Haipic 91

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(Was ist denn ein Haipic?)

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4. Sonntag nach Trinitatis – Wo der Himmel ist

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Gal 6,2

Dieser Wochenspruch klingt gut und schwer zugleich.
Viele christliche Paare haben mit diesem Trauspruch ihre Ehe begonnen. So soll es sein. Wir wollen füreinander da sein, uns gegenseitig lieben und ehren in guten wie in bösen Tagen. Wir wollen uns gegenseitig beistehen und einander stützen und tragen, wo es nötig ist. Das macht unser beider Leben reich und schön. Es ist doch so: Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Freude ist doppelte Freude.
Das ist die Ökonomie der Liebe. Wo Menschen anfangen, miteinander nach diesem Grundsatz zu wirtschaften, verändert sich ihr Leben grundlegend. Paulus spricht davon, dass auf diese Weise das Gesetz Christi erfüllt wird. Wir könnten auch sagen: Wo Menschen so miteinander umgehen, da geschieht Gottes Wille wie im Himmel so auf Erden.

Eine Ehe oder Partnerschaft kann sowohl mit dem Himmel wie auch mit der Hölle verglichen werden. Himmel und Hölle sind keine äußeren Orte. Es sind Erfahrungen im menschlichen Zusammenleben.
Der französische Existentialist Jean Paul Sartre hat das in seinem 1944 uraufgeführten Stück Huis clos (dt. Geschlossene Gesellschaft) für die Hölle durchgespielt und dabei den Satz geprägt: Die Hölle, das sind die anderen. Und was ist mit dem Himmel?

Dazu eine bekannte Geschichte, die in unterschiedlicher Weise und sogar über Religionsgrenzen hinweg erzählt wird:
Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elias als Führer mit. Elias führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften alle aus einem Topf. Aber die Leute sehen blaß, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, daß sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten.
Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle. Darauf führte Elias den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie er erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen. Leute saßen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzen die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel.

Wenn wir diese Zusammenhänge bedenken und im Großen wie im Kleinen unseres Lebens wiederentdecken, dann erscheint uns das Gesetz Christi nicht länger nur als moralische Forderung. Es ist viel mehr. Es ist eine Art Lebensgesetz, an dem sich das Gelingen oder Misslingen unseres Lebens entscheidet. Wahre Freude, Glück und Liebe können wir nicht gegeneinander, sondern nur miteinander finden und verwirklichen.

Doch warum fällt es uns dann oft so schwer, dieses Gesetz Christi zu befolgen?
Die Antwort kann nur lauten: Weil wir zu stark mit uns selbst beschäftigt sind.
Ängste, Sorgen und eine immerwährende Unruhe treiben und belasten uns, so dass wir den ebenso beschwerten Anderen oft nur als eine zusätzliche Belastung und nicht als Chance für die Begegnung mit der Freude, dem Glück und der Liebe empfinden. Hier hilft nur, was die Bibel eine Umkehr nennt, eine Änderung unserer Einstellung uns selbst und dem Leben gegenüber. Dabei ist nicht zu verkennen: Je ziel-strebiger wir nur unserer eigenen Spur folgen, desto schwieriger wird es umzuschalten. In unserem Zeitalter, das von Multitasking und Beschleunigung geprägt wird, scheint das besonders schwer zu sein.

Es ist deshalb die große Herausforderung und Chance der Religion, des Glaubens, der Spiritualität, unserer Zeit neu ins Bewusstsein zu rufen, wer wir sind und wo wir finden können, was wir im tiefsten Herzen suchen.
Der Kirchenvater Augustinus (354-430) hat dazu in seinen Confessiones (dt. Bekenntnissen) geschrieben: Herr, geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.
In diese Richtung hin können wir weiter denken und weiter leben:
Der Himmel ist dort, wo unser Zusammenleben gelingt.
Unser Zusammenleben gelingt dort, wo wir frei werden können von dem, was unser Herz versklavt.
Frei werden können wir dann, wenn unser Herz von schöpferischer Liebe erfüllt wird.

3. Sonntag nach Trinitatis – Mensch, Jesus

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Lukas 19, 10

Natürlich möchten wir unser Kind auf eine gute Schule schicken. Es soll gut auf sein späteres Leben vorbereitet werden. Dazu gehören gute Lehrer, eine gute Atmosphäre und ein guter Umgang.
Guter Umgang ist besonders wichtig. Die Menschen, mit denen es tagtäglich umgeht, üben einen starken Einfluss auf unser Kind aus. Da wünschen wir uns einen interessanten und interessierten, offenen und aktiven, engagierten und mitfühlenden, starken und bewussten, klugen und besonnenen Umgang.
Der bringt unser Kind weiter, nicht aber solche Typen, die den ganzen Tag nur träge rumhängen, sich jeden Schund reinziehen, noch kein einziges Buch gelesen haben, manchmal im Supermarkt etwas mitgehen lassen, starke Sprüche klopfen und den Mund nicht aufkriegen, wenn man sich ernsthaft mit ihnen unterhalten will.
Guter Umgang ist auch im späteren Leben wichtig. Er ist eine Ehre und eine Zierde, haben unsere Eltern dazu gesagt. Schlechter Umgang schadet, färbt ab, zieht runter, lässt einen selbst anrüchig erscheinen. Wer etwas auf sich hält, meidet schlechten Umgang und legt Wert auf Distinktion.

Ob Maria und Josef es vergessen haben, ihrem Sohnemann das beizubringen? Vielleicht haben sie es ja versucht, doch er schert sich nicht darum. Und nicht nur das: Er stößt den guten Umgang geradezu vor den Kopf. Die Pharisäer, die es wirklich ernst meinen und ganz bewusst leben, und die Gebildeten, die Schriftgelehrten, die viel Wissen und Einfluss erworben haben und deshalb auch allgemeine Achtung genießen – sollte der junge Jesus nicht froh und dankbar sein, wenn er als Handwerkersohn in den besseren Kreisen Aufnahme und Gehör findet? Vielleicht würden sich da auch für ihn manche Aufstiegschancen ergeben…

Aber nein, unser Jesus treibt sich mit diesem Gesindel rum: Sünder, denen es wurscht zu sein scheint, was gut und böse ist, Huren, die sich für Geld hingeben und wahrscheinlich keinen Funken Ehre mehr im Leib haben, Zöllner, die andere schamlos über den Tisch ziehen, Fresser, Weinsäufer, Strolche jeder Art. Wer solchen Umgang hat, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er schief angesehen wird. Und wo das hinführen kann, hat man ja gesehen bei Jesus.

Aber er will offensichtlich nicht vernünftig sein. Als ihn die Leute, die für ihn ein guter Umgang hätten sein können, deswegen zur Rede stellen, da sagt er doch glatt: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Und dann erzählt er auch noch solche Stories wie die von den zwei Söhnen, von denen der eine erst alles, was er von seinem Vater bekommen hat, in kurzer Zeit verjuxt und am Ende, als er wie ein herumstreunender Hund wieder angekrochen kommt, noch groß gefeiert wird. Ist es nicht ziemlich verantwortungslos und jugendgefährdend, derartige Geschichten in die Weltliteratur zu setzen?
Oder handelt er etwa nach der Devise Gottessöhne dürfen das?

Wenn er bei uns heute leben würde, hätte Jesus es ganz und gar nicht leicht.
Und auch die, die ihn besonders verehren, würden mit ziemlicher Sicherheit öfter den Kopf schütteln, wenn sie ihn so erleben könnten.
Aber vielleicht hat er uns ja gerade deshalb etwas zu sagen, wer weiß?

2. Sonntag nach Trinitatis – Im Notfall

Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Matthäus 11, 28

Der Wochenspruch klingt wie eine verlockende Einladung. Nach Mühen und Anstrengungen wird uns am 2. Sonntag nachTrinitatis eine Erquickung angeboten. Dazu ließe sich das beliebte Sommerlied Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit singen.

Doch in diesem Sommer 2013 ist die Zeit auch bei uns ganz und gar nicht lieb. Die Bächlein rauschen nicht idyllisch im Sand, wie es in der fünften Strophe besungen wird. Sie drücken gegen ihre Dämme, treten über die Ufer, überschwemmen Dörfer und Städte und verwüsten, was Menschen über Jahre und Jahrzehnte mit viel Mühe und Hingabe für sich und ihre Kinder aufgebaut haben. Von einem Tag auf den anderen haben viele ihr ganzes Hab und Gut verloren, andere bangen noch darum.
Wenn das Wasser kommt, sind die Menschen vor eine Fülle von ganz kurzfristigen, aber weitreichenden Entscheidungen gestellt. Was ist zu befürchten? Lässt sich das Schlimmste noch verhindern? Was ist jetzt das Richtige? Was sollen sie nötigenfalls mitnehmen und was zurücklassen? Diese äußerst angespannte Situation kann Stunden oder auch Tage dauern.
Wenn das Wasser abzieht, wird das ganze Ausmaß der Schäden sichtbar. Wir sehen fassungslose Menschen, die wir auch selbst sein könnten. Manche stehen nach ihren eigenen Worten wieder bei null und wissen oft nicht, wie es für sie weitergehen wird. Trotz äußerster Anstrengungen während der letzten Tage finden viele von ihnen keinen Schlaf. Was geschehen ist, kann doch nicht wahr sein. Und doch ist es so.
Notfallseellsorger sind im Einsatz und gehen auf diese Menschen zu. Können sie mit ihren Worten angesichts dieser Katastrophe überhaupt etwas ausrichten? Oft hören sie nur den Klagenden zu, die noch nicht begreifen können, was sie erlebt haben. Es ist sehr wichtig, dass ihnen jemand zuhört. Sie müssen sich aussprechen und ihre Erlebnisse, Gefühle und Gedanken mit jemandem teilen können, der jetzt für sie da ist und mitfühlend zuhört, ohne sie abzuwehren oder ihre zu Not zu beschwichtigen. So können sie anfangen, erste Worte für das noch Unbegreifliche zu finden, und das Mitgefühl zu spüren, das ihnen entgegengebracht wird.

Wenn das Wasser wieder fort ist, kann es sein, dass die Seele noch mitten in der Flut steckt und ohne Orientierung hoffnungslos dahintreibt. Deshalb sind die Notfallseelsorger und andere Menschen, die einfühlsam und geduldig auf die innere Not der Betroffenen eingehen können, wichtige Helfer, die ihnen vom Ufer oder einem Boot aus die Hand entgegenstrecken.

In diesen Tagen sind es bei uns wohl vor allem solche Helfer, die das Wort Jesu einlösen: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Im griechischen Urtext des Neuen Testaments steht für erquicken ein Wort, dass wörtlich mit ausruhen machen oder Ruhe gewähren zu übersetzen ist.