5. Sonntag nach Trinitatis – Hat das Zukunft?

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. Epheser 2, 8

Dieser Wochenspruch ist eine knappe und präzise Umschreibung des christlichen Weges zur Rettung und zum Heil der Menschen. Vor allem Martin Luther hat im frühen 16. Jahrhundert energisch und folgenreich darauf hingewiesen, dass die Seligkeit nicht mit guten Werken und Geld verdient oder erkauft werden kann. Das hat zu einer Reformation in Kirche und Gesellschaft geführt, zu einem Paradigmenwechsel, bei dem die bis dahin herrschenden Grundannahmen und Handlungsprinzipien überwunden wurden.

In den darauffolgenden fünfhundert Jahren hat sich viel verändert. Die christliche Religion ist nicht mehr die nahezu alle Lebensbereiche durchdringende und bestimmende ideelle Grundlage unserer Gesellschaft, sondern der mehr oder weniger feste Orientierungs- und Lebensrahmen einer starken Minderheit in einer säkularen und pluralistischen Welt. Als solcher vermag sich der Glaube jedoch auf Grund seiner universalen Weite und existentiellen Tiefe auch heute als anspruchsvolle und geschätzte Stimme in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen und dabei aus seiner langen Tradition heraus wichtige Impulse zu geben.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die christlichen Dialogpartner auf die Fragen und die Denkweise unserer Zeit einlassen und ihre Einsichten nicht als hermetisch abgeschlossene Sonderwahrheit, sondern anschlussfähig zur Sprache bringen. Sie tun damit nichts anderes als Paulus, der über die Grenzen von Kultur und Religion hinweg allen alles geworden ist (1.Korinther 9,22).

Nach diesem Exkurs zurück zu unserem Wochenspruch!
Was die Sprache anbetrifft, so muss an dieser Stelle das Wort, auf das hier alles zuläuft, etwas näher betrachtet werden: Luther übersetzt es mit selig. Damit ist ein Zustand angesprochen, der über das Glück dieser Erde hinausreicht, und die endgültige Befreiung von Not und Leid durch die ewige Nähe und Zuwendung Gottes zum Ausdruck bringen soll. Doch gerade seine religiöse Aufladung und Komplexität lässt dieses Wort im sprachlichen Kontext unserer Zeit fremdartig erscheinen. Es „greift nicht“ in den Verstehenszusammenhängen einer säkularen Gesellschaft.
Deshalb lohnt sich die Nachfrage, was im griechischen „Urtext“ des Epheserbriefes geschrieben steht. Das dort verwendete Wort σεσωσμενοι bedeutet wörtlich Gerettete. In der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ), die vor allem auf inhaltliche Genauigkeit ausgerichtet ist und diese in einer natürlichen, zeitgemäßen Sprache zum Ausdruck bringen will, lautet Eph 2,8: Durch Gottes Gnade seid ihr gerettet, und zwar aufgrund des Glaubens. Ihr verdankt eure Rettung also nicht euch selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk.

Dieses Wort war vor nahezu zweitausend Jahren neu und für viele befreiend. Es hat vor fünfhundert Jahren erneut diese Aktualtät, Bedeutung und Kraft gewonnen, die zuvor verblast und vergessen schien. Kann es sein, dass dieses Wort auch in unserer Zeit, in der sich immer wieder die Frage stellt, ob und wie wir noch zu retten sind, zu einer aktuellen und richtungsweisenden Antwort wird?

Je nachdem wie inhaltlich eng fixiert oder wie weit auf strukturelle Analogien hin geöffnet hier gefragt und gedacht wird, wird die Antwort unterschiedlich ausfallen.
Das Christentum hat sich diesbezüglich in seiner Geschichte als erstaunlich offen und flexibel erwiesen. Nur so konnte es überhaupt möglich werden, dass die vergleichsweise engen Grenzen der jüdischen Religion und Kultur überschritten und der damals junge Glaube in die Weite der hellenistisch geprägten und römisch administrierten spätantiken Welt hinauswachsen konnte. Das ging nicht ohne innerchristliche Auseinandersetzungen mit denen, die dabei einen inhaltlichen Substanzverlust befürchteten. Ähnliche Kontroversen finden wir auch heute unter Christen wieder, wenn die Frage gestellt wird, wie der christliche Glaube in der säkularen Welt so zur Sprache gebracht werden kann, dass seine ursprüngliche, befreiende Wirkung hier und heute neu ankommt.

Wieder zurück zum Text! Der Begriff der Rettung lässt sich auf verschiedene Lebenszusammenhänge hin und in unterschiedlichen Interpretationsweisen verstehen. Schauen wir uns die beiden historisch bedeutsam gewordenen Zusammenhänge und Interpretationen etwas näher an, um dann nach Ähnlichkeiten und Unterschieden in unserer Zeit zu fragen:

Der Epheserbrief ist selbst schon ein Beispiel für die Neuinterpretation der ursprünglich innerjüdischen Frage, ob Menschen von sich aus in der Lage sind, Gottes Gesetz zu erfüllen oder ob sie auf diesem Weg zum Heil scheitern müssen und sich gerade durch ihr Bestreben mehr und mehr von ihrem Ziel entfernen.
War im jüdischen Kontext die Tora, das Gesetz des Mose, der kodifizierte Maßstab, nach dem gemessen und geurteilt wurde, so klingt das in Eph 2,1-3 ganz anders: Ihr wart nämlich tot – tot aufgrund der Verfehlungen und Sünden, die euer früheres Leben bestimmten. Ihr hattet euch nach den Maßstäben dieser Welt gerichtet und wart dem gefolgt, der über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde herrscht, jenem Geist, der bis heute in denen am Werk ist, die nicht bereit sind, Gott zu gehorchen. Wir alle haben früher so gelebt; wir ließen uns von den Begierden unserer eigenen Natur leiten und taten, wozu unsere selbstsüchtigen Gedanken uns drängten. So, wie wir unserem Wesen nach waren, hatten wir – genau wie alle anderen – nichts verdient als Gottes Zorn. (NGÜ).
Hier wird auf fast schon modern klingende Weise von dem (Un-)Geist gesprochen, in dem Menschen – ohne religiöse und kulturelle Unterschiede – sich selbst verfallen und auf dem Weg in ihr Verderben sind. Die Rettung liegt in der Befreiung von dieser Denk- und Lebensweise, die nicht auf dem bisherigen Weg durch das von dem Ungeist beherrschte Ich, sondern nur durch das Aufgehen und die Annahme einer neuen, existenztragenden Lebensgewissheit geschehen kann. Diese neue Möglichkeit schien durch die Teilhabe am Leben Christi, der mit seiner Auferstehung die Macht des Todes gebrochen hatte, Wirklichkeit werden zu können.

Für Martin Luther wurde dieser Vers in seiner Auseinandersetzung mit dem Ablasshandel der Kirche auf’s neue lebendig. Bei seiner Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? ging ihm auf, dass kein menschliches Werk oder Verdienst uns so gerecht und gut machen kann, dass wir damit vor Gottes Gericht bestehen können. Da musste auch der Handel mit dem der Kirche anvertrauten Schatz der guten Werke der Heiligen als absurder Versuch erscheinen, sich mit Geld von der eigenen Verantwortung und Schuld freikaufen zu können. Sola fide, allein der Glaube an die mit dem Christusgeschehen geschenkte Gnade und Liebe Gottes befreit uns nach Luther von der Angst und Verzweiflung vor der drohenden Verdammnis.

Für das säkulare Bewusstsein ist Gott zu einer ideologisch-religiösen Altlast geworden, die heute praktisch keine Rolle mehr spielt. Es geht doch sehr wohl ohne ihn, und wenn man bedenkt, was Menschen in seinem Namen bis heute anrichten, kann man leicht behaupten, es geht ohne ihn viel besser.
Dieser Einwand ist kaum zu entkräften. Nur ist er an die Voraussetzung gebunden, dass die Wirklichkeit Gottes mit dieser Vorstellung von Gott identisch ist.

Doch was geschieht mit der Verabschiedung Gottes aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein?
Er hinterlässt einige Lücken:
Da ist (1) die Sinn-Lücke: Gibt es keinen von Gott vorgegebenen Sinn, so müssen wir unserem Leben selber einen Sinn geben. Jeder ist dabei seines eigenen Glückes Schmied. Und so schmieden wir denn, dass die Funken fliegen.
Da ist (2) die Legitimationslücke: Wenn es keine letzte und end-gültige Instanz gibt, werden neue Fundamente gebraucht. Geht es nach universalen (Menschen-) Rechten? Wer definiert die, und wer regelt die Ausführungsbestimmungen? Hat die Vernunft unter den Menschen und Völkern eine Chance, oder ist am Ende alles nur eine Frage der Macht?
Da ist (3) die Gerechtigkeitslücke: Wenn Gerechtigkeit nur als „ein schöner Traum“ erscheint, weil sie nicht mit der Natur des Menschentieres zu verbinden ist, wie soll es dann jemals Frieden in Freiheit geben können?
Da ist (4) die Zeitlücke: Wenn die Ewigkeit komplett ausfällt und die Zukunft als Raum gegenwärtiger Hoffnung nicht mehr in guten Händen geglaubt werden kann, muss alles Verlangen nach Glück hier und jetzt befriedigt werden, weil aufgeschoben möglicherweise doch aufgehoben heißt.
Da ist (5) die Liebeslücke: Wenn bedingungslose Liebe nicht mehr denkbar erscheint, weil doch alles an Bedingungen geknüpft ist und weil alles seinen Preis hat und nichts mehr heilig ist, sind wir dann nicht endgültig Opfer unserer eigenen Verhältnisse geworden?

So stehen wir denn auch im 21. Jahrhundert vor der Frage: Sind wir noch zu retten?
Und wenn nicht alles täuscht, folgen die entscheidenden Prozesse des gesellschaftlichen Lebens in unserer hochkomplexen globalisierten Welt weitgehend noch immer den alten Prinzipien polaren Denkens, das zuerst und vor allem zwischen uns und den anderen unterscheidet und sich deshalb mit immer neuen Ängsten in einer Weise umzugehen genötigt sieht, dass daraus wieder neue Ängste erzeugt werden.
Solange wir eingepfercht im Hamsterrad dieser Ängste und Kämpfe leben, werden wir keine Rettung finden, sondern gezwungen sein, dieses Rad immer schneller zu drehen.
Rettung muss aus einer anderen Richtung kommen.

Wie das im einzelnen geschehen kann, ist sicher nicht einfach und nicht ohne Wirrnisse, Widersprüche und Rückschläge aufweisbar. Es erscheint eher wie ein Wunder, das uns über uns selbst hinauswachsen lässt. Nur ein neues Bewusstsein kann uns dazu bringen. Vielleicht ein Bewusstsein, in dem wir miteinander in einem tieferen, bislang noch kaum begriffenen Sinne und mit neuem Ernst „Vater unser im Himmel“ zu sprechen lernen.
Das mag utopisch klingen, aber gibt es eine andere Möglichkeit? Und nicht zu vergessen: Es hat früher schon einige Male funktioniert. Das kann uns Mut und Hoffnung machen.

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