19. Sonntag nach Trinitatis – Jeremia

Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.
Jeremia 17, 14

Die Frage nach Heilung und Hilfe hat oft einen Lebenshintergrund, auf dem sie zum Schrei wird.
Persönliches Leid verlangt nicht zuerst nach einer klugen Erklärung seiner Ursachen und Zusammenhänge, sondern nach menschlicher Zuwendung, nach Verständnis, nach Hilfe und Heilung. Und das ist oft recht schwer, denn Schmerz und Verzweiflung bilden eine feste Mauer. Die Außenwelt kommt da nicht ohne weiteres durch, kommt nicht an den heran, der von seinem Leid eingeschlossen ist. Und der Leidende kommt oft nicht heraus, aus der Enge, die ihn umgibt und das Atmen schwer macht.
Gibt es in dieser Mauer eine Tür, durch die Hilfe kommen kann? Gibt es wenigstens ein Fenster oder einen Spalt, durch den der Leidende eine Nachricht schicken und um Hilfe rufen kann?

Diese ersten Gedanken über den Wochenspruch lassen bereits zwei wesentliche Einsichten deutlich werden:
1. Leid wird individuell erlebt und ist deshalb immer etwas ganz Persönliches.
2. Der Umgang mit dem Leid erfordert besondere Möglichkeiten der Kommunikation.

Das Bibelwort stammt aus den persönlichen Konfessionen Jeremias, durch die wir Einblick in sein Leiden an dem ihm auferlegten Prophetenamt gewinnen. Gegen seinen Willen war er von Gott zu diesem Dienst genötigt worden und hatte die schwere Aufgabe, den Führern seines Volkes in Jerusalem an der Wende vom siebenten zum sechsten Jahrhundert v. Chr. die bevorstehende Katastrophe durch die aufstrebende babylonische Großmacht anzusagen. Alle vermeintlichen Sicherheiten – der Tempel, der Gottesbund, der Zion und die Davidsstadt – würden keinen Schutz vor diesem Gericht Gottes aus dem Norden bieten. Doch diese Nachricht wollte keiner hören. Sie war zu entsetzlich und konnte doch nur eine den Staat und den Volkswillen zersetzende Wirkung haben. Deshalb wurde Jeremia angefeindet, geschlagen, eingesperrt und wäre beinahe getötet worden. Er litt also gleich in mehrfacher Weise: zuerst unter der Last dieser Botschaft, die er unfreiwillig weiterzugeben hatte, dann unter der ablehnenden und feindseligen Reaktion der Menschen auf seine Botschaft und schließlich auch darunter, dass Gott so wenig Verständnis für seine schwere Situation zu haben schien und ihn nur gerade so am Leben hielt. Jeremia behielt recht. Die Babylonier besiegten die Judäer, die törichterweise nicht aufhörten, Widerstand zu leisten, und führten viele ins Exil nach Babylon. Jeremia versuchte, sie durch einen Brief zu trösten. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 587 v.Chr. verliert sich seine Spur in Ägypten.
Das uns bekannt gewordene Leben Jeremias ist alles andere als erbaulich. Es erscheint eher als eine Parallele zu Hiob und auch zu den späteren Leiden seines Volkes. Der Glaube schließt Leiden eben nicht aus; oft ist er sogar die Ursache dafür.

Jeremias Hilferuf wird auf diesem Hintergrund zu einem bewegenden persönlichen Lebenszeugnis in einer ausweglos erscheinenden Situation. Er hat mit Gott geredet und gerungen. Dieses Fenster blieb für ihn offen.

2 thoughts on “19. Sonntag nach Trinitatis – Jeremia

  1. Spannend finde ich, dass er um Heilsein bittet und nicht um Gesundheit…
    Mit Glaube als Ursache für Leid habe ich so meine Schwierigkeiten: ist es nicht vielmehr so, dass der Glaube einen mutig macht, dem Leiden nicht auszuweichen, quasi nicht den leichteren Weg zu gehen? Deswegen wäre er aber noch nicht ursächlich…

    • Ja, der Glaube ist eine innere Kraft, die durch das Leid hindurch führen und tragen kann.
      Dass er auch zur Ursache für Leid werden kann, meine ich in dem Sinn, dass ein Glaubender, der nicht bereit ist, sich opportunistisch an seine Umgebung und ihre Meinungen anzupassen, um dieses Glaubens willen in Spannungen geraten und Leid erfahren kann.

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