7. Sonntag nach Trinitatis – Multikulti

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheserbrief 2, 19

Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die von verschiedenen Kulturen und Religionen geprägt sind und sich deshalb auch in ihrem Lebensstil und ihren Wertvorstellungen unterscheiden, ist ein Problem. Unverständnis, Irritationen, Ängste und Auseinandersetzungen sind dabei an der Tagesordnung. Wenn diese eine bestimmte Schwelle erreichen, wächst das Bedürfnis nach Abgrenzung und Durchsetzung der angestammten Leitkultur. Die Fremdlinge sollen sich anpassen und sich verhalten, wie es sich für Gäste gehört.

Dieses Problem hatten bereits die Christen im ersten Jahrhundert:
Jesus, seine Jünger, die Apostel und ersten Christen waren Juden. Für sie galt das Gesetz des Mose, das mit seinen vielen Geboten und Regeln das alltägliche Leben bis ins Detail bestimmte. Allein schon die Reinheitsgebote und Speisevorschriften machten ein Zusammenleben mit Heiden (Nichtjuden) praktisch unmöglich. Doch dann fanden auch Nichtjuden zum christlichen Glauben und ließen sich taufen. Konnten sie zusammen mit den jüdischen Christen eine Gemeinde und Kirche bilden??
Über diese Frage kam es unter den Aposteln zum Streit, bei dem sich Paulus, der das Evangelium zu den Heiden trug, schließlich durchsetzen konnte. Er hatte am tiefsten begriffen und begründet, dass der Glaube an und das neue Leben durch und mit Christus auch ganz neue, befreiende Konsequenzen für das Zusammenleben der Menschen eröffnete, die sich selbst und die anderen nun in erster Linie nicht mehr als Juden oder Nichtjuden, sondern als Christen verstehen und annehmen konnten.
In Eph 2,13 heißt es dazu: Christus ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft.

Daran wird sichtbar, dass der christliche Glaube, wenn er nicht zu einer bloßen Ideologie erstarrt, auch soziale und politische Konsequenzen hat. Die Kennzeichen dieser Konsequenzen werden in der Überwindung ehemals unüberwindbar erscheinender Gräben und in einer neuen Begegnung, die zu Versöhnung und Frieden führt, sichtbar.
Das kann nur funktionieren, wenn es starke Beweg-Gründe dafür gibt, die noch stärker sind, als das Trennende zuvor.

In unserer Zeit, in der sich nicht mehr die alten Machtblöcke, sondern verschiedene Kulturen und Religionen gegenüberstehen, werden religiöse Bindungen oft mit Intoleranz und Feindseligkeit gegenüber Fremden und Andersgläubigen gleichgesetzt. Leider geben Fanatiker auf allen Seiten immer wieder Anlass zu dieser Sicht. Damit wird das Wesen des Glaubens in sein Gegenteil verkehrt und Gott zu einem Götzen gemacht, der die eigenen Interessen und Ängste bedienen soll.
Die erste und schärfste Kritik an dieser Haltung übt der Glaube selbst:
In Eph 4,31-32 werden den Christen Weisungen für das neue Leben gegeben: Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Und ganz deutlich wird der 1. Johannesbrief: Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. (1.Joh 4,20).

Auf der anderen Seite sollte nicht vergessen werden, dass vor allem Christen nach dem Ende des 2. Weltkrieges zwischen den ehemaligen Erbfeinden Brücken der Versöhnung gebaut haben und auch zum gewaltlosen Ende der DDR einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Darin lebt der Geist fort, der von Jesus ausgeht und bis heute kräftig wirkt.

Wenn bei uns immer wieder behauptet wird, „Multikulti“ sei gescheitert, dann muss in zwei Richtungen gefragt und weitergedacht werden:
Zum einen gibt es natürlich ernst zu nehmende Gründe und leidvolle Erfahrungen für diese Behauptung, die nicht leichtfertig unter den Tisch gekehrt werden dürfen. Mit Sozialromantik ist diesen Erfahrungen nicht zu beizukommen.
Auf der anderen Seite steht die Frage, wie wir diesen Problemen in unserer klein gewordenen Welt begegnen wollen. Und da stellt sich dann auch die Frage nach dem Glauben ganz neu. Ist er noch stark, kraftvoll und ausdauernd genug, um aus beiden eins zu machen und den Zaun abzubrechen, der dazwischen ist, nämlich die Feindschaft.
Weiß Gott, leicht ist das nicht. Aber das hat auch niemand behauptet.

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