9. Sonntag nach Trinitatis – Die Abrechnung

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. (Lukas 12.48)

Das Strafrecht scheint kein besonders erbauliches Thema zu sein. Doch es dient dazu, das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft zu schützen, indem es schädigende Handlungen als solche definiert und mit Strafen belegt. Auf diese Weise soll ein entsprechendes moralisches Wertbewusstsein erzeugt und eine abschreckende Wirkung bei Zuwiderhandlung erzeugt werden. Beides ist für das Funktionieren der Rechtsordnung wichtig.
Wenn das moralische Bewusstsein ausgehöhlt wird – etwa durch die Zunahme der Auffassung, dass doch alle ein bisschen tricksen und der Ehrliche am Ende der Dumme ist, orientiert sich das Verhalten stärker an dem Grundsatz, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Dann kann es geradezu als Zeichen von Cleverness und sportlichem Wagemut erscheinen, wenn Menschen mit Ausdauer und Rafinesse nach Schlupflöchern suchen, um sich zu Lasten anderer oder der Allgemeinheit einen Vorteil zu verschaffen. Die hässliche Kehrseite ist ein wachsendes Misstrauen unter den Menschen: Jeder denkt doch zuerst an sich. Man kann sich auf niemanden (mehr) verlassen.

Früher sorgte noch ein weiteres Prinzip für Respekt und Ehrfurcht vor dem, was Recht ist: der Gedanke, dass Gott alles sieht und es am Ende des persönlichen Lebens eine Abrechnung geben wird, bei der jeder Mensch seinen oder ihren gerechten Lohn für das empfängt, was er oder sie im Leben getan hat.
Gibt es so etwas wie eine Abrechnung am Ende des Lebens? Der Gedanke ist weit verbreitet, in Teilen der Bibel und auch in anderen Religionen. Er entspricht unserem Bedürfnis nach ausgleichender Gerechtigkeit.
Der säkularen Weltanschauung ist diese Vorstellung fremd geworden. Damit scheint auch der Wochenspruch, der am Ende einer Gleichnisrede Jesu über das (Wieder-) Kommen des Menschensohnes (Lukas 12,40) steht, an Plausibilität und Bedeutung zu verlieren.
Die Angst vor dem kommenden Richter hat die Menschen früherer Zeiten sehr stark umgetrieben. Heute scheint daraus ein religiöses Sonder- und Randthema geworden zu sein, das die Allgemeinheit nicht mehr berührt und beunruhigt.

Es kann heute nicht mehr Aufgabe und Ziel des christlichen Glaubens sein, mit einem Gott, der aus dem Irgendwo alles sieht und vergelten wird, zu drohen. Es kommt aber sehr wohl darauf an, die Bedeutung des dahinterstehenden Themas zu erkennen und auf angemessene Weise zur Sprache zu bringen.
Wir sind für unser Leben verantwortlich und stehen vor der Herausforderung, unsere menschlichen Möglichkeiten nicht zu verfehlen, sondern zu erfüllen.
Was äußerlich war, wird innerlich.
Das Gefühl, anderen und sich selbst im Leben etwas schuldig geblieben zu sein, ist gewiss nicht von der massiven Einfachheit wie die Angst vor den ewigen Strafen. Und es mag Menschen geben, die dieses Gefühl überhaupt nicht zu kennen scheinen. Sie sind schon gestraft, denn ihnen bleiben offensichtlich auch die Freude und das Hochgefühl verborgen, das aus verantwortungsvollem Handeln und Dasein für Andere erwachsen kann. Wer aber diesen inneren Reichtum entdeckt und erfahren hat, wem auf diese Weise viel gegeben und anvertraut ist, dem wird es auch viel ausmachen, ob er am Ende sagen kann, dass er ihn gewinn- und segenbringend eingesetzt hat.

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