Kantate – Ein neues Lied

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Psalm 98,1

Kantate heißt Singt! An diesem Sonntag steht die (Kirchen-) Musik im Vordergrund.
Musik und Gesang können in ihrer Bedeurung für unser Leben kaum überschätzt werden. Viele haben zu Hause, im Auto oder auch während der Arbeit das Radio eingeschaltet, um Musik zu hören. Immer mehr Menschen – nicht nur die Jüngeren – sieht man auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln Musik in den Ohren tragen. Konzerte unterschiedlichster Art haben regen Zulauf, und bis heute gilt der altbekannte Spruch: Wo man singt, da lass dich ruhig nieder… (Bei der Fortsetzung muss ich allerdings öfter an die Böhsen Onkelz denken.)

Schon Martin Luther hat die besondere Bedeutung der Frau Musica stark gewürdigt. Er war nicht nur der Reformator, sondern auch der bedeutendste protestantische Liederdichter und wurde deshalb die wittenbergische Nachtigall genannt.
Luther erkannte in der Musik die Herrin und Regiererin der menschlichen Gefühle. Und ihre Wirkung beschrieb er so: Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich. Und weiter: Nach dem heiligen Wort Gottes ist nichts so billig und so hoch zu rühmen und zu loben, als eben die Musica. Denn nichts auff Erden krefftiger ist, die Trawigen fröhlich, die Frölichen trawig … den neid und hass zu mindern. Die Musik kann die Leute regieren und entweder zu tugend oder zu laster reitzen und treiben.

Musik kann also durchaus auch zwiespältiger und zweifelhafter Natur sein. Es macht einen großen Unterschied, wessen Lied ich sing. So mancher mehr oder weniger große Herr hört es gern, wenn ihm ein Loblied gesungen wird, und lässt sich das auch einiges kosten. Dabei tritt immer wieder die Gefahr der Lobhudelei auf, die oft leicht durchschaubar und meistens recht peinlich ist. In einem solchen Falle entsteht trotz des mitunter beträchtlichen Aufwandes, der mit dem Arrangement verbunden sein kann, schnell der Eindruck, dass es doch wieder nur das alte Lied ist, das da erklingt, das Lied, das die bestehenden Verhältnisse verherrlicht, unter denen andere leiden müssen.

Ganz anders hat es Dietrich Bonhoeffer während der Naziherrschaft gehalten. Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen, schrieb er seinen christlichen Mitbürgern ins Stammbuch.
Das waren sehr mutige, für viele sogar unerhörte Töne, die eindrucksvoll verdeutlichen, was es mit dem Wochenspruch auf sich hat:
Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Als Wunder werden in Psalm 98 Gottes Handeln zum Heil und sein Wirken zur Gerechtigkeit für die Völker und alle Welt herausgestellt.
Das ist nicht das alte Lied von Unrecht, Korruption und Unterdrückung, sondern eine befreiende Neuaufnahme des Gotteslobes, die in der Geschichte immer wieder zu einer Quelle der Kraft und Wegweisung geworden ist. Denken wir nur an die Gospelbewegung, die vielen Menschen in bedrückenden Verhältnissen eine Gewissheit gab, wie sie in We shall overcame zum Ausdruck kommt.

So können die Musik und das neue Lied selbst zu einem Teil, ja zur treibenden Kraft der Wunder werden, die sie besingen und preisen.
Das ist engelhaft. Engel haben bekanntlich sehr, sehr viel zu tun und zu wirken. Eben deshalb singen und musizieren sie.

Jubilate – In-Sein

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Korinther 5, 17

To be or not to be, ist die berühmte Frage, die Shakespeare Anfang des 17. Jahrhunderts seinen Hamlet stellen ließ.
In sein oder out sein ist heute die Frage von offensichtlich entscheidender Bedeutung. Wer out ist, ist weg vom Fenster, ist unten durch, längst abgeschrieben oder nur noch als Lachnummer präsent. Wer in ist wird gehypt und geliked, ist begehrt und verkauft sich gut.

Das ist nichts Neues, sondern ein im Großen wie im Kleinen nahezu immer und überall funktionierendes Prinzip unseres Lebens. Wir sind nicht einfach, was wir sind, sondern immer mehr oder weniger in oder out.
Weil das so wichtig zu sein scheint, muss die Frage gestellt werden: Wo sind wir eigentlich, wenn wir in sind? Offensichtlich weniger bei uns selbst als vielmehr auf einer Art Bühne, in einem besonderen Kraftfeld vieler anderer Menschen, in einem Sympathieraum, der uns gleichzeitig trägt und verändert, aber auch hohe Anforderungen an uns stellt, weil wir selbst als Erwartungs- und Hoffnungsträger für diese anderen erscheinen.
Beim Spitzenfußball wird besonders deutlich, was das bedeutet: Wenn der Trainer, mit dem so viele Erwartungen und Hoffnungen verknüpft werden, nicht die entsprechenden Ergebnisse bringt, sondern seine Mannschaft eine Reihe von Niederlagen einstecken muss, dann ist er nicht mehr in, sondern wird gefeuert.
In-sein heißt nicht, ein schönes und bequemes Leben haben. Es ist mit Höhen und Tiefen verbunden und verlangt uns in beiden Richtungen sehr viel ab.

Ähnlich und doch ganz anders ist es mit dem In-Christus-Sein, von dem der Apostel Paulus öfter spricht. Wer in Christus ist, befindet sich ebenfalls in einem besonderen Raum. Dieser Raum ist geistiger Art und wird von der Person Jesu Christi, von seinen Worten und seinem Leben bestimmt. Wer in Christus ist, genießt nicht nur kurzfristige Sympathie, sondern erfährt eine dauerhafte Annahme und Geborgenheit von dem, der sagt: Bleibt in mir und ich in euch (Joh 15,4). Wer in Christus ist, steht nicht vor trüben Aussichten, sondern sieht mit den Augen der Liebe. Wer in Christus ist, braucht keinen besonderen äußeren Ort und keine Statussymbole, um seiner eigenen Bedeutung gewiss zu werden. Er kann überall aus dem Vollen der Liebe schöpfen, die ihn selbst in diesem besonderen spirituellen Lebensraum umgibt. Wer in Christus ist, ist nicht mehr auf sich allein gestellt, sondern steht in ständiger Verbindung mit dem Vater des Lebens. Das ändert alles. Alles kann dem, der in Christus ist, zum Segen werden, auch das Leid, das unser Leben immer wieder durchzieht.
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Miserikordias Domini – Das Bild vom guten Hirten

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Johannes 10, 11. 27. 28

Die Rede vom guten Hirten gehört zu den bekanntesten Bildworten nicht nur des Johannesevangeliums, sondern des Neuen Testaments überhaupt. Im Alten Testament geht ihm der Psalm 23 voraus, der durch alle Zeiten hindurch für unzählige Menschen zum Gebet und zur Quelle der Vergewisserung und des Trostes in Angst und schweren Zeiten geworden ist: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…

Schon im Kindergottesdienst wird mit der liebevoll fürsorgenden Gestalt des guten Hirten, der sich unter Einsatz seines Lebens um seine Schafe kümmert, Vertrauen zu Jesus aufgebaut.

Aus den Schafen werden gern Schäfchen gemacht. Wohl jeder Pastor – pastor ist das lateinische Wort für Hirte – wird zuweilen von Außenstehenden mit einer eigentümlichen Mischung aus Sympathie und Spott auf seine Schäfchen angesprochen. Das Bild vom Hirten und seiner Herde hat wie kaum ein anderes das traditionelle Verständnis von Kirche und Gemeinde geprägt – und auch eingeengt. Wer möchte schon heute noch gern mit einem Schaf verglichen werden?!

Als Hirten wurden im alten Orient die großen Herrscher bezeichnet, die als Spitzenpolitiker und Führer ihrer Völker die Richtung vorgaben und über das Wohl und Wehe ihrer Untertanen entschieden.
Das Bild des Hirten ist alles andere als harmlos. Wer anderen Menschen gegenüber eine Führungsposition einnimmt, steht vor der großen Aufgabe, mitunter sehr verschiedene Anforderungen, Interessen und Bestrebungen unter einen Hut zu bringen und aus dem Gewirr der Widersprüchlichkeiten ein Ganzes zu formen, mit dem das gesteckte Ziel erreicht werden kann.

Da stellen sich sofort die Fragen, um welches Ziel es sich dabei handelt und wie diese Formung geschehen soll: Werden die Menschen auf ein höheres Ziel eingeschworen, dem sich alle individuellen Lebenserwartungen unterzuordnen haben? Geschieht das durch Propaganda, mit der Überzeugung und Begeisterung aufgebaut werden, und durch Angst vor Sanktionen verschiedenster Art, mit denen Abweichler auf Linie gebracht werden? So ist es in obrigkeitlichen Ordnungen und totalitären Systemen üblich.
In demokratischen Strukturen soll dagegen von unten her entschieden werden, welchen Weg die Herde bzw. die Gesellschaft einschlägt und wer dabei die Führung übernimmt. Dabei kommt es zu einem ständigen Kampf um die Gunst der öffentlichen Meinung, bei dem in starkem Maße auch Misstrauen und Zweifel an der Integrität und Kompetenz der politischen Akteure verbreitet werden. Nicht wenige Menschen empfinden deshalb Abscheu und Verdrossenheit. Das kann zum Rückzug ins ausschließlich Private führen, aber auch zu einer neuen Hinwendung zu solchen Führergestalten, die wieder Klarheit, Ordnung und Sauberkeit herzustellen versprechen.

Die Menschheit hat es schwer mit sich selbst und der Gestaltung ihres gesellschaftlichen und politischen Lebens. Es scheint, dass sie nur zwischen verschiedenen Übeln und Mühsalen wählen kann. Winston Churchill goss diese Erfahrung in den vielzitierten Satz:
Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

Welche Rolle kann der Glaube an den guten Hirten in diesem Zusammenhang spielen?
Gehört er nach der bei uns verbreiteten, aber auch umstrittenen Auffassung, dass Religion Privatsache sei, ausschließlich in den persönlichen Bereich der individuellen Frömmigkeit, Erbauung und Tröstung?
Oder besitzt er auch eine gesellschaftliche Relevanz?
Aus christlicher Sicht kann das eine nicht vom anderen getrennt werden. Es muss aber gleichzeitig wahrgenommen und sensibel reflektiert werden, dass eine Politisierung dieses Glaubens bei vielen Menschen berechtigte Ängste und Abwehr auslöst. Zuviel menschliche Anmaßung und Machtmissbrauch in Gottes Namen hat die Religion in Geschichte und Gegenwart in den Augen vieler eher als Quelle von Terror und Unterdrückung denn als Keimzelle von Gerechtigkeit und Frieden erscheinen lassen. Dabei steht die Warnung vor dem Missbrauch von Gottes Namen ganz oben unter den Zehn Geboten.

Der gute Hirte eignet sich nicht als Fahnenträger für eine bestimmte Partei. Er vertritt nicht die Partikularinteressen einer bestimmten Klientel, die im Kampf um die Macht gegen andere Interessengruppen durchgesetzt werden sollen. Er will nicht nur seine Schäfchen ins Trockene bringen, sondern denkt auch an noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. (Joh 10,16).
Das tut er nicht aus Ehrgeiz und Eigennutz, sondern mit ganzer Hingabe und unter Einsatz seines Lebens (Joh 10,11 und 15), weil es ihm darum geht, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen (Joh 10,10).

Mit der Bildrede vom guten Hirten wird ein Vorbild gezeichnet, das den Blick für die kritische Unterscheidung zwischen einer am Gemeinwohl orientierten Führung und einem auf den persönlichen Vorteil bedachten Streben nach Macht schärft.
Wenn dieses Vorbild rigoristisch als Vorschrift für politische Verantwortungsträger benutzt wird, führt das zu einer großen Ernüchterung und möglicherweise auch zum Generalverdacht gegen alle, die an der Macht sind, weil keiner völlig frei von eigennützigen Motiven ist.
Doch diese fälschliche weil unrealistische Verwendung des Bildes vom guten Hirten hebt seine Bedeutung und die Chance seines rechten Gebrauchs nicht auf. Gerade in einer Zeit, in der immer wieder festgestellt und oft auch beklagt wird, dass für viele der persönliche Erfolg über alle verbindende Werte geht, sind emotional bewegende und überzeugende, in der Tiefe der Persönlichkeit verankerte Vorbilder wichtige Wurzeln ethischen Handelns.
Unsere Kultur wäre ärmer, wenn sie das Bild vom guten Hirten vergessen oder nur noch als religiöse Karikatur seiner selbst im Museum der überwundenen Naivitäten aufbewahren würde.

Für Christen aber wirft die Bildrede vom guten Hirten ein helles, warmes Licht auf Jesus, der anders Herr ist als andere Herren. Auch den großen Tieren unter uns tut es mitunter not und gut, sich ihrer Bedürftigkeit nach Schutz und Fürsorge bewusst zu werden und als Jesu Schäfchen das Vertrauen und die Liebe zu diesem guten Hirten zu spüren.
Und hat nicht selbst diese Formatierung des eigenen Selbstbewusstseins eine gesellschaftliche Wirkung?

Quasimodogeniti – Ich bin so frei

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. 1. Petrus 1,3

Ostern liegt hinter uns. Für Nichtchristen ist es bis zum nächsten Jahr abgehakt. Für Christen hat es jedoch eine nachhaltige Wirkung. Das zeigt sich auch im Wochenspruch am ersten Sonntag nach Ostern. Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten sind die, die an ihn glauben, wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.

Die Vorstellung von einer Wiedergeburt begegnet uns vor allem in den östlichen Religionen und bedient das Verlangen nach Gerechtigkeit. Was der Mensch sät, das wird er ernten, heißt es auch in der Bibel (Galater 6,7).
Was aber wenn der Tod dazwischenkommt? Auf diese beunruhigende Frage haben die östlichen Religionen und unsere jüdisch-christliche Tradition – mit jeweils starken inneren Differenzierungen! – sehr unterschiedliche, aber in bestimmter Weise auch vergleichbare Antworten gefunden.
Die östliche Vorstellung von der Wiedergeburt sieht die nächste Existenz nach diesem Leben als Folge dieses Lebens. Je nach seinem Verhalten erreicht der Mensch im nächsten Leben eine höhere oder niedrigere Stufe.
In den spätjüdisch-christlichen Überlieferungen empfängt der Mensch statt dessen im Leben nach dem Tod, das keine zyklische Wiederholung, sondern das endgültige und ewige Leben ist, Lohn oder Strafe für seinen irdischen Wandel. Der Gedanke an eine erneute Wiedergeburt im östlichen Sinne ist dem geschichtlich-linearen Denken des Westens fremd.

Nun wird in unserem Wochenspruch allerdings doch von Wiedergeburt gesprochen. Auch der Name des Sonntages Quasimodogeniti weist in diese Richtung: wie die neugeborenen Kinder. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine der zahllosen Wiedergeburten im Sinne der östlichen Religionen, sondern um ein einmaliges Geschehen.
Wenn mit der Auferstehung Jesu der Tod ein für allemal überwunden ist, dann kann das kein nur äußeres Ereignis bleiben, über das wir spekulieren können, ohne dass es uns in der Tiefe unserer Existenz betrifft und grundlegend verändert.

Um es in einem Gleichnis auszudrücken:
Ostern ist für den christlichen Glauben wie die Erfahrung von Menschen, die lebenslänglich in einem Gefängnis sitzen. Die Kerkermauern sind unüberwindbar, und jeder Gedanke an die Freiheit erscheint wie ein Traum, der die Realität der Gefangenen nur um so schmerzlicher ins Bewusstsein rückt. Die meisten haben sich längst damit abgefunden und halten ihre Existenz hinter den Gitterstäben, durch die nur ein schmaler Streifen Himmel sichtbar wird, inzwischen für das normale Leben. Und dann steht einer von ihnen auf, öffnet die Tür und ruft den anderen zu, mit ihm ins Freie zu kommen.
Manche unter den Mitgefangenen lachen darüber aus gebrochenem Herzen ein bitteres Lachen, in dem Unglauben und Angst mitklingen.
Wer aber den Schritt durch die geöffnete Tür wagt und in die Freiheit tritt, der steht am Beginn eines neuen Lebens. Plötzlich sind alle Wege offen.
Es verwundert nicht, wenn er das zunächst gar nicht fassen kann – mit Ostern ist es ganz ähnlich. Doch ist er wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.

Das klingt verrückt und ist es auch, weil die uns vertrauten Gitterstäbe, nicht länger die Maßstäbe unseres Lebens sein müssen. Jetzt sind wir selbst im grünen Bereich.