10. Sonntag nach Trinitatis – Israel

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.
Psalm 33,12

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist zugleich der Gedenktag der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 n.Chr. Er wird in der evangelischen Kirche als Israelsonntag begangen.
Ohne Israel ist die christliche Kirche nicht denkbar. Sie teilt mit den Juden die heiligen Schriften des Alten Testaments. Altes Testament? Das kann einen abwertenden Beiklang gewinnen, wenn man das Neue Testament dagegen ausspielt. Deshalb ist es erwägenswert, statt dessen vom Ersten Testament und vom Zweiten Testament zu sprechen. Das Zweite Testament baut auf dem Ersten Testament auf und wäre ohne dieses gar nicht zu verstehen. Und Jesus von Nazareth war Jude, der sich zuerst nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt wusste (Matthäus 15,24) und nicht gekommen das Gesetz oder die Propheten aufzulösen,… sondern zu erfüllen (Matthäus 5,17). Er wurde bei seiner Geburt von den Weisen als König der Juden verehrt (Matthäus 2,2) und nach dem einhelligen Zeugnis aller Evangelien als König der Juden am Kreuz getötet. Im Evangelium für den 10. Sonntag nach Trinitatis weint Jesus über Jerusalem, dessen Zerstörung kommen wird und bei Abfassung des Lukasevangeliums schon Geschichte geworden ist (Lukas 19,41-48).
Im Glauben und in der Lebenshaltung unterscheidet Israel sich stark von seinen Nachbarvölkern und den anderen großen Kulturnationen. Beide wurzeln in der Beziehung Israels zu dem unsichtbaren Gott, der kein schön gestaltetes Bild oder Denkmal zu seiner Verehrung duldet, sondern selbst spricht, ruft, fordert, tröstet, richtet und aufrichtet, der die ganze Welt als seine Schöpfung ins Leben gerufen hat und die Menschen aus den religiösen und politischen Bindungen und Abhängigkeiten jedweder Mächte, die doch nur seine Geschöpfe und nicht selbst göttlichen Wesens sind, befreit. Es ist der Gott, der sein Volk ruft und liebt, der einen Bund mit ihm aufrichtet und ihm mitten in der Vergänglichkeit ewiges Heil und Gerechtigkeit verheißt (Jes 55,6-8).

Aus dieser Perspektive ist der Wochenspruch verständlich: Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat. Dieses Volk hat den stärksten und treuesten Bundesgenossen, der mit ihm durch alle Geschichte geht.

Doch es ist auch die Kehrseite zu betrachten:
Israel! Allein der Name genügt schon, um auch das große Ausmaß des Leidens ins Bewusstsein zu rufen, das mit dem Weg dieses Volkes verbunden ist.
Ist das ein Widerspruch? Oder ist es die Konsequenz, die mit dem Erwählungsglauben und mit dem Anderssein als die anderen verbunden ist?
Das strikte Festhalten an seinem Glaubensweg mit dem einen und einzigen Gott, der in der Thora seinen Willen bekundet hat, hat Israel in alter Zeit in Konflikte mit den Großmächten seiner Zeit gestürzt. Am Ende standen die Zerstörung Jerusaelems im Jahre 70 n.Chr. und die vollständige Auslöschung und Zerstreuung Israels nach dem Ende des Bar Kochba – Aufstandes im Jahre135. Die Römer nannten das Land nun Syria Palaestina.
Etwa tausend Jahre später begannen mit dem Massaker von Granada 1066 im christlichen Abendland die Judenpogrome. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Juden für mancherlei Unglück wie die Pestepidemien verantwortlich gemacht oder wegen ihrer Geldgeschäfte, die den Christen verboten waren, angefeindet. Auch Martin Luther wandte sich am Ende in seinen Schriften gegen die Juden.
Unabhängig von ihrem Glauben wurden die Juden im Einflussbereich der Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1945 aus rassistischen Gründen systematisch vernichtet. Etwa 6 Millionen Menschen wurden auf dabei mit industriellen Methoden getötet. Das dafür gebräuchliche Wort Holocaust bedeutet vollständig verbrannt. Die Juden selbst sprechen von der Shoa, was mit das Unheil oder die Katastrophe zu übersetzen ist.
Am 14.05.1948 wurde der Staat Israel ins Leben gerufen. Er sah sich vom ersten Tag an von Feinden umzingelt, hat seit seiner Gründung eine Reihe von Kriegen geführt und dabei fremde Gebiete besetzt. Der moderne Staat Israel setzt auf militärische Stärke, um sein Existenzrecht zu behaupten und eine Wiederholung früherer Leiden auszuschließen. Dabei geschieht neues Leid, das zu weiteren Eskalationen von Gewalt führt. Es scheint kaum möglich, zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden.

Der Wochenspruch zeigt besonders deutlich, wie spannungsreich das Verhältnis von Glaube und Gesellschaft in der Geschichte sein kann. Welche Interpretationen, Wertungen und Konsequenzen daraus abzuleiten sind, hängt stark von der Position des Betrachters ab. Richtungsweisend ist das Wort Jesu im Evangelium Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! (Lukas 9,42).

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