15.Sonntag nach Trinitatis – Deine Sorgen möchte ich haben!

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 1.Petrus 5,7

In diesem Wochenspruch geht es um die Sorge. Der Begriff reicht von der liebevollen Fürsorge, die Leben erhalten oder erträglich machen kann, bis hin zur quälenden Sorge, die Leben zerfressen kann.
Nach einer alten, dem Bibliothekar Hyginus zugeschriebenen Fabel aus dem 2. Jh.n.Chr. war es Cura, die Sorge, die den Menschen schuf, wobei sie Erde von Tellus, der Göttin der Erde, zu einer Gestalt formt und Jupiter bittet, dieser Gestalt seinen Geist zu verleihen. Als sie über die Namensrechte an dem neugeschaffenen Wesen streiten, entscheidet Saturn, dass Jupiter und Tellus beim Tod des Menschen ihre Anteile zurückbekommen, zu seinen Lebzeiten aber die Sorge ihn besitzen soll.
Der Philosoph Martin Heidegger greift diese Fabel auf und sieht in der Sorge ein zentrales Wesensmerkmal des menschlichen Daseins.

Wenn uns der Wochenspruch dazu auffordert, alle unsre Sorge auf Gott zu werfen, so ist das streng genommen etwas, dass uns über unsere menschliche Verhaftung an und durch die Sorge hinausführt. Man könnte auch sagen: Das klingt wie eine Einladung zu einer Erlösung, die aber schwer vorstellbar erscheint. Wie soll das auch gehen, die Sorgen auf Gott werfen, wenn sie doch offensichtlich zu unserem Wesen, zu unserer Natur gehören?

Sorgen gehören zum Leben. Daran haben wir uns längst gewöhnt.
Wo sie aber übergroßes Gewicht bekommen und bedrückend oder gar erdrückend werden, suchen wir nach Abhilfe.
Gibt es Wege und Mittel dagegen?
Wer Sorgen hat, hat auch Likör, schrieb Wilhelm Busch in der Frommen Helene und ließ sie schließlich doch ein schreckliches Ende nehmen. Der Tröster wurde ihr zum Verderber.
Don’t worry, be happy!, lautet ein häufig zitierter Ratschlag. Take it easy! Das mag bei kleinen Verstimmungen gelingen. Bei tiefsitzenden schweren Sorgen wirkt es dagegen wie eine zusätzliche Belastung, weil ich mich durch so einen lockeren Satz, nicht ernstgenommen und verstanden, sondern alleingelassen fühle.
Noch schlimmer klingt der Satz Deine Sorgen möchte ich haben! Damit werden meine Sorgen verharmlost. Wer so spricht, gibt vor, viel gewichtigere Sorgen zu haben als ich, und damit auch viel wichtigere. Ein solcher Satz kann auch zur Aufwertung der eigenen Person benutzt werden bzw. zur Abwertung anderer dienen. Wer gern davon spricht, sich mit besonders (ge-)wichtigen Sorgen herumschlagen zu müssen, will wohl bewusst oder unbewusst damit auch den Anschein erwecken, ein besonders wichtiger Mensch zu sein. Deine Sorgen möchte ich haben! Dieser Satz lässt völlig unberücksichtigt, dass meine anscheinend viel geringeren Sorgen für mich eine ganz andere Bedeutung und einen viel größeren Stellenwert haben können als für den, der hier so abschätzig urteilt.

Doch kann dieser Satz auch noch ganz anders verstanden werden: Deine Sorgen möchte ich haben! kann auch ganz wörtlich genommen werden: Ich möchte deine Sorgen übernehmen, gib sie mir! Wirf alle deine Sorgen auf mich!
Damit sind wir bei unserem Wochenspruch.
Aber sagt denn jemand so etwas? Möglich ist das schon. Wenn mich jemand sehr liebt oder mir aus einem anderen Grund helfen und mich entlasten will, kann mir ein solcher Satz gesagt werden. Häufiger noch in der Form, dass jemand meine Sorgen zu teilen bereit ist. Das kann ein sehr großes Geschenk aus Zuwendung, Kraft und Zeit sein.
Das ist die Art, wie Jesus auf die Menschen zugeht, zu denen er spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Matthäus 11,28)
Für meinen Umgang mit den Sorgen kommt es dann entscheidend darauf an, ob ich einen kenne und so vertraue, dass ich ihm meine Sorgen zumuten kann und anvertrauen will.
Das kann auf dem direktem Glaubensweg im Gebet geschehen, aber auch auf menschlich direkte Weise im geschwisterlichen Gespräch.

Jesus weist uns noch auf einen zweiten, aktiveren Weg, mit unseren Sorgen umzugehen. Im Evangelium des 15. Trinitatissonntages, einem bekannten Abschnitt aus der Bergpredigt, sagt er zum Abschluss seiner anschaulichen Worte über die Sorge: Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Matthäus 6,31-34)
Damit zeigt er uns die Möglichkeit auf, zwischen Letztem und Vorletztem zu unterscheiden: Wer zuerst nach Gottes Herrschaft und Willen fragt, wird mit den vielen Sorgen des Alltags freier umgehen können. Wer aus tieferen Quellen schöpft und höhere Ziele kennt, kann größere Belastungen ertragen als andere.
Auch im Vaterunser hat Jesus die Bitten um das Kommen von Gottes Reich und das Geschehen seines Willens vor die Bitte um das tägliche Brot gestellt, ohne dass diese damit vergessen würde.

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