20. Sonntag nach Trinitatis – Was gut ist

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Micha 6, 8

Es ist schon erstaunlich, wenn hier in ganzen zwölf Worten gesagt wird, was gut ist: Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Das klingt so absolut, während wir es gewohnt sind, zu relativieren. Was gut ist, das ist doch nach der heute gängigen Auffassung immer abhängig vom Blickwinkel und vor allem von den Interessen des Betrachters. Was für den einen gut ist, kann für den anderen schlecht sein.

Es ist aber auch unübersehbar, dass diese Einstellung große Gefahren mit sich bringt. Der Stärkere erhält damit eine Legitimation, seine Interessen und sein darauf ausgerichtetes Handeln als gut auszugeben. In totalitären Systemen wird durch die herrschende Ideologie erklärt und dekretiert, was gut ist. Recht und Ethik werden daran ausgerichtet.
Aber auch in demokratischen Staaten, in denen das Prinzip der Gewaltenteilung herrscht, bilden sich Mehrheiten auf der Basis von Interessen und deren Wechselspiel mit bestimmten Werten. Über das, was gut ist, wird ein endloses öffentliches Streitgespräch geführt, das recht ermüdend und frustrierend sein kann, aber im günstigen Fall langfristig der Werteentwicklung der ganzen Gesellschaft dient. Doch ist die Richtung dieser Entwicklung und der dafür zu zahlende Preis keineswegs schon ausgemacht.
Das aktuelle Beispiel ist der Tod vieler Menschen, die auf höchst unsicheren Booten von Afrika über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchen. Die Empörung darüber ist groß, aber kurzlebig. Doch wenn es darum geht, die Einreise und die Integration dieser Menschen in Europa zu erleichtern und unseren Wohlstand mit ihnen zu teilen, sind uns die eigenen Interessen wieder näher als die der Fremden.
Was gut ist, scheint in einer Welt, in der beinahe täglich Skandale die öffentliche Aufmerksamkeit erregen und sich kurzfristig hohe Wellen der Empörung über den Tälern der Lähmung auftürmen, nicht mehr eindeutig bestimmbar zu sein.

Da es aber in den Kämpfen und Herausforderungen der Zeit unmöglich erscheint, einen Weg zum (Über-) Leben zu finden, wenn das, was gut ist, der Relativität unterschiedlicher Standpunkte und Interessen überlassen bleibt, muss eine wichtige Unterscheidung beachtet werden. Was gut ist kann nicht nur als das Gegenteil von dem, was schlecht ist, sondern auch als die Überwindung dessen, was böse ist, verstanden werden. Unsere Sprache weist mit diesem doppelten Gegensatz von gut auf zwei verschiedene Dimensionen des Guten hin. Gut und schlecht sind Qualitätsurteile, die etwas über die Güte und Nützlichkeit einer Sache für bestimmte Zwecke oder Interessen aussagen. Dazu gehören zum Beispiel Zeugnisnoten, mit denen die Fähigkeit und Eignung von Menschen für einzelne Aufgaben bewertet wird. Gut und böse sprechen dagegen eine tieferliegendere Dimension an. Hier geht es um Merkmale, die auf das Leben und die Würde des Menschen selbst zielen.

Wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem, was gut und nützlich ist, und dem, was gut und menschlich ist, muss sehr genau hingeschaut und um das Gute gerungen werden, um sowohl der Gefahr der Relativierung wie auch der Dämonisierung zu entgehen.
Der Wochenspruch gibt dafür eine dreifache Orientierung, die dem dreidimensionalen Liebesgebot Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst entspricht:
1. Gott lieben bedeutet, sein Wort halten. Das kann nicht heißen, den Buchstaben bestimmter religiöser Traditionen starr und schematisch auf jeden Fall hin anzuwenden. Es bedeutet, den Geist und den Willen Gottes aus seinem Wese der Liebe zu allen seinen Geschöpfen heraus zu verstehen und zu beherzigen.
2. Liebe üben bedeutet auf diesem universalen Hintergrund, nicht zuerst nach den eigenen Interessen zu handeln, sondern barmherzig zu sein. Dabei werden vor allem die Lebens- und Entfaltungsmöglichkeitein der Bedürftigen und Schwachen, die auf liebevolle Zuwendung besonders angewiesen sind, berücksichtigt.
3. Demütig sein vor deinem Gott bedeutet, der Gefahr der Selbstüberhöhung, die wir Egoismus nennen und die zu einer Störung des göttlichen Liebesspieles führt, zu begegnen. Nur wenn ich mich als ein zur Liebe geschaffenes Geschöpf verstehe und in der Erfüllung dieser Aufgabe meinen Lebenssinn erkenne, trage ich meinen Teil zum Guten, das das Böse überwinden kann, bei.

Ist damit alles klar? Natürlich nicht! Die eigentlich spannende Frage ist doch, wie das, was gut ist, verwirklicht werden kann. Das ist ein großes Thema, das mit dem Wochenspruch vom 21. Sonntag nach Trinitatis fortgeführt wird.

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