Haipic 1

An Haipic 100 schließe ich eine Rückschau auf die Haipics an, die ich noch nicht in wortverbindung veröffentlicht habe.

Mit diesem ersten Versuch habe ich am 28.11.2011 in der Haikuwerkstatt http://www.haiku.de unter dem Pseudonym Hannah Wilhelm begonnen, Haiku in Bilderschrift zu gestalten. Inspiriert hatten mich dabei zwei Gedanken: Zum einen wurden und werden die alten japanischen Haiku in kanji geschrieben, den chinesischen Bildzeichen, die über die Grenzen der einzelnen Sprachen hinweg eine Möglichkeit des Verstehens schufen. Zum anderen erfreuen sich heute die emoji (emotikons), internationaler Beliebtheit und sorgen vor allem als smileys für Möglichkeiten der Verständigung jenseits der Wörter. Warum sollte diese Möglichkeit nicht auch auf Haiku ausgedehnt werden?
Um diese Darstellungsform gegen das haiga abzugrenzen, das Bild und Schrift kombiniert, habe ich dafür den Begriff haipic gewählt.

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Die ersten Haipics orientieren sich noch weitgehend an der Linearität der Schrift, benutzen aber schon die Möglichkeiten der Farbe, Form und der Anordnung als Ausdrucksmittel. Das wird bei Haipic 1 vor allem an der farblichen Gestaltung und der Abfolge der emoji deutlich.

Obwohl es nicht üblich ist, Haiku mit Erklärungen zu versehen – sie sollen für sich selbst sprechen und den Hörer bzw. Betrachter zu eigenen Eindrücken und Gedanken anregen – will ich bei dieser Retrospektive von dieser Regel abweichen, um einen Einblick in den Entstehungsprozess der ersten Haipics zu geben. Der Leser und die Leserin seien dabei ausdrücklich zur Fortführung in Anknüpfung und Widerspruch oder auch zum eigenen spielerischen Umgang mit den Bildelementen eingeladen.

Haipic 1 bedient sich im Gegensatz zu späteren Versuchen aus einer Liste von emoji. Die chiastische Farbfolge führt zu einer Zentrierung auf das mittlere Element, das für mich der Ausgangspunkt war und die Sequenz in ein Vorher und Nachher gliedert. In der Mitte steht eine Schale mit grünem Tee. Die beiden goldfarbenen emoji stehen innen und für innere Vorgänge, während die äußeren in kräftigeren Farben auf Äußeres hinweisen.
Im Einzelnen und in der Abfolge betrachtet: Die dunkle Schwere der Aubergine mit ihrem Gefälle von links oben nach rechts unten lässt die Anstrengung erahnen, die sowohl mit dem Wachstum wie auch mit der Arbeit verbunden ist. Bei jeder Anstrengung gibt es eine kritische Grenze, die im Wesen dessen liegt, der sich dieser Anstrengung unterwirft. Das rechte Gespür für diese Grenze, die wohl erreicht, nicht aber überschritten werden sollte, beruht auf einer besonderen Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung. Das goldene Glöckchen ertönt. Wer es hören kann, der höre. Es lädt ein zur Ruhe und Erneuerung. Die Schale ist gefüllt. Ein Ergebnis, der Lohn, der Anstrengung und ein Geschenk, Ausdruck der Harmonie und des Zusammenhangs von Tun und Lassen, von Geben und Nehmen, von Leere und Fülle. Die Schale ist gefüllt mit grünem Tee. Er gilt auch bei uns als besondere Quelle von Gesundheit. Die Teezeremonie ist ein Moment höchster Sammlung, in der wir dessen innewerden können, was uns von außen durchströmt, anregt und kräftigt. Von dieser Schale mit grünem Tee gehen Wirkungen aus, die von innen nach außen dringen. Die Seele ist entspannt, das goldene Schloß ist geöffnet, der Weg hinaus ist wieder frei. Die Kraft aus der Mitte hat ihn aufgeschlossen. Es ist der Weg in neue Weiten, die noch im Dunkel liegen. Doch haben sie einen Rahmen, der das Äußere zugleich zu einem Inneren macht. In der Mitte dieser Weite aber steht der Stern, leuchtend wie das Glöckchen und das geöffnete Schloß.

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