8.Sonntag nach Trinitatis – Meine Güte

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Epheser 5, 8–9

Du meine Güte! Schon wieder eine Mahnung. Die Bibel und vor allem die Briefe im Neuen Testament enthalten ziemlich viele Mahnungen, die daran erinnern, was man tun oder lassen soll. Bringt das etwas?

Viele werden sich noch erinnern, wie sie als Kinder die Mahnungen der Erwachsenen über sich ergehen lassen mussten. Da haben die Großen den Kleinen buchstäblich von oben herab klarzumachen versucht, wie sie sich verhalten sollen. Begeistert hat das die Kleinen kaum, denn meistens war es wie ein Dämpfer gegen das, was gerade Spaß gemacht hatte, aber aus irgendeinem tieferen Grund angeblich nicht gut sein sollte. Du wirst das später schon selber noch einsehen, wenn du ein Stück weiter bist!, haben die Großen dann manchmal noch nachgeschoben. Die Kleinen hat das wohl selten erreicht, denn sie waren ja noch nicht so weit.
Heute ist man allgemein etwas zurückhaltender mit Mahnungen. Die Kleinen sollen selbst ihre Erfahrungen machen und herausfinden, was geht und wo es hinführt. Schulmeisterei ist verpönt. Das Leben ist ein Experiment.
Das ist es wohl, aber gleichzeitig ist das Leben immer auch schon der Ernstfall, der nicht zurückgenommen und wiederholt werden kann. Deshalb ist die Frage nach dem guten Leben nach wie vor wichtig.

Solange wir nach dem Lustprinzip leben, ist gut, was uns Spaß macht und bei Lust und Laune hält. Am einfachsten und überzeugendsten scheint das mit viel Geld machbar zu sein. Wer viel Geld hat, kann sich vieles leisten.
Doch so einfach ist es natürlich nicht. Zum einen ist der Spaß an den Spielsachen ein ziemlich flüchtiges Erlebnis, das bald dem Überdruss und dem Hunger nach neuen Spielsachen weichen muss. Und zum anderen gibt es bei einem guten Leben nach dem Lustprinzip jede Menge Fragen und Folgekosten, die auf Dauer mindestens so lästig werden wie die mahnenden und nervenden Erwachsenen aus fernen Kindertagen.

Eine tiefere und nachhaltigere Bestimmung des guten Lebens führt über das Lustprinzip hinaus und achtet darauf, wie der Einzelne in Harmonie und Ko-Evolution mit seiner Umgebung, den Mitmenschen, der Natur und der Kultur, leben kann. Selbst Gutes bewirken zu können, ist auf Dauer befriedigender als Gutes und Güter nur zu verbrauchen.

Der Epheserbrief sieht und zieht hier eine Grenzlinie, die er mit dem diametralen Gegensatz von Finsternis und Licht gleichsetzt. Entscheidend ist für ihn dabei, ob jemand nur aus seinen eigenen trügerischen Begierden lebt (4,22) oder in der Liebe (5,2).
Nachdem er diesen Unterschied und auch seine Folgen klar gemacht hat, kann er dazu aufrufen: Lebt als Kinder des Lichts.
Es ist für jeden Einzelnen, aber auch für unsere gemeinsame Welt ein tragischer Verlust, wenn jemand diese Berufung zur gereiften Menschlichkeit nicht mit Leben erfüllt, sondern seine Güte verfehlt. Diese Gefahr ist groß und die Mahnung ebenso berechtigt wie die Warnung vor Trunkenheit am Steuer.

Was das gute Leben ausmacht, nennt der Epheserbrief die Frucht des Lichts und hebt dann drei einzelne Früchte besonders hervor: Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Das sind natürlich große und allgemeine Begriffe, die in der Praxis konkret gefüllt werden müssen, damit gutes Leben daraus erwächst.

Ein wichtiger Hinweis, wie das gelingen kann, ist schon in der rechten Verhältnisbestimmung von Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit zu finden.
Wir können dabei an das Fingerspiel Papier, Stein und Schere denken: Das Papier wickelt den Stein ein. Der Stein schleift die Schere. Die Schere schneidet das Papier. Alle drei sind auf diese Weise ringförmig miteinander verbunden.
Noch etwas komplexer ist der Zusammenhang von Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit:
Die Güte öffnet das Herz und lässt die Gerechtigkeit barmherzig und die Wahrheit menschlich werden. Die Gerechtigkeit öffnet Mund und Hände und bewahrt die Güte vor Einseitigkeit und die Wahrheit vor bloßem Formalismus. Die Wahrheit öffnet die Augen und hilft der Güte zum Verstehen und der Gerechtigkeit zu tieferen Einsichten in ihre Zusammenhänge, Voraussetzungen und Möglichkeiten.

Dass wir damit nicht ans Ende kommen, versteht sich von selbst.
Andererseits ist es gut zu wissen, dass wir nicht am Ende sind, solange wir uns auf diesem Weg zum guten Leben befinden.
Meine Güte ist das ganz persönliche Projekt gelingenden Lebens.

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