14. Sonntag nach Trinitatis – Es geht aufwärts

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Psalm 103, 2

Diesen Wochenspruch kann man sehr unterschiedlich hören.
Die einen werden ihn als Zumutung empfinden. Was soll ich tun, Gott loben? Für all die Probleme, mit denen ich täglich zu kämpfen habe? Für all das Leid, wohin ich auch schaue? Wo ist er denn, wenn es brennt? Nun auch noch schön dankbar sein?! In manchen Ohren klingt das wie Hohn.
Für andere ist es ein geradezu beflügelndes Wort, mit dem Dankbarkeit und Freude in das eigene Herz einkehren.

Die Ursache für diese so unterschiedliche Sicht ist nicht in den äußeren Erfahrungen zu finden. Beide leben in der gleichen äußeren Welt, und es ist nicht gesagt, dass es dem Dankbaren darin besser ergeht als dem, der mit Gott hadert. Es scheint eher so zu sein, dass Hader eine negative Rückwirkung auf das Leben ausübt.
Das berühmte Bild vom halb gefüllten Glas drängt sich auf: Ist es nun halb voll oder halb leer. Äußerlich ist das nicht zu unterscheiden. Doch die unterschiedliche Sichtweise führt zu ganz entgegengesetzten Bewertungen und Einstellungen.

Es geht aber nicht nur um einen augenblicklichen Zustand, den wir sehr unterschiedlich betrachten. Es kommt auch und vor allem auf die Richtung an. Wohin geht es mit uns und unserer Umgebung, aufwärts oder abwärts?
Wer es schwer hat, wird auch über eine kleine Erleichterung erfreut sein. Und wenn er noch nicht ganz resigniert und abgestumpft ist, können damit auch Gefühle von Dankbarkeit und Hoffnung aufkommen.
Doch auch die umgekehrte Bewegung begegnet uns häufig: Wer etwas verliert, was bisher selbstverständlich schien, erlebt das um so schmerzlicher und belastender, je wichtiger ihm das Verlorene jetzt erscheint. Ein Einschnitt bei der Gesundheit, der endgültige Abschied von einem nahen Menschen, der Verlust der Arbeit – das sind häufig erlebte schwere Verluste, die existenzbedrohlich erscheinen und das ganze Leben in den Abgrund reißen können. Was bleibt denn dann noch übrig? Diese Frage kann sich dann scheinbar unabweislich aufdrängen. Wofür lohnt es sich denn dann überhaupt noch zu leben und die ganze tägliche Mühe und das Leid auf sich zu nehmen? Die Gedanken beginnen zu kreisen und der Blick verengt sich auf das Eine. In der Enge beherrscht uns die Angst.

In und aus solchen und ähnlichen Situationen kann der Wochenspruch einen Weg ins Freie eröffnen: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Wirklich? Kann ein Bibelspruch so eine starke Wirkung entfalten? Ja er kann, wenn wir ihn als Brücke verstehen und begehen, um das rettende andere Ufer zu erreichen.
Verstehen ist das eine: Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der verengte und verängstigte Blick kann und muss wieder geweitet werden. Wer in besseren Zeiten bewusst und dankbar gelebt hat, hat sich damit für schwere Zeiten einen inneren Schatz erworben, von dem er jetzt zehren kann. Dieser innere Schatz will er-innert werden. Vergiss nicht das Gute!
Begehen ist das andere: Lobe den Herrn, meine Seele. Das ist ein Brückenschlag. Wer diese Worte bewusst sprechen kann, steigt mit einem hellen Licht in die Tiefe der eigenen Seele hinunter und leuchtet das Dunkel aus, das sich dort ausgebreitet hat. Er nimmt die ängstlich zusammengekrümmte Seele damit gleichsam an die Hand und führt sie über den Abgrund ihrer eigene Angst an das andere Ufer, wo sie dem Vater des Lebens neu begegnen kann.

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