Rogate – Neu beten lernen

Gelobt sei Gott, der meine Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.
Psalm 66, 20

Rogate heißt Betet! Das Gebet steht im Mittelpunkt der biblischen Texte für diesen Sonntag.
Für die Religionen, die sich auf den ansprechenden und zuhörenden Gott der Bibel beziehen, gehört das Gebet zum Wesen des Glaubens. Die Gottesbeziehung wird im Gebet zur Lebenswirklichkeit. Deshalb ist der biblisch begründete Glaube weit mehr als eine bloße Weltanschauung oder ein Gedankensystem religiöser Grundüberzeugungen. Er ist in seinem Kern Lebensbeziehung, die sich in Worten und Antworten ausdrückt, einprägt und die ganze Existenz des Menschen mit seinen Fragen nach dem Woher und Wohin umspannt.
Aus diesem Grund kann sich das Gebet auch auf so unterschiedliche Weisen äußern, die vom verzweifelten Schrei über die Klage, die Bitte und die Fürbitte für andere bis hin zum Dank und zum Lobpreis reichen; nicht zu vergessen sind dabei auch das Schweigen und Hören. Und auch die Ausdrucksform des Gebets ist nicht auf das laut oder leise gesprochene Wort beschränkt. Bis hin zum Tanz, kann mit Herzen, Mund und Händen vor Gott gebracht werden, was uns Menschen bewegt. Die Erfahrung zeigt, dass ein Gebet mit allen Sinnen und Gliedern die Chance bietet, neue Räume der Selbst- und der Gotteserfahrung zu betreten, die bei einer rein gedanklichen Beschäftigung mit dem dabei zur Sprache kommenden Anliegen im Dunkeln bleiben würden.

Aber hat es überhaupt Sinn zu beten? Gibt es Gott denn wirklich? Warum geschieht dann so viel Leid und so viel Böses? Und wäre es nicht besser, etwas dagegen zu tun, statt zu beten? Das sind die Fragen, die heute immer wieder gegenüber dem Gebet gestellt werden.
Mancher, der seinen Kinderglauben verloren hat, ist von Gott enttäuscht. Seine Bitten sind anscheinend ins Leere gegangen. Auf Gott ist eben doch kein Verlass. Das sind alles nur schöne Sprüche von der Erhörung der Gebete. Von diesen Illusionen muss man sich endlich frei machen und seinem Schicksal ins Auge sehen, damit die andauernde Enttäuschung sich nicht bis in alle Ewigkeit fortsetzt.

Wer so denkt, und das scheinen nicht wenige zu sein, geht von einem recht kindlichen und naiven Gottesbild aus: Gott erscheint darin wie ein großer guter Onkel, der alle Wünsche erfüllt und das gefälligst auch tun sollte. Wenn er dieser Instrumentalisierung nicht gerecht wird, dann wird er aus meinem Leben ausrangiert wie ein nutzloses Gerät, das nicht mehr tut, was es soll. Man kommt zu dem Schluss, dass Gott gar nicht da ist, dass es ihn überhaupt nicht gibt, obwohl sich doch nur das eigene Bild von Gott als Illusion erwiesen hat. Welch ein Irrtum!

An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Für die einen ist Gott passé, weil sie gar nicht auf den Gedanken kommen, dass das Problem auch in der eigenen Vorstellung von Gott liegen könnte. Für die anderen beginnt hier ein Weg des Suchens und Ringens nach und um den fremd gewordenen Gott, der vielleicht ganz anders ist und wirkt, als man vorher angenommen hatte.
Ein schönes Bild für dieses Ringen ist der Kampf des alttestamentlichen Erzvaters Jakob mit einem Unbekannten am Fluß Jabbok. Nachdem beide die ganze Nacht miteinander gerungen hatten, ohne dass der eine den anderen überwinden konnte, bittet der Fremde schließlich kurz vor Tagesanbruch, dass Jakob ihn loslassen soll. Doch Jakob entgegnet:
„Ich lasse sich nicht, du segnest mich denn.“ (1Mose 32,27)
Dieses Ringen mit Gott ist im Grunde ein Ringen um einen neuen Zugang zu und ein neues Bild von Gott. Es schließt den Abschied von vertrauten, aber nicht mehr tragfähigen Vorstellungen und Gewohnheiten ein und damit auch die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Das kann schmerzhaft, verunsichernd und anstrengend sein. Doch das ist ein ganz natürlicher Prozess, den wir in allen wichtigen Bereichen unseres Lebens finden. Sollte ausgerechnet der Glaube vom Lernen, von Entwicklung und Wachstum ausgenommen sein?

Reifes Beten ist immer auch ein Fragen nach Gott, ein Suchen nach neuen Möglichkeiten, die alten Beschränkungen und Hindernisse im Verhältnis zu ihm zu überwinden, ein Hören auf sein Wort und die Bereitschaft, sich selbst verändern zu lassen.
Reifes Beten fordert nicht: Lieber Gott, mach es doch so, wie ich es am liebsten hätte.
Reifes Beten sagt: Dein Wille geschehe. Hilf, dass ich ihn erkennen und so damit umzugehen lerne, dass es dir zur Ehre und zum Wohl der Menschen dient. Herr, mache mich zu einem Instrument deines Heils.
Solches reife Beten ist kein Ersatz für notwendiges Handeln, sondern oft geradezu der Grund und die Kraftquelle zu seiner Ermöglichung. Dort, wo es wirklich schwer wird und der nur auf sich selbst vertrauende Mensch an seine Grenzen kommt, dort hilft und trägt das reife Gebet wirklich und wirksam weiter.
In diesem Sinne lässt sich auch das Wort verstehen, das Reinhold Schneider im Jahre 1936 an den Anfang eines großen Gedichtes stellte: Allein den Betern kann es noch gelingen das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten.

Solches Beten führt zu der Gewissheit, dass wir nicht von Gott verlassen sind, sondern uns auf ihn, der höher ist als unsere Vernunft verlassen können. Wie von selbst führt der Weg solchen Betens dann zu dem Lobpreis unseres Wochenspruchs: Gelobt sei Gott, der meine Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

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