1. Sonntag nach Trinitatis – Eine kritische Situation

Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. Lukas 10, 16

Dieser Wochenspruch ist mit Vorsicht zu genießen! Das bedeutet vor allem, dass er in seinem Zusammenhang verstanden werden muss, damit er nicht in sein Gegenteil verkehrt wird.

Das zehnte Kapitel des Lukasevangeliums beginnt damit, dass Jesus 72 Jünger aussendet. Sie sollen in den Orten, wohin er gehen wollte, den Frieden Gottes bringen, Kranke heilen und ihnen sagen, dass Gottes Reich nahe zu ihnen gekommen ist.
Das sprengt den Rahmen aller täglichen Gewohnheiten. Deshalb kann es nicht verwundern, dass diese Jünger nicht überall herzlich willkommen waren. Jesus sieht das ganz nüchtern und sagt gleich zu Beginn unmissverständlich: Siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. (10,3)
Im Fortgang der Erzählung wird dann auch ausführlich auf die Ablehnung eingegangen, die diese Jünger erfahren haben.

Das ist eine Erfahrung, die viele Christen und andere Menschen guten Willens bis heute machen: Sie kommen in bester Absicht, wollen helfen und heilen, wollen trösten und Gottes Frieden bringen, aber man schlägt ihnen die Tür vor der Nase zu.
Wie kann man das verkraften, ohne zu resignieren oder bitter zu werden?
Hier steht der Glaube auf dem Prüfstand. In schönen Gottesdiensten oder auf großartigen Kirchentagen wie jüngst in Hamburg ist es leicht und ermutigend, mit anderen gemeinsam den Glauben teilen zu können. Aber wenn man allein dasteht und auf Ablehnung und Spott trifft??
Auch das ist eine Chance zum Reifen des Glaubens. Gerade in schweren Situationen, kann der Glaube eine ganz besondere innere Kraft entfalten. Aber dahin muss man erst einmal kommen!
Jesus weiß das. Er will die schwere Last von den Schultern seiner Jünger nehmen. Deshalb sagt er: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. Damit stellt er sich hinter seine Leute und lässt sie nicht allein. Das kann für die Christusboten eine große Entlastung und Stärkung sein.

Aber diese heikle Situation kann auch umkippen, und dann verkehrt sich alles in sein unheilvolles Gegenteil. Auch das klingt in diesem biblischen Zusammenhang mit an. Aus der Enttäuschung kann sehr schnell Bitterkeit werden, die sich in Selbstgerechtigkeit und Feindschaft gegenüber denen steigert, die von den Jesusleuten nichts wissen wollen. Dann ist Sodom und Gomorra.

Wo das in der Luft liegt, wo Christen mit ihrem Missionswillen diesen Eindruck erwecken, ist Vorsicht geboten. Religion macht Angst, wenn ihre ursprüngliche Botschaft von der Liebe Gottes und der Befreiung von den unheilvollen Abhängigkeiten aller Art, in eifernde und geifernde Bekehrungsvorstöße verkehrt wird und alle verteufelt werden, die andere Ansichten vom Leben haben.
Dass diese Gefahr auch in der Bibel selbst anklingt, kann für uns eine Bereicherung sein, die uns bewusst macht, wie wichtig es ist, die Bibel kritisch zu lesen. Glaube und Kritik schließen sich nicht aus, im Gegenteil: ein gereifter Glaube hinterfragt auch die biblischen Buchstaben, um das wahre Evangelium vom Frieden und Heil, von der Zuwendung und Liebe Gottes zu allen Menschen aufzuspüren.
Jesus selbst hat dazu mit seinen Worten von der Feindesliebe unverrückbare Maßstäbe gesetzt: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. (Lukas 6,27-28)

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