Miserikordias Domini – Das Bild vom guten Hirten

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Johannes 10, 11. 27. 28

Die Rede vom guten Hirten gehört zu den bekanntesten Bildworten nicht nur des Johannesevangeliums, sondern des Neuen Testaments überhaupt. Im Alten Testament geht ihm der Psalm 23 voraus, der durch alle Zeiten hindurch für unzählige Menschen zum Gebet und zur Quelle der Vergewisserung und des Trostes in Angst und schweren Zeiten geworden ist: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…

Schon im Kindergottesdienst wird mit der liebevoll fürsorgenden Gestalt des guten Hirten, der sich unter Einsatz seines Lebens um seine Schafe kümmert, Vertrauen zu Jesus aufgebaut.

Aus den Schafen werden gern Schäfchen gemacht. Wohl jeder Pastor – pastor ist das lateinische Wort für Hirte – wird zuweilen von Außenstehenden mit einer eigentümlichen Mischung aus Sympathie und Spott auf seine Schäfchen angesprochen. Das Bild vom Hirten und seiner Herde hat wie kaum ein anderes das traditionelle Verständnis von Kirche und Gemeinde geprägt – und auch eingeengt. Wer möchte schon heute noch gern mit einem Schaf verglichen werden?!

Als Hirten wurden im alten Orient die großen Herrscher bezeichnet, die als Spitzenpolitiker und Führer ihrer Völker die Richtung vorgaben und über das Wohl und Wehe ihrer Untertanen entschieden.
Das Bild des Hirten ist alles andere als harmlos. Wer anderen Menschen gegenüber eine Führungsposition einnimmt, steht vor der großen Aufgabe, mitunter sehr verschiedene Anforderungen, Interessen und Bestrebungen unter einen Hut zu bringen und aus dem Gewirr der Widersprüchlichkeiten ein Ganzes zu formen, mit dem das gesteckte Ziel erreicht werden kann.

Da stellen sich sofort die Fragen, um welches Ziel es sich dabei handelt und wie diese Formung geschehen soll: Werden die Menschen auf ein höheres Ziel eingeschworen, dem sich alle individuellen Lebenserwartungen unterzuordnen haben? Geschieht das durch Propaganda, mit der Überzeugung und Begeisterung aufgebaut werden, und durch Angst vor Sanktionen verschiedenster Art, mit denen Abweichler auf Linie gebracht werden? So ist es in obrigkeitlichen Ordnungen und totalitären Systemen üblich.
In demokratischen Strukturen soll dagegen von unten her entschieden werden, welchen Weg die Herde bzw. die Gesellschaft einschlägt und wer dabei die Führung übernimmt. Dabei kommt es zu einem ständigen Kampf um die Gunst der öffentlichen Meinung, bei dem in starkem Maße auch Misstrauen und Zweifel an der Integrität und Kompetenz der politischen Akteure verbreitet werden. Nicht wenige Menschen empfinden deshalb Abscheu und Verdrossenheit. Das kann zum Rückzug ins ausschließlich Private führen, aber auch zu einer neuen Hinwendung zu solchen Führergestalten, die wieder Klarheit, Ordnung und Sauberkeit herzustellen versprechen.

Die Menschheit hat es schwer mit sich selbst und der Gestaltung ihres gesellschaftlichen und politischen Lebens. Es scheint, dass sie nur zwischen verschiedenen Übeln und Mühsalen wählen kann. Winston Churchill goss diese Erfahrung in den vielzitierten Satz:
Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

Welche Rolle kann der Glaube an den guten Hirten in diesem Zusammenhang spielen?
Gehört er nach der bei uns verbreiteten, aber auch umstrittenen Auffassung, dass Religion Privatsache sei, ausschließlich in den persönlichen Bereich der individuellen Frömmigkeit, Erbauung und Tröstung?
Oder besitzt er auch eine gesellschaftliche Relevanz?
Aus christlicher Sicht kann das eine nicht vom anderen getrennt werden. Es muss aber gleichzeitig wahrgenommen und sensibel reflektiert werden, dass eine Politisierung dieses Glaubens bei vielen Menschen berechtigte Ängste und Abwehr auslöst. Zuviel menschliche Anmaßung und Machtmissbrauch in Gottes Namen hat die Religion in Geschichte und Gegenwart in den Augen vieler eher als Quelle von Terror und Unterdrückung denn als Keimzelle von Gerechtigkeit und Frieden erscheinen lassen. Dabei steht die Warnung vor dem Missbrauch von Gottes Namen ganz oben unter den Zehn Geboten.

Der gute Hirte eignet sich nicht als Fahnenträger für eine bestimmte Partei. Er vertritt nicht die Partikularinteressen einer bestimmten Klientel, die im Kampf um die Macht gegen andere Interessengruppen durchgesetzt werden sollen. Er will nicht nur seine Schäfchen ins Trockene bringen, sondern denkt auch an noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. (Joh 10,16).
Das tut er nicht aus Ehrgeiz und Eigennutz, sondern mit ganzer Hingabe und unter Einsatz seines Lebens (Joh 10,11 und 15), weil es ihm darum geht, dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen (Joh 10,10).

Mit der Bildrede vom guten Hirten wird ein Vorbild gezeichnet, das den Blick für die kritische Unterscheidung zwischen einer am Gemeinwohl orientierten Führung und einem auf den persönlichen Vorteil bedachten Streben nach Macht schärft.
Wenn dieses Vorbild rigoristisch als Vorschrift für politische Verantwortungsträger benutzt wird, führt das zu einer großen Ernüchterung und möglicherweise auch zum Generalverdacht gegen alle, die an der Macht sind, weil keiner völlig frei von eigennützigen Motiven ist.
Doch diese fälschliche weil unrealistische Verwendung des Bildes vom guten Hirten hebt seine Bedeutung und die Chance seines rechten Gebrauchs nicht auf. Gerade in einer Zeit, in der immer wieder festgestellt und oft auch beklagt wird, dass für viele der persönliche Erfolg über alle verbindende Werte geht, sind emotional bewegende und überzeugende, in der Tiefe der Persönlichkeit verankerte Vorbilder wichtige Wurzeln ethischen Handelns.
Unsere Kultur wäre ärmer, wenn sie das Bild vom guten Hirten vergessen oder nur noch als religiöse Karikatur seiner selbst im Museum der überwundenen Naivitäten aufbewahren würde.

Für Christen aber wirft die Bildrede vom guten Hirten ein helles, warmes Licht auf Jesus, der anders Herr ist als andere Herren. Auch den großen Tieren unter uns tut es mitunter not und gut, sich ihrer Bedürftigkeit nach Schutz und Fürsorge bewusst zu werden und als Jesu Schäfchen das Vertrauen und die Liebe zu diesem guten Hirten zu spüren.
Und hat nicht selbst diese Formatierung des eigenen Selbstbewusstseins eine gesellschaftliche Wirkung?

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