfe dualistische Trennung von Gott und Welt geprägt wird, aber gleichzeitig auf die Überwindung dieser Welt durch den Glauben an Jesus als den Offenbarer Gottes hinzielt.

Diese Eigenart des Johannesevangeliums ist sowohl problematisch als auch faszinierend und gibt uns Fragen auf:
Zum einen ist zu fragen, ob der christliche Glaube hier nicht Gefahr läuft, zu einer Ideologie zu werden. Das Konzept des Johannesevangeliums steht der sich in der Spätantike ausbreitenden Einstellung der weltverneinenden Gnosis recht nahe, die ihrerseits wieder Wurzeln hat, die u.a. auf den griechischen Philosophen Platon zurückreichen. Eine moderne Spielart dieses Denkens findet sich in den Filmen Matrix oder auch schon Welt am Draht, die unsere Erfahrungswelt nur als eine Scheinwirklichkeit darstellen, hinter der sich auf einer höheren Ebene die wahre Wirklichkeit verbirgt. Auch hier ist das Ziel die Erkenntnis der wahren Zusammenhänge unseres Lebens, wodurch die Tür zum echten Leben hin geöffnet wird.

Hat das Johannesevangelium die Jesusgeschichte diesem gnostischen Denken ausgeliefert und es damit verfälscht? Oder bringt es die Jesusgeschichte in einer Umgebung, die von diesem Denken durchdrungen war, neu zur Sprache und verfolgt gleichzeitig das Ziel, die Starre dieses Denkens aufzubrechen? In diese Richtung können Sätze wie Johannes 3,16 deuten: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Zum anderen kann uns die strenge Unterscheidung von Gott und Welt aber auch helfen, dass wir nicht bestimmte Ideen, Dinge oder Personen dieser Welt vergöttern. Genau das ist ja in der Geschichte immer wieder die Ursache für viele Fanatismen und Katastrophen geworden.

Als Menschen stehen wir zwischen Gott und Welt: Wir sind ein Teil dieser Welt, aber wir fragen und streben auch über das Vorfindliche hinaus. Wir stehen in der doppelten Gefahr, uns entweder über diese Welt erheben und aus ihr verabschieden zu wollen oder ganz in dieser Welt aufzugehen und uns selbst in ihr zu verlieren.
Der christliche Glaube weiß um beide Gefahren und weist uns Menschen deshalb an die Geschichte, in der wir immer wieder auf ’s neue Fragen finden und Antworten zu wagen haben. Die Bindung und Orientierung an Jesus von Nazareth ist dabei ein entscheidend wichtiger Wegweiser, weil in ihm und durch ihn Gott den Menschen auf einzigartige Weise nahegekommen ist.
Diese Überzeugung ist selbst bereits Ausdruck des Glaubens, für den es aber gute Gründe gibt, die in der Hinwendung zu den Zeugnissen dieses Glaubens entdeckt werden können.

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