11. Sonntag nach Trinitatis – Demut

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
1.Petrus 5,5b

Bei diesem Bibelwort kann sich als erste Reaktion ein zwiespältiger Eindruck aufdrängen.
Viele werden sofort dem zustimmen, was hier über die Hochmütigen gesagt wird: Hochmut kommt vor dem Fall, heißt es einem alten Sprichwort. Heute nennt man es oft Arroganz. Solche Menschen sind nicht sympathisch, weil sie sich über andere erheben und damit selbst keine Sympathie, kein Mitgefühl für andere ausstrahlen. So erscheint es nur folgerichtig und gerecht, dass Gott als höchste Instanz ihnen Grenzen setzt.

Mit den Demütigen ist es heute nicht so eindeutig. Das Wort ist belastet. Es klingt nach falscher Bescheidenheit, Unterwürfigkeit oder – mit Nietzsche – nach Sklavenmoral und scheint nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Treffend kommt das in einem Satz zum Ausdruck, der die Veränderung in der Denkweise und Einstellung humorvoll und bezeichnend ausleuchtet: Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überall hin. Unter der Voraussetzung, dass wir heute unser Leben selbst in die Hand nehmen und nicht auf eine gnädige Belohnung für ein fremdbestimmtes Wohlverhalten von oben warten, klingt der Satz sehr plausibel.
In dieser Perspektive erscheint der Wochenspruch als Ausdruck eines repressiven Herrschersystems, das denjenigen, die nach oben wollen, einen Dämpfer verpasst, und die Angepassten, die Systemkomformen, als Vorbild hinstellt.

Diese Betrachtungsweise zeigt, wie sehr unser Verständnis von Voraus-Setzungen und Grundannahmen beeinflusst wird, die uns in vielen Fällen gar nicht bewusst werden.
In diesem Fall ist es die Grundannahme, dass die im Wochenspruch enthaltenen Urteile über menschliches Verhalten herrscherlicher Willkür und Machtinteressen entspringen.

Ganz anders erscheint der Satz, wenn Gottes Urteil im Sinne einer im Leben selbst angelegten tieferen Wahrheit interpretiert wird. Dann erscheint Demut als die Lebenseinstellung und Fähigkeit, mit anderen realistische und liebevolle Beziehungen aufzubauen. Das kann nur, wer sich nicht über andere erheben muss, um sich selbst zu bestätigen und gut zu finden. Demut bedeutet, sich selbst mit seinen persönlichen Grenzen annehmen zu können und dadurch frei von Arroganz, Geltungssucht und der Angst vor dem eigenen Ungnügen auf andere zugehen zu können. Solchen Menschen begegnet die Gnade oder das Geschenk der Freundschaft und der Liebe, die nicht gegen andere, sondern nur gemeinsam mit anderen erfahren werden kann.

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