18. Sonntag nach Trinitatis – Lieben!

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1.Johannes 4,21

Diesem Gebot können wir doch nur zustimmen. Gibt es da überhaupt noch etwas zu sagen?
Die Fragen beginnen dort, wo man sich von der hohen Warte des Grundsätzlichen herab in das Gestrüpp des Alltäglichen und Praktischen begibt. Anders ausgedrückt: Der Teufel steckt im Detail, und dort muss er auch ausgetrieben werden.

Hier ist vom Bruder die Rede. Die Schwester denken wir selbstverständlich mit, aber trotzdem: Warum wird hier dieser enge Verwandtschaftsgrad angegeben? Soll das wie bei den drei Losungswörtern der französischen Revolution auf eine universale Brüderlichkeit hindeuten? Alle Menschen werden Brüder…? Schiller und Beethoven sehen darin ein Gipfelerlebnis und eine Vision für die gesellschaftliche Wirklichkeit, die durch die Mode streng geteilt ist.
Oder deutet dieser enge Radius der Liebe auf einen besonderen Realismus hin? Du kannst nicht alle Menschen lieben, aber deinen Bruder?
Da das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe scharf zwischen den Glaubenden, die zu Gott gehören, und der Welt unterscheiden (vgl. den Wochenspruch vom 17. Sonntag nach Trinitatis) liegt die Vermutung nahe, dass es hier um die brüderliche Liebe zwischen den Glaubenden geht.
Im Johannesevangelium gibt Jesus dieses Gebot im Anschluss an die Bildrede vom Weinstock und den Reben, in der er auf die enge Verbundenheit durch den Glauben hinweist: Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe (15,12). Sechs Verse später ist dann vom Hass der Welt die Rede.
Wenn wir bedenken, welche Konflikte oft gerade zwischen Glaubensbrüdern entstehen, und wie oft schon daraus Hass entstanden ist, der zu bitterem Streit und Kriegen geführt hat, erscheint dieser Hinweis auf die Liebe unter Glaubenden, die sich als Kinder eines Vaters verstehen, nicht überflüssig, sondern bitter nötig. Im Glauben spricht sich das Selbstverständnis des Menschen aus, das sein Hoffen und Handeln wesentlich bestimmt. Deshalb gehört er nach Paulus zu den drei bleibenden Charismen Glaube, Hoffnung, Liebe. Der Apostel lässt aber keinen Zweifel über ihre Rangfolge aufkommen: die Liebe ist die größte unter ihnen (1.Korintherbrief 13,13).

Auf der anderen Seite wird es gefährlich, wenn wir in Gedanken ein nur einfügen und das Gebot der Liebe auf die Geschwister im Glauben begrenzen. Dann kommt es zu der Gegenüberstellung von Wir, die Glaubenden, die Auserwählten, und die Anderen, die Ungläubigen, die Verdammten. Das ist die Soziologie des Teufels. Welche verheerenden Wirkungen von ihr ausgehen, ist bis heute täglich zu spüren.
Deshalb ist es sehr wichtig zu beherzigen, dass Jesus in seiner Bergpredigt auch dazu ein sehr klares Wort sagt: Wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? (Matthäus 5,46f.)
In deutlichem Gegensatz zur gültigen Norm und üblichen Lebenspraxis, wonach der Nächste geliebt und der Feind gehasst wird, predigt Jesus: Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (5,44f.).

Aber ist das überhaupt möglich, meine Feinde lieben? Oder ist das eine zu radikale Über-Forderung, die weit über das Normalmaß unserer allzumenschlichen Alltäglichkeit hinausreicht? Damit sind wir bei der Frage, was das denn heißt, lieben?
Auch dazu hat sich Jesus sehr anschaulich und eindrücklich geäußert: In dem von Lukas (15,25–37) überlieferten Gespräch Jesu mit einem Schriftgelehrten über die Voraussetzungen zum ewigen Leben nennt dieser das Doppelgebot der Liebe: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18) und wirft dann die spannende Frage auf: Wer ist denn mein Nächster? (Lukas 15,29). Jesus erzählt daraufhin die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Dieser Fremde leistet dem Überfallenen erste Hilfe, während ein Priester und ein Levit (Tempeldiener) aus dem eigenen Volk vorüber gingen. Entscheidend ist, wie Jesus die Fragestellung am Ende umkehrt: Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? (10,36) Daran wird sowohl deutlich, wie der Begriff des Nächsten von Jesus verwendet wird, aber auch, was er unter Liebe versteht. Es geht nicht um das große Gefühl, sondern um ein Handeln, das zum Leben hilft.
In diesem Sinne ist die Feindesliebe keine unmögliche Forderung, sondern die wichtigste reale Voraussetzung für den Frieden. Liebe deinen Feind, denn er ist wie du bedeutet: Auch der, den du jetzt noch als Feind betrachtest, hat Bedürfnisse und Ängste wie du selbst. Wenn du das erkennst und ihm das zuerkennst, ist der erste Schritt zur Entfeindung bereits getan, weil damit eine menschliche Basis geschaffen ist, auf der sich beide Seiten verstehen und verständigen können. Leben in Frieden ist nur miteinander, nicht aber gegeneinander möglich.

Dieses Verständnis der Liebe, das aus dem Glauben entspringt, der uns alle Menschen als Kinder eines Vaters sehen lässt, ist das Herzstück der biblischen Lebensauffassung. Es wird immer wieder mit verschiedenen Worten umkreist und in die menschliche Gesellschaft hineingesprochen. So auch in dem Gebet, das Franziskus von Assisi zugeschrieben wird:
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

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Haipic 12

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Einfache Emoji bieten einem Haipic viel an Gestaltungsmöglichkeiten. Durch farbliche Sequenzen und Variationen lassen sich verschiedene Ebenen erzeugen. Konkretes und Abstraktes kann miteinander verbunden werden. Die Anordnung ist zugleich auch eine Zuordnung.

Haipic 12 wurde am 02.01.2012 bei http://www.haiku.de veröffentlicht. Dass sich zwanzig Monate später ungeahnte aktuelle Bezüge ergeben könnten, war damals nicht absehbar.

17. Sonntag nach Trinitatis – Welche Farbe hat die Welt?

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1.Johannes 5,4c

Dieser Wochenspruch kann sehr ermutigend wirken. Wo Menschen in schwierigen und bedrängenden Situationen an ihre Grenzen stoßen, kann die Besinnung auf den Glauben Kräfte mobilisieren und neue Wege sichtbar machen, wo sonst nur Ausweglosigkeit, Verzweiflung und Untergang vor Augen stehen.

Als das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe geschrieben wurden, hatten die Christen im römischen Reich unter großen Verfolgungen zu leiden. Die einen verleugneten ihren Glauben, um der gegen sie gerichteten Gewalt zu entgehen. Andere fanden damals gerade in ihrem Glauben eine große Kraft, um den Anfeindungen zu widerstehen und dabei sogar als Märtyrer (=griechisch: Zeuge) den Tod akzeptieren zu können.

Das dürfte ein Teil des Hintergrundes sein, auf dem die johanneischen Schriften geschichtlich zu verstehen sind. In ihnen ist eine große Spannung zwischen der Welt, die Gott und die Wahrheit nicht kennt, auf der einen und dem Glauben, der sich von dieser Welt distanziert, auf der anderen Seite erkennbar.

Dieser Dualismus ist eine von mehreren möglichen Ausprägungen des christlichen Glaubens, der in der Geschichte oft dann eine große Rolle gespielt hat, wenn das Verhältnis der Glaubenden zu ihrer Umgebung als befremdlich und spannungsreich empfunden wurde. Das kann seinen Grund in der Ablehnung und den Anfeindungen gehabt haben, die Christen vonseiten der Gesellschaft erfuhren. Eine solche ablehnende Grundeinstellung gegenüber der Welt kann aber auch dadurch genährt werden, dass Christen ihre Umgebung als besonders oberflächlich, gottvergessen und der Sünde verfallen verstehen und sich deshalb von ihr und ihren Verlockungen distanzieren.

So kann unser Wochenspruch auf recht unterschiedliche Weise aufgenommen werden.
Das Spektrum der Verständnismöglichkeiten streckt sich vom We shall overcome, mit dem die Afroamerikaner unter der Führung Martin Luther Kings gewaltlos gegen die Rassendiskriminierung in den USA stritten, bis hin zu einer fundamentalen Abkehr von der Welt, die zum Jammertal und Ort des Verderbens stilisiert und nur noch als dunkle Folie betrachtet wird, von der sich die göttliche Ewigkeit um so strahlender abhebt.

Wenn es darum geht, die verschiedenen Geister und Grundeinstellungen, die sich alle auf die Bibel berufen, zu unterscheiden, ist das Grundverständnis oder Paradigma von unserer Welt ein entscheidendes Kriterium: Erscheint sie dem Glauben als Gottes gute Schöpfung, der seine Liebe gilt und die darum geheilt und vom Einfluss des Bösen erlöst werden soll? Oder erscheint sie als feindlicher Bereich der Gottlosikeit, von dem man sich lossagen und den man bekämpfen soll?

Es ist keine Frage, dass der breite Hauptstrom der biblischen Überlieferungen, die Welt als den Raum versteht, den Gott den Menschen anvertraut, den sie bebauen und bewahren sollen und in dem sie sich zu bewähren haben.
Sogar nach dem Johannesevangelium, das die Welt meistens sehr summarisch und in einem zugespitzten Sinne als eine gottvergessene und feindliche Größe behandelt (vgl. 15,18f.), hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (3,16f.)

Wenn es um so grundlegende und in sich so hochkomplexe Begriffe wie Welt und Glaube geht, ist es für das rechte Verstehen biblischer Texte unverzichtbar, das prägende Grundmuster zu erkennen, nach dem sie konstruiert sind. Als Konstrukte des Verstehens, sind sie weit mehr als ein bloßes Wort. Sie sind Konzepte, eine Art von Landkarten oder auch Brillen, an Hand derer wir uns orientieren, und durch die wir zu sehen und zu begreifen versuchen, was um uns und in uns geschieht.
Fundamentalisten sind Gefangene ihrer Konzepte, die sie nicht von außen betrachten können, weil es für sie die einzig mögliche Sichtweise ist. Ein reflektierter Glaube ist dagegen in der Lage, aus verschiedenen Perspektiven zu schauen und auf diese Weise Zenrales und Abwegiges zu unterscheiden.

Dabei können wir auch nicht vergessen, dass sich unser heutiges Verstehen ebenfalls auf begriffliche Konzepte stützt, die oft ganz anders konstruiert sind und früher gar nicht verstanden worden wären. Ein Beispiel dafür ist der Begriff Umwelt. Darunter verstehen wir unseren Lebensraum, ohne den wir nicht existieren können und den wir noch besser als Mitwelt bezeichnen, die unsere ganze Aufmerksamkeit und Fürsorge benötigt.

Mir erscheint es deshalb angemessen, den Wochenspruch heute in folgender Weise auszulegen: Unser Glaube ist die Kraft, die uns und unsere Welt allen Schwierigkeiten und Widrigkeiten zum Trotz auf dem Weg des Lebens hält.

Haipic 32

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Haiku und Haipic können auch zu ganz aktuellen Themen – nein, nicht Stellung nehmen, wohl aber zeigen, was da gerade im Gange ist. Die Wertung sollte dabei den Betrachtern und das Ergebnis dem weiteren Lauf der Ereignisse, bei denen auch die Betrachter mit beteiligt sind, überlassen bleiben.
Genau hier liegt die Grenze zum Aphorismus und zur Karikatur.

Der Verzicht auf Farben dient der Konzentration und der Versachlichung. Die Emotionen gehen dabei nicht verloren, oder?

Haipic 32 wurde am 12.05.2012 veröffentlicht.

16. Sonntag nach Trinitatis – Cool!

Christus Jesus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. 2.Timotheus 1,10

Gestorben wird immer. Viel zu oft trifft uns der Tod auf erschreckende Weise: ganz plötzlich oder auf dem Weg einer langen, tückischen Krankheit, oder durch persönliche Gewalt und massenhaft, wenn Katastrophen oder Terror und Krieg losbrechen.
Den Tod können wir nicht aus der Welt schaffen, und am Ende ist er das Einzige, was uns allen sicher ist.

Die Beschäftigung mit dem Wochenspruch kann das nicht ignorieren oder leicht und fröhlich überspringen. Auf dem Hintergrund unserer täglichen Erfahrung mit dem Tod, erscheint diese Botschaft mehr als gewagt.
Damit nicht genug: In den gottesdienstlichen Lesungen begegnen uns an diesem Sonntag auch noch zwei Geschichten aus den Evangelien, die ganz handfest davon erzählen. Da ist als erstes die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus aus Johannes 11: Jesus ruft den schon seit drei Tagen im Grab Liegenden, von dem bereits Verwesungsgeruch ausgeht, aus seinem Grab heraus. Und Lazarus kommt mit Grabbinden umwickelt aus dem Tod zurück. Und dann die Geschichte von der Auferweckung des Jünglings zu Nain in Lukas 7: Jesus stoppt den Trauerzug mit dem Sarg, berührt ihn und sagt dem Toten, dass er aufstehen soll und gibt ihn seiner weinenden Mutter zurück.

Was soll ich, was kann ich dazu sagen?
Am besten ich fange mit dem an, was ist: ich bin an dieser Stelle erst einmal ratlos.
Also muss ich mir Rat holen. Weit muss ich dazu nicht gehen. Ich kenne die verschiedenen Positionen und Meinungen doch recht gut und versuche jetzt einfach mal mit ihnen ins Gespräch zu kommen:

Da ist zunächst der moderne Mensch. Der sagt mir: Mach dir keine unnötige Mühe mit diesen alten Geschichten. Tot ist tot. Auferweckung gibt es nicht. Das haben die Menschen früher geglaubt. Heute sind wir aufgeklärt. Das sind nur fromme Vorstellungen und Wünsche. Von denen sollten wir uns nicht den Verstand vernebeln lassen.
Aber kann ich die Bibel einfach so abtun? Wenn ich mir nur noch das raussuche, was ich sowieso schon denke und glaube, dann mache ich mich doch selbst zum Maßstab und die Bibel überflüssig.

Richtig!, unterstützt mich jetzt eine Mitchristin, die immer wieder betont, dass man am Wort Gottes nicht herumdeuteln darf. Der Heiligen Schrift muss man glauben und vertrauen. Wir können Gottes Wunder nicht immer mit unserem Verstand erfassen. Doch Gott ist kein Ding unmöglich.
Natürlich kenne ich diese Position sehr gut, aber ich werde nicht so richtig froh dabei. Sie klingt mir zu sehr nach trotziger Rechthaberei. Zweifel lassen sich nicht verbieten, und überhaupt: Gottes Wort soll doch eine frohe und befreiende Wirkung haben und muss deshalb auch so rübergebracht werden.

So ist es und so war es!, antwortet mir als nächstes ein Professor der Bibelwissenschaften. Wir müssen die Bibel im Kontext ihrer Zeit verstehen. Historisch belegt ist, dass es für die Menschen damals keine ganz und gar unmögliche Vorstellung war, dass jemand von den Toten zurückkehrt. Nehmen wir nur mal die alten Ägypter, oder auch die alten Griechen…
Ich fürchte, das wird ein langer Vortrag, wenn ich hier nicht unterbrechend eingreife. Mir geht es nicht so sehr um die historische Gelehrsamkeit, sondern um das Evangelium für uns heute.

Genau, meldet sich jetzt eine Psychologin. Wir müssen solche Geschichten heute symbolisch verstehen und fragen, was sie uns eigentlich sagen wollen. Es geht doch darum, dass wir starke Impulse zum Leben finden. Diese alten Geschichten sprechen tiefere Schichten in unserer Seele an.
Ich gebe zu, dass ich diese Meinung ganz ansprechend finde, aber so richtig wohl ist mir nicht dabei. Werden die biblischen Geschichten dabei nicht nur wie alte Gemälde ausgesucht und benutzt, um heutige Erkenntnisse zu illustrieren und zu veranschaulichen?

Ich bin weiter ratlos und schaue mich um, ob da noch jemand ist, dessen Meinung ich hören sollte. Da ist noch ein Jugendlicher, der bisher nicht zu Wort gekommen ist. Ich ermuntere ihn und frage ihn nach seiner Sicht. Was hältst du von den Geschichten, wo Jesus Tote auferweckt?
Cool!, antwortet er.
Nur dieses eine Wort.
Mein erster Gedanke ist: Typisch!
Aber ich bin auch verblüfft, weil ich das jetzt nicht erwartet hätte.
Da stammle ich rum, bin ratlos, frage die Experten, komme zu keinem klaren Schluss wie ich diese für uns so schwierig gewordenen biblischen Worte und Geschichten heute auslegen soll, und dieser Typ tut das mit einem einzigen Wort: cool.
Zuerst wehre ich mich noch dagegen:
Ganz so einfach und salopp kann man damit doch nicht umgehen.
Da steckt doch so viel drin und auch dahinter!
Hier geht es doch um zentrale Aussagen und Wunder des christlichen Glaubens!
Darüber werden seit alter Zeit immer wieder große Predigten gehalten und dicke Bücher geschrieben!
Und die Gemeinde erwartet doch etwas Klares, Stärkendes und Richtungsweisendes!
Ich komme damit nicht klar. Ich fühle mich wie Goethes Faust, der unter anderem auch Theologie studiert hat : Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Und dann kommt dieser junge Mensch und sagt einfach nur Cool!

Ehrlich gesagt, ich wußte nicht einmal so hundertprozentig, was genau mit diesem Wort gemeint ist. Aber ich habe im Duden nachgeschlagen. Dort steht unter cool: Jugendsprache für hervorragend.
Und das trifft es genau!
Was hier von Jesus erzählt wird, ragt aus dem, was mir sonst im Leben begegnet, so einmalig hervor, dass ich es gar nicht fassen kann. Das ist wie eine ganz neue Sicht auf das Leben. Vieles in mir wehrt sich auch dagegen, aber diese Worte und Geschichten lassen mich einfach nicht wieder los. Ich vermute, das ist ihr wahrer Sinn: dass sie in uns wie ein göttliches Samenkorn keimen und wachsen und aufgehen und Frucht bringen. Wenn Gott zu reden anfängt, sieht das Leben – trotz aller meiner Erfahrungen – anders aus.

Haipic 2

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Bei Haipic 2 habe ich nur drei emoji verwendet: das verpackte Geschenk, ein Segelschiff und die Monsichel.
Das Haipic wurde zu Beginn der Adventszeit am 01.12.2011 veröffentlicht.
Ich habe ihm damals für mich den Titel „Transfer“ gegeben. So viel möchte ich hier mitteilen. Wer mag, kann das Haipic weiter auspacken. Das Äußere, die Farben, sollte dabei nicht unberücksichtigt bleiben.

15.Sonntag nach Trinitatis – Deine Sorgen möchte ich haben!

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 1.Petrus 5,7

In diesem Wochenspruch geht es um die Sorge. Der Begriff reicht von der liebevollen Fürsorge, die Leben erhalten oder erträglich machen kann, bis hin zur quälenden Sorge, die Leben zerfressen kann.
Nach einer alten, dem Bibliothekar Hyginus zugeschriebenen Fabel aus dem 2. Jh.n.Chr. war es Cura, die Sorge, die den Menschen schuf, wobei sie Erde von Tellus, der Göttin der Erde, zu einer Gestalt formt und Jupiter bittet, dieser Gestalt seinen Geist zu verleihen. Als sie über die Namensrechte an dem neugeschaffenen Wesen streiten, entscheidet Saturn, dass Jupiter und Tellus beim Tod des Menschen ihre Anteile zurückbekommen, zu seinen Lebzeiten aber die Sorge ihn besitzen soll.
Der Philosoph Martin Heidegger greift diese Fabel auf und sieht in der Sorge ein zentrales Wesensmerkmal des menschlichen Daseins.

Wenn uns der Wochenspruch dazu auffordert, alle unsre Sorge auf Gott zu werfen, so ist das streng genommen etwas, dass uns über unsere menschliche Verhaftung an und durch die Sorge hinausführt. Man könnte auch sagen: Das klingt wie eine Einladung zu einer Erlösung, die aber schwer vorstellbar erscheint. Wie soll das auch gehen, die Sorgen auf Gott werfen, wenn sie doch offensichtlich zu unserem Wesen, zu unserer Natur gehören?

Sorgen gehören zum Leben. Daran haben wir uns längst gewöhnt.
Wo sie aber übergroßes Gewicht bekommen und bedrückend oder gar erdrückend werden, suchen wir nach Abhilfe.
Gibt es Wege und Mittel dagegen?
Wer Sorgen hat, hat auch Likör, schrieb Wilhelm Busch in der Frommen Helene und ließ sie schließlich doch ein schreckliches Ende nehmen. Der Tröster wurde ihr zum Verderber.
Don’t worry, be happy!, lautet ein häufig zitierter Ratschlag. Take it easy! Das mag bei kleinen Verstimmungen gelingen. Bei tiefsitzenden schweren Sorgen wirkt es dagegen wie eine zusätzliche Belastung, weil ich mich durch so einen lockeren Satz, nicht ernstgenommen und verstanden, sondern alleingelassen fühle.
Noch schlimmer klingt der Satz Deine Sorgen möchte ich haben! Damit werden meine Sorgen verharmlost. Wer so spricht, gibt vor, viel gewichtigere Sorgen zu haben als ich, und damit auch viel wichtigere. Ein solcher Satz kann auch zur Aufwertung der eigenen Person benutzt werden bzw. zur Abwertung anderer dienen. Wer gern davon spricht, sich mit besonders (ge-)wichtigen Sorgen herumschlagen zu müssen, will wohl bewusst oder unbewusst damit auch den Anschein erwecken, ein besonders wichtiger Mensch zu sein. Deine Sorgen möchte ich haben! Dieser Satz lässt völlig unberücksichtigt, dass meine anscheinend viel geringeren Sorgen für mich eine ganz andere Bedeutung und einen viel größeren Stellenwert haben können als für den, der hier so abschätzig urteilt.

Doch kann dieser Satz auch noch ganz anders verstanden werden: Deine Sorgen möchte ich haben! kann auch ganz wörtlich genommen werden: Ich möchte deine Sorgen übernehmen, gib sie mir! Wirf alle deine Sorgen auf mich!
Damit sind wir bei unserem Wochenspruch.
Aber sagt denn jemand so etwas? Möglich ist das schon. Wenn mich jemand sehr liebt oder mir aus einem anderen Grund helfen und mich entlasten will, kann mir ein solcher Satz gesagt werden. Häufiger noch in der Form, dass jemand meine Sorgen zu teilen bereit ist. Das kann ein sehr großes Geschenk aus Zuwendung, Kraft und Zeit sein.
Das ist die Art, wie Jesus auf die Menschen zugeht, zu denen er spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Matthäus 11,28)
Für meinen Umgang mit den Sorgen kommt es dann entscheidend darauf an, ob ich einen kenne und so vertraue, dass ich ihm meine Sorgen zumuten kann und anvertrauen will.
Das kann auf dem direktem Glaubensweg im Gebet geschehen, aber auch auf menschlich direkte Weise im geschwisterlichen Gespräch.

Jesus weist uns noch auf einen zweiten, aktiveren Weg, mit unseren Sorgen umzugehen. Im Evangelium des 15. Trinitatissonntages, einem bekannten Abschnitt aus der Bergpredigt, sagt er zum Abschluss seiner anschaulichen Worte über die Sorge: Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Matthäus 6,31-34)
Damit zeigt er uns die Möglichkeit auf, zwischen Letztem und Vorletztem zu unterscheiden: Wer zuerst nach Gottes Herrschaft und Willen fragt, wird mit den vielen Sorgen des Alltags freier umgehen können. Wer aus tieferen Quellen schöpft und höhere Ziele kennt, kann größere Belastungen ertragen als andere.
Auch im Vaterunser hat Jesus die Bitten um das Kommen von Gottes Reich und das Geschehen seines Willens vor die Bitte um das tägliche Brot gestellt, ohne dass diese damit vergessen würde.