17. Sonntag nach Trinitatis – Welche Farbe hat die Welt?

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1.Johannes 5,4c

Dieser Wochenspruch kann sehr ermutigend wirken. Wo Menschen in schwierigen und bedrängenden Situationen an ihre Grenzen stoßen, kann die Besinnung auf den Glauben Kräfte mobilisieren und neue Wege sichtbar machen, wo sonst nur Ausweglosigkeit, Verzweiflung und Untergang vor Augen stehen.

Als das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe geschrieben wurden, hatten die Christen im römischen Reich unter großen Verfolgungen zu leiden. Die einen verleugneten ihren Glauben, um der gegen sie gerichteten Gewalt zu entgehen. Andere fanden damals gerade in ihrem Glauben eine große Kraft, um den Anfeindungen zu widerstehen und dabei sogar als Märtyrer (=griechisch: Zeuge) den Tod akzeptieren zu können.

Das dürfte ein Teil des Hintergrundes sein, auf dem die johanneischen Schriften geschichtlich zu verstehen sind. In ihnen ist eine große Spannung zwischen der Welt, die Gott und die Wahrheit nicht kennt, auf der einen und dem Glauben, der sich von dieser Welt distanziert, auf der anderen Seite erkennbar.

Dieser Dualismus ist eine von mehreren möglichen Ausprägungen des christlichen Glaubens, der in der Geschichte oft dann eine große Rolle gespielt hat, wenn das Verhältnis der Glaubenden zu ihrer Umgebung als befremdlich und spannungsreich empfunden wurde. Das kann seinen Grund in der Ablehnung und den Anfeindungen gehabt haben, die Christen vonseiten der Gesellschaft erfuhren. Eine solche ablehnende Grundeinstellung gegenüber der Welt kann aber auch dadurch genährt werden, dass Christen ihre Umgebung als besonders oberflächlich, gottvergessen und der Sünde verfallen verstehen und sich deshalb von ihr und ihren Verlockungen distanzieren.

So kann unser Wochenspruch auf recht unterschiedliche Weise aufgenommen werden.
Das Spektrum der Verständnismöglichkeiten streckt sich vom We shall overcome, mit dem die Afroamerikaner unter der Führung Martin Luther Kings gewaltlos gegen die Rassendiskriminierung in den USA stritten, bis hin zu einer fundamentalen Abkehr von der Welt, die zum Jammertal und Ort des Verderbens stilisiert und nur noch als dunkle Folie betrachtet wird, von der sich die göttliche Ewigkeit um so strahlender abhebt.

Wenn es darum geht, die verschiedenen Geister und Grundeinstellungen, die sich alle auf die Bibel berufen, zu unterscheiden, ist das Grundverständnis oder Paradigma von unserer Welt ein entscheidendes Kriterium: Erscheint sie dem Glauben als Gottes gute Schöpfung, der seine Liebe gilt und die darum geheilt und vom Einfluss des Bösen erlöst werden soll? Oder erscheint sie als feindlicher Bereich der Gottlosikeit, von dem man sich lossagen und den man bekämpfen soll?

Es ist keine Frage, dass der breite Hauptstrom der biblischen Überlieferungen, die Welt als den Raum versteht, den Gott den Menschen anvertraut, den sie bebauen und bewahren sollen und in dem sie sich zu bewähren haben.
Sogar nach dem Johannesevangelium, das die Welt meistens sehr summarisch und in einem zugespitzten Sinne als eine gottvergessene und feindliche Größe behandelt (vgl. 15,18f.), hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (3,16f.)

Wenn es um so grundlegende und in sich so hochkomplexe Begriffe wie Welt und Glaube geht, ist es für das rechte Verstehen biblischer Texte unverzichtbar, das prägende Grundmuster zu erkennen, nach dem sie konstruiert sind. Als Konstrukte des Verstehens, sind sie weit mehr als ein bloßes Wort. Sie sind Konzepte, eine Art von Landkarten oder auch Brillen, an Hand derer wir uns orientieren, und durch die wir zu sehen und zu begreifen versuchen, was um uns und in uns geschieht.
Fundamentalisten sind Gefangene ihrer Konzepte, die sie nicht von außen betrachten können, weil es für sie die einzig mögliche Sichtweise ist. Ein reflektierter Glaube ist dagegen in der Lage, aus verschiedenen Perspektiven zu schauen und auf diese Weise Zenrales und Abwegiges zu unterscheiden.

Dabei können wir auch nicht vergessen, dass sich unser heutiges Verstehen ebenfalls auf begriffliche Konzepte stützt, die oft ganz anders konstruiert sind und früher gar nicht verstanden worden wären. Ein Beispiel dafür ist der Begriff Umwelt. Darunter verstehen wir unseren Lebensraum, ohne den wir nicht existieren können und den wir noch besser als Mitwelt bezeichnen, die unsere ganze Aufmerksamkeit und Fürsorge benötigt.

Mir erscheint es deshalb angemessen, den Wochenspruch heute in folgender Weise auszulegen: Unser Glaube ist die Kraft, die uns und unsere Welt allen Schwierigkeiten und Widrigkeiten zum Trotz auf dem Weg des Lebens hält.

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