Pfingsten hat gerade erst begonnen

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth. Sacharja 4, 6

Pfingsten bewegt.
Alle Jahre wieder zieht eine Pfingstreisewelle durch das Land. Die Autobahnen sind voll. Mit längeren Staus muss während der Feiertage gerechnet werden. Die Nachfrage nach Kraftstoff ist gestiegen. Entsprechend ziehen die Kraftstoffpreise an.
Warum müssen die denn jetzt auch alle die Mineralölpreise hochtreiben und unsere Luft verpesten! Sie könnten doch ebenso gut mit dem Fahrrad mal raus ins Grüne! Das wäre in jeder Hinsicht besser und viel gesünder! sagen die einen und schütteln genervt ihre Köpfe.
Wir haben lange und hart gearbeitet. Jetzt wollen wir endlich auch mal am Stück richtig raus und etwas erleben. Das lassen wir uns von irgendwelchen Ökofreaks nicht kaputtmachen. Wo leben wir denn, wenn bestimmte Leute anderen vorschreiben wollen, was sie gut finden sollen und was nicht! denken die anderen gereizt.

Meinung prallt auf Meinung, Lebenseinstellung auf Lebenseinstellung, Kultur auf Kultur. Das ist offensichtlich ein Grundzug des menschlichen Zusammenlebens. Früher waren solche Konflikte oft nicht so allgegenwärtig, weil es in jeder größeren oder kleineren Region eine vorherrschende Meinung und entsprechende Lebenseinstellungen gab. Abweichler wurden auf Linie gebracht, abgeschoben oder auf andere Weise zum Schweigen gezwungen. Im Inneren herrschte Ordnung, aber zwischen den Kulturen und Herrschaftsbereichen kam es oft zu Spannungen, die in der Geschichte immer wieder zu Gewalt und Krieg geführt haben.
In vielen Teilen der Welt ist das noch heute so. Doch auch im bei uns im Inneren werden täglich auf die eine oder andere Weise Kämpfe ausgetragen, die auf die Überwindung des Anderen zielen, der den eigenen Auffassungen und Interessen im Wege steht oder auch nur als fremd und bedrohlich erlebt wird.

Wo soll das hinführen und wie soll das enden? Auf diese Frage gibt es nur eine vernünftige Antwort: Die Gewalt als Mittel der Konfliktlösung muss enden. Unterschiedliche Lebenseinstellungen, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte dürfen aber auch nicht unter den Teppich gekehrt werden, wo sie sich mit der Zeit zu einer giftigen Mischung verdichten.

Das Pfingstfest, das für viele nur noch ein verlängertes Wochenende im Frühling zu sein scheint, steht für eine Lösungsmöglichkeit bei der Frage nach den Umgang mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.

Ein neuer Geist, der Geist Gottes, der nicht irgendwelche Einzelinteressen vertritt, sondern als Schöpfergeist alle Geschöpfe mit ihren Besonderheiten beseelt, dieser schöpferische Geist des (Zusammen-)Lebens und des Friedens muss an die Stelle des alten Ungeistes treten, der die Welt in Freund und Feind einteilt und als geistige Wurzel für Hass und Gewalt wirkt.

Ist das nur ein frommer, überschwänglicher Wunsch?
Diese skeptische Frage ist berechtigt. Halten wir uns deshalb an die Fakten.
Zunächst ein Blick auf die Pfingstgeschichte im Neuen Testament: Lukas erzählt im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte, dass mit dem Kommen des Pfingstgeistes plötzlich Menschen aus den unterschiedlichen Ländern und Sprachen gemeinsam verstehen, was ihnen zu Pfingsten gesagt wird: Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber:wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden. (Apostelgeschichte 2:8-11).
Wer das für eine idealisierte Darstellung eines Einzelereignisses mit Ausnahmecharakter hält, findet ein etwas nüchterneres, aber dafür sehr nachhaltiges Gegenstück in der Beschreibung des Lebens der ersten Gemeinden im östlichen Mittelmeerraum, bei deren Gründung Paulus als Apostel starken Anteil hatte. Er schreibt über die neue Lebensform: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Galaterbrief 3:28) Damit bekundet er, was uns bis heute oft nur schwer vorstellbar erscheint: Es ist möglich, dass Menschen zusammenleben, ohne dass die Unterschiede des Geschlechts, des sozialen Status oder der nationalen bzw. kulturellen Herkunft eine Barriere zwischen ihnen bilden oder gar zu Feindseligkeiten zwischen ihnen führen. Es ist möglich, wenn sie aus dem schöpferischen Geist leben, den wir den heiligen Geist nennen.

Doch wie ist es heute, wo sich die verschiedenen Religionen geradezu auf Tuchfühlung gegenüberstehen und der christliche Glaube in Europa seinen starken früheren Einfluss zu verlieren scheint? Ist dieser Pfingstgeist bei uns nicht ebenso stark in Vergessenheit geraten wie die Hintergründe des Pfingstfestes?
Nein. Wenn man nicht von einem verengten, auf alte Vorstellungen fixierten Bild ausgeht – der Geist Gottes lässt sich nicht fixieren – besteht viel Grund zur Hoffnung: Die Völker und Menschen in Europa haben seit dem zweiten Weltkrieg miteinander ganz neue Wege der Versöhnung und Verständigung beschritten. Die christliche Tradition und der sich in ihr immer wieder erneuernde Geist haben dabei ganz maßgeblich mitgewirkt. Auch wenn jetzt viel von Krisen, Spannungen und sogar von Verdruss gegen Europa geredet wird, kann nicht übersehen werden, dass diese Probleme heute in einem Geist ausgetragen werden, der vor hundert Jahren, kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges, unvorstellbar gewesen wäre. Eine neue Art zu denken und miteinander leben zu lernen hat begonnen. Diese geistige Umwälzung ist für uns schon so selbstverständlich geworden, dass wir sie in ihrer Größe und Bedeutung oft gar nicht mehr wahrnehmen. Sie zu bewahren und in neuen Konflikten zu bewähren und auszudehnen, ist die Aufgabe, die uns miteinander gestellt wird. Da ist nicht Christ oder Atheist, Moslem oder Hindu, denn sie leben allesamt auf einer Erde, die sie nur miteinander durch Frieden, Gerechtigkeit und vernünftiges Wirtschaften bewahren können. Es ist wichtig daran zu glauben und aus der Kraft der jeweils eigenen Tradition heraus dafür einzutreten, miteinander und nicht gegeneinander. Und es ist wichtig, darauf zu achten, dass es unter uns zu keiner Geistvergiftung kommt. Das globale Pfingsten, auf das der Wochenspruch aus Sacharja 4,6 heute zu verweisen scheint, hat gerade erst begonnen.

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