4. Sonntag nach Trinitatis – Wo der Himmel ist

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Gal 6,2

Dieser Wochenspruch klingt gut und schwer zugleich.
Viele christliche Paare haben mit diesem Trauspruch ihre Ehe begonnen. So soll es sein. Wir wollen füreinander da sein, uns gegenseitig lieben und ehren in guten wie in bösen Tagen. Wir wollen uns gegenseitig beistehen und einander stützen und tragen, wo es nötig ist. Das macht unser beider Leben reich und schön. Es ist doch so: Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Freude ist doppelte Freude.
Das ist die Ökonomie der Liebe. Wo Menschen anfangen, miteinander nach diesem Grundsatz zu wirtschaften, verändert sich ihr Leben grundlegend. Paulus spricht davon, dass auf diese Weise das Gesetz Christi erfüllt wird. Wir könnten auch sagen: Wo Menschen so miteinander umgehen, da geschieht Gottes Wille wie im Himmel so auf Erden.

Eine Ehe oder Partnerschaft kann sowohl mit dem Himmel wie auch mit der Hölle verglichen werden. Himmel und Hölle sind keine äußeren Orte. Es sind Erfahrungen im menschlichen Zusammenleben.
Der französische Existentialist Jean Paul Sartre hat das in seinem 1944 uraufgeführten Stück Huis clos (dt. Geschlossene Gesellschaft) für die Hölle durchgespielt und dabei den Satz geprägt: Die Hölle, das sind die anderen. Und was ist mit dem Himmel?

Dazu eine bekannte Geschichte, die in unterschiedlicher Weise und sogar über Religionsgrenzen hinweg erzählt wird:
Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elias als Führer mit. Elias führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften alle aus einem Topf. Aber die Leute sehen blaß, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, daß sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten.
Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle. Darauf führte Elias den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie er erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen. Leute saßen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzen die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel.

Wenn wir diese Zusammenhänge bedenken und im Großen wie im Kleinen unseres Lebens wiederentdecken, dann erscheint uns das Gesetz Christi nicht länger nur als moralische Forderung. Es ist viel mehr. Es ist eine Art Lebensgesetz, an dem sich das Gelingen oder Misslingen unseres Lebens entscheidet. Wahre Freude, Glück und Liebe können wir nicht gegeneinander, sondern nur miteinander finden und verwirklichen.

Doch warum fällt es uns dann oft so schwer, dieses Gesetz Christi zu befolgen?
Die Antwort kann nur lauten: Weil wir zu stark mit uns selbst beschäftigt sind.
Ängste, Sorgen und eine immerwährende Unruhe treiben und belasten uns, so dass wir den ebenso beschwerten Anderen oft nur als eine zusätzliche Belastung und nicht als Chance für die Begegnung mit der Freude, dem Glück und der Liebe empfinden. Hier hilft nur, was die Bibel eine Umkehr nennt, eine Änderung unserer Einstellung uns selbst und dem Leben gegenüber. Dabei ist nicht zu verkennen: Je ziel-strebiger wir nur unserer eigenen Spur folgen, desto schwieriger wird es umzuschalten. In unserem Zeitalter, das von Multitasking und Beschleunigung geprägt wird, scheint das besonders schwer zu sein.

Es ist deshalb die große Herausforderung und Chance der Religion, des Glaubens, der Spiritualität, unserer Zeit neu ins Bewusstsein zu rufen, wer wir sind und wo wir finden können, was wir im tiefsten Herzen suchen.
Der Kirchenvater Augustinus (354-430) hat dazu in seinen Confessiones (dt. Bekenntnissen) geschrieben: Herr, geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.
In diese Richtung hin können wir weiter denken und weiter leben:
Der Himmel ist dort, wo unser Zusammenleben gelingt.
Unser Zusammenleben gelingt dort, wo wir frei werden können von dem, was unser Herz versklavt.
Frei werden können wir dann, wenn unser Herz von schöpferischer Liebe erfüllt wird.

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