13. Sonntag nach Trinitatis – Eiapopeia

Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Matthäus 25, 40

Es gehört zu den weitverbreiteten Ansichten über die Religion zu meinen, sie ließe ihre Anhänger innerlich abheben und führe aus dem Leben hinaus.
Auf spöttische Weise hat diese Annahme in Heinrich Heines 1844 erschienenem Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen Ausdruck gefunden: Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen. Drei Strophen zuvor hieß es nach der Kritik am alten Entsagungslied, am Eiapopeia vom Himmel derer, die heimlich Wein tranken und öffentlich Wasser predigten: Ein neues Lied, ein besseres Lied, o Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.
Heinrich Heine legt damit den Finger auf einen wunden Punkt und vertritt mit seiner Kritik eine Kernwahrheit des biblischen Glaubens. Es geht um die heute vielzitierte Glaubwürdigkeit.

Hier entsteht eine interessante Frage: Unterliegt auch der Glaube selbst einer Art Glaubwürdigkeitsprüfung? Trägt er seine Wahrheit nicht in sich selbst und kann von außen gar nicht angemessen beurteilt werden?
Darüber könnten sehr lange, wenn nicht gar endlose Diskussionen geführt werden, die wir uns aber glücklicherweise ersparen dürfen. Es geht gar nicht darum, die Wahrheit des Glaubens an fremden Maßstäben zu messen. Der Glaube setzt eigene Maßstäbe, an denen er selbst gemessen werden will! Wer über den Glauben und die Gläubigen urteilen will, der kann und soll das Wort selbst beim Wort nehmen.

Am 13. Sonntag nach Trinitatis stoßen wir gleich auf vier Bibeltexte, die diesen inneren Maßstab sichtbar machen:
In der Epistel (neutestamentlichen Brieflesung) aus dem 1. Johannesbrief wird ganz direkt auf den Zusammenhang von Glauben und Handeln hingewiesen: Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. (4,8).
Die Evangelium behandelt die Frage, worauf es beim ewigen Leben entscheidend ankommt, und beantwortet sie mit einem Zitat aus der Thora: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst (Lukas 15,27). Und da es letztlich eben nicht nur um hohe Worte geht, die leicht zu hohlen Worten werden, sondern auf das Verhalten im konkreten Leben ankommt, wird das ebenso bedrückende wie eindrückliche Beispiel vom barmherzigen Samariter angeschlossen, das seither einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis der Menschheit einnimmt.
Auch der Wochenpsalm stellt diesen Zusammenhang her: Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leiht und das Seine tut, wie es recht ist! Denn er wird ewiglich bleiben; der Gerechte wird nimmermehr vergessen. (Psalm 112,5f.)
Und schließlich unser Wochenspruch selbst: Er stammt aus der großen Rede Jesu vom Weltgericht (Matthäus 25,31-46), bei dem der kommende Menschensohn als Richter auftritt. Die Begründung seines Urteils über das Leben lautet: Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. (25,35-36). Und dann stellt er den entscheidenden Zusammenhang her: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

So ist das mit dem Glauben und seiner Glaubwürdigkeit: Das Eiapopeia vom Himmel ist gerade kein Einlullen angesichts irdischer Not und Ungerechtigkeit, sondern eine starke Motivation, ein Weckruf, hier auf Erden schon nach dem zu suchen und zu leben, was der Vater des Lebens als seinen guten und heiligen Willen bekannt gemacht hat. Wenn dieses Eiapopeia wegfällt und durch die Auffassung, dass jeder sich selbst der Nächste sei, ersetzt wird, bekommt die Menschlichkeit ein Glaubwürdigkeitsproblem.

12. Sonntag nach Trinitatis – Die letzte Säule

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jesaja 42,3

Ein geknicktes Rohr, ein glimmender Docht – das klingt nach einer Situation, in der das Leben selbst zu zerbrechen und zu verlöschen droht. Noch ein Tritt, noch ein Windstoß, dann ist es aus.
Mit diesen Bildworten werden Erfahrungen beschrieben, in denen Menschen fühlen, dass sie an ihr Ende gekommen sind. Es fehlt jede Kraft. Ihr Leben ist nur noch ein Häufchen Elend.

Gott sei Dank müssen wir nicht auf einem Bein stehen, sondern werden gewöhnlich von mindestens fünf Säulen* getragen:
1) unserer Gesundheit und der damit verbundenen körperlichen und seelischen Kraft
2) unseren tragenden Beziehungen in der Familie und im Freundeskreis
3) unserer Arbeit und den Leistungen, die wir für andere und uns selbst erbringen können
4) unserer materiellen Sicherung, die wir persönlich oder über die Gesellschaft besitzen
5) unseren Werten – Traditionen, Lebenserfahrungen, Hoffnungen und unserem Glauben.

Wenn eine dieser Säulen schwach wird oder ausfällt, können die anderen ihre Stützfunktion mit übernehmen und auf diese Weise verhindern, dass das ganze Leben zusammenbricht. Das gilt auch für die immer wieder an erster Stelle genannte Gesundheit. So kostbar sie uns auch ist: Wer sie auf Dauer verliert und dabei von anderen Menschen liebevoll und respektvoll begleitet wird, kann trotz großer Einschränkungen ein sinnvolles Leben führen, viel Freude erfahren und auch anderen etwas geben.

Schwierig wird es, wenn jemand alles auf eine Karte setzt oder nichts von seinen Erwartungen loszulassen vermag. Es fällt z.B. sehr aktiven und leistungsorientierten Menschen, die neben ihrer Arbeit kaum etwas anderes gefunden haben, das ihnen Freude und Sinn vermittelt, im fortschreitenden Alter oft recht schwer, mit sich selbst und ihrer Umgebung ins Reine zu kommen. Es ist dabei sehr wahrscheinlich, dass sie die Schwierigkeiten für sich und ihre Bezugspersonen noch vergrößern.

Es kann auch sein, dass jemand durch einen Unfall, durch Krieg oder ein anderes Unglück mehr als eine Säule auf einmal verliert. Dann bleibt möglicherweise wirklich nur die fünfte Säule übrig: die inneren Werte.
Was verbirgt sich hinter diesem kleinen, schon etwas abgenutzten Wort?
Das können vage Überzeugungen und Einstellungen sein wie die Devise leben und leben lassen, die nur in guten Tagen als Lebensmotto dienen, aber keine Kraft in wirklich schweren Zeiten entfalten. Es kann aber auch ein tiefer Glaube sein, dessen Wurzeln noch unter die aufgetürmten Scherben und den Schutt eines zerbrochenen Lebensgebäudes reichen und aus dieser Tiefenschicht des Lebens Nahrung und Kraft gewinnen. Martin Luther hat das in seinem bekannten Lied von der festen Burg auf eine Weise zum Ausdruck gebracht, dass einem geradezu die Luft wegbleibt:
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr‘, Kind und Weib:
Laß fahren dahin,
Sie haben’s kein’n Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben.

Hier brechen die ersten vier Säulen vollständig weg, und Luther gibt den Rat, sie auch wirklich loszulassen. Das Reich, Gottes Herrschaft und Kraft muss uns doch bleiben und wird uns Schutz und Zuversicht geben, wie eine feste Burg.

Manchmal wird den Glaubenden eine gewisse Unbeweglichkeit und Starre nachgesagt. Hier zeigt es sich, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Wer so glauben und auf Gott vertrauen kann, ist viel offener und flexibler als andere, die damit nichts anfangen können. Wer keinen tieferen Grund für sein Vertrauen kennt, muss sich an das klammern, was ihm als letzter Strohhalm oder als letztes Fünkchen Hoffnung vor Augen steht. Wenn es sich dabei um die eigene Kraft, um andere Menschen, um bestimmte Lebensverhältnisse oder Dinge handelt, geschieht es immer wieder, dass dieses Rohr doch zerbricht und dieser Docht doch verlöscht. Dann ist alles aus. Das mag man sich oft lange Zeit nicht eingestehen und klammert sich deshalb an Bildern und Wunschvorstellungen fest, die von der Realität schon überholt sind.
Der Glaubende ist offener und kann loslassen, was nicht festzuhalten ist. Er kann selbst angesichts des nahen gewaltsamen Todes noch mit Dietrich Bonhoeffer sagen:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Wenn das so ist, dann verwundert es eigentlich, dass wir nicht mehr Aufmerksamkeit und Kraft für die fünfte Säule unseres Lebens aufwenden.
Es mag sein, dass in Zeiten wirklicher Bedrängnis und Not, wenn alles zu fallen und zu zerbrechen droht, die Nachfrage nach diesem letzten Halt größer wird.
Ein Beispiel dafür ist unser Wochenspruch selbst: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Der zweite Jesaja verkündete es den deportierten Juden in Babylon, unter denen bange Hoffnungen auf eine spätere Rückkehr in ihre Heimat glimmen.
Ein anderes Beispiel ist das Gedicht, das Rudolf Alexander Schröder im Jahr 1936 schrieb und das zu einem seiner Kirchenlieder wurde:
Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt
Um dich her in Trümmer brechen,
Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt:
Er hält sein Versprechen.

Gibt es Möglichkeiten, die Bedeutung und Wirkung der fünften Säule in meinem Leben zu stärken? Beim Glauben geht es ja gerade nicht um eine Leistung, durch die absehbare Erfolge erzielt werden, sondern eher darum, sich auf etwas Größeres, schwer zu Fassendes, das uns umgibt und auf neue Weise ausfüllen kann, einzulassen. Das ist weit mehr als die Beschäftigung mit religiösen Fragen oder das Studium religiöser Traditionen, obwohl auch das zu einem vertieften Verständnis dazugehört.
Der Glaube wächst und reift im alltäglichen Umgang, in der vielfältigen Begegnung mit dem, der uns auf unser Leben als ganzes anspricht, manchmal ermutigend, manchmal fordernd, manchmal wohltuend und manchmal auch schmerzlich. Es ist die Begegnung mit dem, der uns nicht einfach uns selber sein lässt, weil er uns zur Liebe hin geschaffen hat und will, dass wir es lernen, diese Liebe zu erfahren und zu erwidern. Dass wir auf diesem Weg immer wieder über unsere eigenen Füsse stolpern, zeigt nur, dass wir vor ihm wie Kinder sind, die gerade erst beginnen, laufen zu lernen.
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*Das Konzept der Fünf Säulen der Identität wurde von Hilarion Petzoldt im Rahmen der Integrativen Therapie entwickelt.

11. Sonntag nach Trinitatis – Demut

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1.Petrus 5,5b

Bei diesem Bibelwort kann sich als erste Reaktion ein zwiespältiger Eindruck aufdrängen.
Viele werden sofort dem zustimmen, was hier über die Hochmütigen gesagt wird: Hochmut kommt vor dem Fall, heißt es einem alten Sprichwort. Heute nennt man es oft Arroganz. Solche Menschen sind nicht sympathisch, weil sie sich über andere erheben und damit selbst keine Sympathie, kein Mitgefühl für andere ausstrahlen. So erscheint es nur folgerichtig und gerecht, dass Gott als höchste Instanz ihnen Grenzen setzt.

Mit den Demütigen ist es heute nicht so eindeutig. Das Wort ist belastet. Es klingt nach falscher Bescheidenheit, Unterwürfigkeit oder – mit Nietzsche – nach Sklavenmoral und scheint nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Treffend kommt das in einem Satz zum Ausdruck, der die Veränderung in der Denkweise und Einstellung humorvoll und bezeichnend ausleuchtet: Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überall hin. Unter der Voraussetzung, dass wir heute unser Leben selbst in die Hand nehmen und nicht auf eine gnädige Belohnung für ein fremdbestimmtes Wohlverhalten von oben warten, klingt der Satz sehr plausibel.
In dieser Perspektive erscheint der Wochenspruch als Ausdruck eines repressiven Herrschersystems, das denjenigen, die nach oben wollen, einen Dämpfer verpasst, und die Angepassten, die Systemkomformen, als Vorbild hinstellt.

Diese Betrachtungsweise zeigt, wie sehr unser Verständnis von Voraus-Setzungen und Grundannahmen beeinflusst wird, die uns in vielen Fällen gar nicht bewusst werden.
In diesem Fall ist es die Grundannahme, dass die im Wochenspruch enthaltenen Urteile über menschliches Verhalten herrscherlicher Willkür und Machtinteressen entspringen.

Ganz anders erscheint der Satz, wenn Gottes Urteil im Sinne einer im Leben selbst angelegten tieferen Wahrheit interpretiert wird. Dann erscheint Demut als die Lebenseinstellung und Fähigkeit, mit anderen realistische und liebevolle Beziehungen aufzubauen. Das kann nur, wer sich nicht über andere erheben muss, um sich selbst zu bestätigen und gut zu finden. Demut bedeutet, sich selbst mit seinen persönlichen Grenzen annehmen zu können und dadurch frei von Arroganz, Geltungssucht und der Angst vor dem eigenen Ungnügen auf andere zugehen zu können. Solchen Menschen begegnet die Gnade oder das Geschenk der Freundschaft und der Liebe, die nicht gegen andere, sondern nur gemeinsam mit anderen erfahren werden kann.