Trinitatis – Heilig

Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.
Jesaja 6, 3

Das Wort heilig wird heute – ähnlich wie fromm – von vielen nicht mehr in seinem ursprünglichen Sinn verstanden. Es klingt auf verstaubte Weise nach Kirche und hat auch einen anmaßend erscheinenden Beiklang, wenn es auf bestimmte Menschen bezogen wird. Will sich da vielleicht jemand über den alltäglichen Sumpf erheben, in dem wir doch mehr oder weniger alle stecken? Das ist dann geradezu eine Einladung, einmal genauer hinzuschauen. Erfrischender, provokanter und cleverer erscheint es da, sich von vornherein Unheilig zu nennen, wie es eine Band und ein Sänger, der sich als Der Graf bezeichnen lässt, tun.

Doch wenn alte Begriffe aus der Mode kommen und vergessen werden, ist die Sache, um die es bei ihnen ging, noch lange nicht erledigt. Fromm bedeutete ursprünglich tüchtig, weshalb man früher auch von einem frommen Pferd gesprochen hat und auch Gott selbst fromm genannt wurde.

Mit heilig geht es um noch etwas Größeres. Heilig ist etwas, das der alltäglichen, der profanen Verfügbarkeit entzogen ist, etwas, das nicht zur Disposition steht und an dem nicht ohne weiteres gerüttelt werden darf.
Aber steht nicht alles zur Disposition, muss nicht alles hinterfragt werden und hat nicht alles seinen Preis? Wo diese Denkweise selbstverständlich erscheint, da ist nichts mehr heilig.
Bei dieser Formulierung zucken wir dann vielleicht doch etwas zusammen. Wem nichts mehr heilig ist, der kann machen, was er will, und sein Handeln ganz auf den eigenen Vorteil ausrichten. Das kann doch nicht der Sinn und Maßstab unseres Lebens sein. Einfach deshalb nicht, weil unser Leben von vornherein auf das Zusammenleben angelegt ist: mit anderen Menschen, mit der Natur und auch mit der Kultur, die mich prägt und zu der ich – so oder so – etwas beitrage.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser erste Satz aus Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist für mich ein modernes Äquivalent für das alte Wort heilig, und hier kann ein spannendes Gespräch beginnen. Wir wissen es alle, dass jeden Tag die Würde unzählig vieler Menschen nicht nur angetastet, sondern auf schlimmste Weise mit Füßen getreten wird. Bis heute gehen wir als Menschheit tagtäglich über Berge von Leichen. Angesichts dieser Wirklichkeit kann Art. 1 GG wie Hohn klingen. Haben wir uns an diese Wirklichkeit gewöhnt? Sind wir abgestumpft? Oder müssen wir zynisch sein, weil dieser Dauerwiderspruch anders gar nicht bewältigt werden kann?
Als Mensch, der in einer Weltanschauungsdiktatur aufgewachsen ist, bin ich sehr dankbar für den ersten Satz unserer Verfassung. Gerade weil die Erfahrungswirklichkeit oft so brutal und ungerecht erscheint, ist mir dieser Satz um so wichtiger. Er ist wie ein Kompass, der die Richtung anzeigt, und wie eine Kathedrale, an und in der sich die Bedeutung, Größe und Schönheit unseres Lebens erkennen lässt – nicht nur der Großen, Reichen und Schönen, sondern eines jeden Menschen, auch des Bettlers vor dem Supermarkt, an dem ich mit meinem Einkaufswagen vorbeifahre.
Gewiss bleiben viele konkrete Fragen offen und sind wohl auch nicht so leicht zu beantworten: Ist ungeborenes Leben um jeden Preis zu schützen? Wie ist das mit der Sterbehilfe? Was bedeutet denn Gerechtigkeit konkret? Die Antworten sind nicht in einem Satz zu geben, aber dieser eine Satz ist das Fundament und der Bauplan für alle Antworten.

Was hat das mit unserem Wochenspruch zu tun? Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.
Kurz geantwortet: Ich sehe in ihm das Fundament für das Fundament. (In diesem Sinne bin ich gern ein Fundamentalist.) Gott ist der Architekt des Bauplans.

Das Dreimalheilig hat natürlich zunächst einen feierlich hymnischen Charakter. Im Gottesdienst hat es seinen Platz bei der Anbetung Gottes in der Abendmahlsliturgie.
Das Dreimalheilig kann für uns auch ein Hinweis auf die ersten drei (in der Bibel ursprünglich vier – vgl. 2.Mose 20,2-11) der Zehn Gebote sein. Sie sind der Heiligkeit Gottes gewidmet. Wenn Gott heilig gehalten wird, dann bedeutet das, dass er nicht für menschliche Zwecke und Interessen missbraucht wird. Dass ihm mit Ehrfurcht und Vertrauen begegnet wird. Dass in seinem Namen kein Unrecht geschieht und dass weder bestimmte Menschen noch besondere Dinge oder Ideen vergötzt werden.

Das Dreimalheilig begegnet uns als Wort am Trinitatisfest.
Mit Trinitatis endet die Festzeit des Kirchenjahres. Nach Weihnachten (dem Fest Gottes des Vaters, der in seinem Sohn Jesus Mensch wird), Ostern (dem Fest des Sohnes, der den Tod überwindet und zum Vater zurückkehrt) und Pfingsten (dem Fest des heiligen Geistes, durch den Gott unter den Menschen präsent ist, in ihnen Glauben schafft und dadurch Kirche werden lässt) wird mit dem Dreieinigkeitsfest das besondere Wesen Gottes, wie er dem christlichen Glauben erscheint, in den Mittelpunkt gestellt.
Gott ist eine Beziehung. Und Heiligkeit ist eine besondere Qualität der Beziehung.

Heiligkeit ist keine Eigenschaft, die man besitzen kann. Heilig wird man durch die verwandelnde Kraft der Liebe. Darauf weist auch unsere Alltagssprache hin, wenn sie von der oder dem „Angebeteten“ spricht. Dass wir in diesem Fall immer die Anführungszeichen mitdenken, weist zugleich darauf hin, dass hier etwas Heiliges angesprochen wird. Bei Heiligem ist immer größte Vorsicht geboten.
Im Kolosserbrief werden die Briefempfänger die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten (3,12) genannt. In diesem Sinne sind wir alle Heilige. Machen wir etwas daraus? Das fängt mit der Besinnung an.

Advertisements

Pfingsten hat gerade erst begonnen

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth. Sacharja 4, 6

Pfingsten bewegt.
Alle Jahre wieder zieht eine Pfingstreisewelle durch das Land. Die Autobahnen sind voll. Mit längeren Staus muss während der Feiertage gerechnet werden. Die Nachfrage nach Kraftstoff ist gestiegen. Entsprechend ziehen die Kraftstoffpreise an.
Warum müssen die denn jetzt auch alle die Mineralölpreise hochtreiben und unsere Luft verpesten! Sie könnten doch ebenso gut mit dem Fahrrad mal raus ins Grüne! Das wäre in jeder Hinsicht besser und viel gesünder! sagen die einen und schütteln genervt ihre Köpfe.
Wir haben lange und hart gearbeitet. Jetzt wollen wir endlich auch mal am Stück richtig raus und etwas erleben. Das lassen wir uns von irgendwelchen Ökofreaks nicht kaputtmachen. Wo leben wir denn, wenn bestimmte Leute anderen vorschreiben wollen, was sie gut finden sollen und was nicht! denken die anderen gereizt.

Meinung prallt auf Meinung, Lebenseinstellung auf Lebenseinstellung, Kultur auf Kultur. Das ist offensichtlich ein Grundzug des menschlichen Zusammenlebens. Früher waren solche Konflikte oft nicht so allgegenwärtig, weil es in jeder größeren oder kleineren Region eine vorherrschende Meinung und entsprechende Lebenseinstellungen gab. Abweichler wurden auf Linie gebracht, abgeschoben oder auf andere Weise zum Schweigen gezwungen. Im Inneren herrschte Ordnung, aber zwischen den Kulturen und Herrschaftsbereichen kam es oft zu Spannungen, die in der Geschichte immer wieder zu Gewalt und Krieg geführt haben.
In vielen Teilen der Welt ist das noch heute so. Doch auch im bei uns im Inneren werden täglich auf die eine oder andere Weise Kämpfe ausgetragen, die auf die Überwindung des Anderen zielen, der den eigenen Auffassungen und Interessen im Wege steht oder auch nur als fremd und bedrohlich erlebt wird.

Wo soll das hinführen und wie soll das enden? Auf diese Frage gibt es nur eine vernünftige Antwort: Die Gewalt als Mittel der Konfliktlösung muss enden. Unterschiedliche Lebenseinstellungen, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte dürfen aber auch nicht unter den Teppich gekehrt werden, wo sie sich mit der Zeit zu einer giftigen Mischung verdichten.

Das Pfingstfest, das für viele nur noch ein verlängertes Wochenende im Frühling zu sein scheint, steht für eine Lösungsmöglichkeit bei der Frage nach den Umgang mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.

Ein neuer Geist, der Geist Gottes, der nicht irgendwelche Einzelinteressen vertritt, sondern als Schöpfergeist alle Geschöpfe mit ihren Besonderheiten beseelt, dieser schöpferische Geist des (Zusammen-)Lebens und des Friedens muss an die Stelle des alten Ungeistes treten, der die Welt in Freund und Feind einteilt und als geistige Wurzel für Hass und Gewalt wirkt.

Ist das nur ein frommer, überschwänglicher Wunsch?
Diese skeptische Frage ist berechtigt. Halten wir uns deshalb an die Fakten.
Zunächst ein Blick auf die Pfingstgeschichte im Neuen Testament: Lukas erzählt im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte, dass mit dem Kommen des Pfingstgeistes plötzlich Menschen aus den unterschiedlichen Ländern und Sprachen gemeinsam verstehen, was ihnen zu Pfingsten gesagt wird: Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber:wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. (Apostelgeschichte 2:8-11).
Wer das für eine idealisierte Darstellung eines Einzelereignisses mit Ausnahmecharakter hält, findet ein etwas nüchterneres, aber dafür sehr nachhaltiges Gegenstück in der Beschreibung des Lebens der ersten Gemeinden im östlichen Mittelmeerraum, bei deren Gründung Paulus als Apostel starken Anteil hatte. Er schreibt über die neue Lebensform: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Galaterbrief 3:28) Damit bekundet er, was uns bis heute oft nur schwer vorstellbar erscheint: Es ist möglich, dass Menschen zusammenleben, ohne dass die Unterschiede des Geschlechts, des sozialen Status oder der nationalen bzw. kulturellen Herkunft eine Barriere zwischen ihnen bilden oder gar zu Feindseligkeiten zwischen ihnen führen. Es ist möglich, wenn sie aus dem schöpferischen Geist leben, den wir den heiligen Geist nennen.

Doch wie ist es heute, wo sich die verschiedenen Religionen geradezu auf Tuchfühlung gegenüberstehen und der christliche Glaube in Europa seinen starken früheren Einfluss zu verlieren scheint? Ist dieser Pfingstgeist bei uns nicht ebenso stark in Vergessenheit geraten wie die Hintergründe des Pfingstfestes?
Nein. Wenn man nicht von einem verengten, auf alte Vorstellungen fixierten Bild ausgeht – der Geist Gottes lässt sich nicht fixieren – besteht viel Grund zur Hoffnung: Die Völker und Menschen in Europa haben seit dem zweiten Weltkrieg miteinander ganz neue Wege der Versöhnung und Verständigung beschritten. Die christliche Tradition und der sich in ihr immer wieder erneuernde Geist haben dabei ganz maßgeblich mitgewirkt. Auch wenn jetzt viel von Krisen, Spannungen und sogar von Verdruss gegen Europa geredet wird, kann nicht übersehen werden, dass diese Probleme heute in einem Geist ausgetragen werden, der vor hundert Jahren, kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges, unvorstellbar gewesen wäre. Eine neue Art zu denken und miteinander leben zu lernen hat begonnen. Diese geistige Umwälzung ist für uns schon so selbstverständlich geworden, dass wir sie in ihrer Größe und Bedeutung oft gar nicht mehr wahrnehmen. Sie zu bewahren und in neuen Konflikten zu bewähren und auszudehnen, ist die Aufgabe, die uns miteinander gestellt wird. Da ist nicht Christ oder Atheist, Moslem oder Hindu, denn sie leben allesamt auf einer Erde, die sie nur miteinander durch Frieden, Gerechtigkeit und vernünftiges Wirtschaften bewahren können. Es ist wichtig daran zu glauben und aus der Kraft der jeweils eigenen Tradition heraus dafür einzutreten, miteinander und nicht gegeneinander. Und es ist wichtig, darauf zu achten, dass es unter uns zu keiner Geistvergiftung kommt. Das globale Pfingsten, auf das der Wochenspruch aus Sacharja 4,6 heute zu verweisen scheint, hat gerade erst begonnen.

Exaudi – Jesus zieht

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Johannesevangelium 12,32)

Der Sonntag Exaudi liegt zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Sein Name Erhöre! ist von dem Leitvers (der Antiphon) für diesen Tag in Psalm 27,7 abgeleitet: HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Noch heute verrät es unsere Sprache, dass Gott vor allem im Modus des Gebetes begegnet. Wendungen wie Ach Gott! oder Mein Gott! haben sich tief in unseren Sprachgebrauch eingeprägt und scheinen kaum ersetzbar zu sein.
Wir kommen Gott näher, wenn wir nicht über Gott (in der dritten Person), sondern zu Gott (in der zweiten Person) reden.
Das menschliche Flehen um Erhörung und Errettung kommt auch in der letzten der sieben Bitten des Vaterunsers zur Sprache: Erlöse uns von dem Bösen.

Der Wochenspruch klingt wie eine Antwort Jesu auf diese Bitten um Erhörung: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
Das ist weit mehr als eine gewöhnliche Antwort. Es ist das Versprechen einer grundlegenden Veränderung unserer Lebenssituation.

Wer ein Bild sucht, mag an die Rettung von Schiffbrüchigen denken. Ihr Schiff ist gekentert. Sie sind vom Untergang bedroht. Jetzt kann nur helfen, wer über die Möglichkeit verfügt, die Verlorenen auf festen Boden zu ziehen.
Es gibt durchaus solche dramatischen Situationen, in denen uns das Wasser bis an die Kehle geht (Psalm 69.2ff.) und ein rettender Arm zur rechten Zeit lebensentscheidend sein kann.

Manche Verkündiger des christlichen Glaubens spitzen ihre Predigt gern auf solche Situationen zu, um die Menschen aufzurütteln, ihnen die Augen für ihr verborgenes Elend zu öffnen und sie zum Heil zu bekehren.
Es ist aber ein sehr umstrittenes Vorgehen, wenn das normale Leben und diese Welt möglichst dunkel gemalt werden, damit das Angebot der Erlösung dann um so heller davon abgehoben werden kann. Das stößt vielen Menschen unangenehm auf und entspricht eher dem fundamentalistischen Eifer einzelner ideologisierter Gruppen, nicht aber der Breite der biblischen Botschaft und der Verkündigung des historischen Jesus.
Theologisch gesprochen: Die Schöpfung und die Erlösung bleiben aufeinander bezogen, sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Doch die andere Seite der Medaille ist auch nicht zu vergessen: Als Menschen sind wir Geschöpfe, die nur ein sehr begrenztes eigenes Bild vom Ganzen der Schöpfung und ihrem Schöpfer haben, die in Ängsten und Eigensinn verstrickt sind, die von sich aus kein Heil schaffen können und dort, wo sie es etwa im Namen der Religion versuchen, immer wieder größeres Unheil produzieren. Das lehren uns auch die Erfahrungen, die wir in der Geschichte mit uns selbst haben machen müssen.

Es bedarf eines höheren Standpunktes, ungetrübt von den Begrenztheiten der menschlichen Perspektive und frei von den Verstrickungen menschlicher Angst, um den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft (Philipperbrief 4,7) zu erlangen.

Über das Wie gibt es im Neuen Testament verschiedene Aussagen:
Der irdische Jesus, wie ihn die ersten drei Evangelien schildern, ruft die Menschen in seine Nachfolge: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. (Markus 8:34-35)
Der vom Himmel herabgekommene Christus des Johannesevangeliums fügt diesen Worten (Joh 12,25-26) die Verheißung unseres Wochenspruchs (Joh 12.32) hinzu. Er selbst bahnt mit seinem Sterben den Weg ins Leben. Seine Erhöhung führt ihn ans Kreuz (12,33) und auf diesem Weg zurück zum Vater. Wer ihm verbunden bleibt, den zieht er aus der Finsternis ins Licht.
Das sind alles Aussagen von großer metaphorischer Tiefe. Dem rational distanzierten Verständnis werden sie sich wie Reisebeschreibungen in gänzlich neue Regionen nur schwerlich erschließen. Wer sich aber selbst auf den Weg in die Nachfolge aufmacht, wird dabei auch spüren können, dass der, dem er nachfolgt, ihn begleitet, zieht und trägt. Jesus zieht, auch heute noch.

Gott 9.0 und Erde 1.0

Gerade las ich einen Beitrag zu der Frage, warum Gott 9.0 nicht auf dem Kirchentag in Hamburg stärker präsent war. „Ja!“, dachte ich beim Lesen. Und gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich in Hamburg gar nicht danach gesucht habe. 

Dieser Widerspruch macht mich stutzig. Und dieses Stutzen erscheint mir jetzt wie ein Impuls zum weiteren Nachdenken.

Ich bin vom Konzept Gott 9.0 fasziniert. Ich sehe darin vor allem ein Modell mit großer Erklärungskraft und benutze es als eine Art Diagnose-Instrument, um bestimmte Phänomene, die mir sonst eher unverständlich blieben, zu verstehen und einzuordnen.

In diesem „Einordnen“ liegt natürlich auch eine große Gefahr. Wer wird schon gern von einer Modellperspektive her eingeordnet?!
Die andere Gefahr besteht darin, spekulativ abzuheben, BLAU, ORANGE, GRÜN und sogar GELB weit unter sich zurückzulassen und sich selbst in Bewusstseinssphären anzusiedeln, die – seien wir doch mal ganz ehrlich – kaum einer von uns in seinem Alltagsleben wirklich realisieren wird.

Dass Außenstehende, die Gott 9.0 skeptisch betrachten, da zur Vorsicht raten, kann ich auch als „Fan“ recht gut verstehen.

Meines Erachtens ist es nicht sinnvoll, über die Ignoranz und das Unverständnis der DEKT-Leitung zu stöhnen oder zu schimpfen oder sie mit einer Aufklärungskampagne zu Gott 9.0 zu überziehen.

Meines Erachtens sollte Gott 9.0 eher selbstkritisch danach fragen, warum diese (Negativ-) Eindrücke gegenüber Gott 9.0 entstehen können und welche möglichen Kritikpunkte vielleicht aufzuarbeiten wären, damit dieses großartige Modell mehr Beachtung findet.

Mein Eindruck, den ich übrigens nach dem großartigen Vortrag des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa auf dem DEKT gewonnen habe, ist folgender:
Wir wissen zwar um Gott 9.0, aber wir leben immer noch auf der Erde 1.0.
Wenn diese Verklammerung, will sagen die konkrete gesellschaftliche Verortung, unser Verhaftetsein an den Problemen hier und heute, durch den Dreh einer furiosen Bewusstseinsspirale verlassen wird, dann erzeugt das zu Recht Unbehagen.

Ein wenig erinnert mich das Ganze auch an die Philosophie Hegels. Er hatte ein grandioses Gesamtbild von der Entwicklung des Weltgeistes geschaffen, der in seiner Philosophie endlich zu sich selbst gekommen zu sein schien. Nach Hegel hat man sich dann wieder den Problemen der Zeit und des Zeitgeistes zugewendet, ohne dass Hegel damit bedeutungslos geworden wäre.

Was ich damit sagen will: Mir erscheint es sinnvoller und fruchtbarer, wenn Gott 9.0 jetzt eine inkarnatorische Richtung einschlagen würde und sich den heutigen Fragen und Problemen, die bei uns hauptsächlich zwischen BLAU und GELB liegen dürften, zuwenden würde.

Wenn der Teufel im Detail steckt, muss auch Gott dort aufkreuzen.
Wenn die lebensrelevanten Fragen mit den konkreten Lebensbedingungen und Entwicklungsprozessen unserer Zeit und Gesellschaft zusammenhängen, sollten sich auch Gott 9.0 und seine Jünger diesen zuwenden.

Ganz konkret:
Wenn Menschen Ängste vor der Zukunft haben,
wenn sie sich nicht mehr als wertvolles Glied in einer humanen Gesellschaft erleben,
wenn sie keinen Sinn mehr im Leben finden,
wenn sie zur leichten Beute von Glücksversprechern aller Art werden und in den Sog von allerlei Abhängigkeiten geraten,
wenn …

…dann hilft es ihnen wenig, wenn ich ihnen erzähle, dass wir alle miteinander in das Land der KORALLE unterwegs sind. Dann ist es vielmehr meine Aufgabe, mit ihnen im Gestrüpp ihres und meines Alltags einen Weg zu suchen, der zu mehr Licht und Hoffnung führt.

Kann Gott 9.0 DABEI hilfreich sein, hier, mitten im Daseinsraum 1.0 ?