21. Sonntag nach Trinitatis – Die Überwindung

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12, 21

Beim letzten Wochenspruch ging es darum, was gut ist. Gut und böse können und dürfen nicht aus dem Blickwinkel bestimmter Interessen definiert werden. Das würde zur Verklärung bzw. Diskreditierung dieser Interessen führen und damit die eigene Auffassung vergötzen oder abweichende Standpunkte dämonisieren.
Gut und böse sind absolute Kategorien, die ihren letzten Grund in der ethischen Nichthintergehbarkeit der Menschenwürde und im theologischen Verstehenszusammenhang der universalen Bejahung und unteilbaren Liebe Gottes zur Schöpfung finden. Gut ist, was dieser Liebe Gestalt verleiht und dem daraufhin angelegten Wesen des Menschen zur Verwirklichung hilft.

Nun ist die eigentlich spannende Frage, wie das, was mit großen Worten relativ einfach zu umschreiben sein scheint, in die Praxis des gelebten Lebens umgesetzt werden kann. Ist der Mensch überhaupt fähig, das in diesem Sinn Gute zu verwirklichen? Die Bibel ist da mehr als skeptisch. Dazu zwei Beispiele, je eins aus dem ersten und aus dem zweiten Testament:
In 1Mose 8,21 sagt Gott nach dem Ende der Sintflut: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Das ist nicht nur eine bemerkenswerte Aussage über die menschliche Natur, sondern auch ein erstaunlicher Ausdruck über einen Sinneswandel in Gott selbst, der wie eine Vorwegnahme unseres Wochenspruches und des Gebotes Jesu in der Bergpredigt (Mat 5,43–48), mit dem er zur Feindesliebe aufruft, klingt.
Paulus, der in Römer 12,21 zur Überwindung des Bösen durch das Gute aufruft, schreibt fünf Kapitel zuvor: Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. (Römer 7,18f.)

Diesen Widerspruch nennt Paulus die Sünde, und Augustinus erklärt später, dass es dem Menschen unmöglich ist, nicht zu sündigen. Es gibt demzufolge keinen Weg zum Guten, den der Mensch von sich aus gehen könnte. Es liegt allein in Gottes Macht und Willen, den Menschen vom Bösen zu erlösen, allein aus Gnade kann der Mensch zum Heil und zur Erlösung geführt werden.
Das ist eine der zentralen Auffassungen der traditionellen christlichen Dogmatik, an der sich der Widerspruch des säkularisierten Denkens der Moderne besonders deutlich artikuliert. Ist es nicht eine Entmündigung des Menschen, wenn ihm die Fähigkeit zum Guten abgesprochen wird? Wir damit nicht alles menschliche Bemühen und ethische Streben von vornherein zum Scheitern verurteilt?
Oder liegt gerade darin ein ganz nüchterner Realismus, den es heute neu zu entdecken, neu zu würdigen und auch neu zu interpretieren gilt, da sich die verschiedenen Versuche der Optimierung und Perfektionierung des Menschen als ein recht fragwürdiges Experiment erweisen?
Wenn die Stimme der christlichen Tradition in unserer Zeit Gehör und Gewicht erhalten soll, kommt es vor allem darauf an, dass ihre Grundwahrheiten aus dem Logizismus abstrakter Sprachformeln befreit und wie Körner im Garten des menschlichen Lebens zum Keimen gebracht werden.
Dabei kann auch das Gespräch mit anderen Religionen befruchtend sein. So kann beim Nachdenken über das Wesen der Sünde, das in der christlichen Lehre als eine vom Menschen verschuldete Abkehr von Gott und als eine grundlegende menschliche Beziehungsstörung verstanden wird, das Gespräch mit dem Buddhismus aufgenommen werden, der die Wurzel allen Übels und des Leides in der Gier (Habenwollen), in der Aversion (Nichthabenwollen) und in der Verblendung (Selbsttäuschung) sieht. Damit sind elementare Verstrickungen des Menschen angesprochen, die ihn von seinem wahren Wesen entfremden und die nicht ohne weiteres zu überwinden sind. Der Buddhismus sieht den Erlösungsweg in der Befeiung des menschlichen Geistes durch Meditation, die zur Erleuchtung und Befreiung von den Grundübeln führt. Der christliche Glaube erbittet die Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde durch das göttliche Geschenk des heiligen Geistes.
Es kann für beide Seiten sehr fruchtbar sein, wenn sie die unterschiedliche Sichtweise der jeweils anderen Seite als eine Erkennnishilfe zum tieferen Verständnis der eigenen Tradition in ihr heutiges Nachdenken einzieht. So kann die tiefe, an die Wurzeln der menschlichen Existenz gehende Entfremdung vom Guten ernstgenommen und gleichzeitig ein Weg zu ihrer Überwindung aufgezeigt werden, der aber nicht in einem Weiter so! auf der Basis der Sünde und Verstrickung bestehen kann.
Die hier immer wieder aufgeworfene alte Streitfrage, ob es denn nun aber Gott ist, der erlöst, oder ob sich der Mensch selbst erlösen soll, erweist sich dabei meines Erachtens als eine äußerliche und unangemessene Objektivierung, die Gott und den Menschen nach dem Muster zweier physikalischer Massen behandelt, während es sich hier doch – bildlich gesprochen – um einen komplexen biochemischen Prozess handelt, bei dem aus der Begegnung beider Elemente etwas ganz Neues, Lebendiges erwächst. Der Gott, dessen Wesen die Liebe ist, ist keine abgrenzbare Wirklichkeit. Oder mit einem anderen bekannten Wort gesagt: Gott hat keine Außenseite.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Das ist keine moralische Anweisung, sondern die Anzeige der ethischen Grundrichtung, in der die Heilung und Reifung des einzelnen Menschen und der Gemeinschaft gefunden werden kann. Ich sage bewusst Gemeinschaft und nicht gleich Gesellschaft. Das Wort des Paulus richtet sich an die christliche Gemeinde, die nach diesem Wort leben soll und kann, indem sie um Gottes Geist bittet, ihm bei sich Raum gibt und aus diesem Geist heraus handelt. Insofern kann man diesen Wochenspruch auch als ethische Entsprechung des ersten Gebotes verstehen: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter (= Herren, die dich beherrschen) haben neben mir.
Dass eine Gemeinschaft, die in dieser ethischen Grundrichtung lebt, auch stark auf die Gesellschaft ausstrahlen kann, zeigt sich immer wieder. Darin bestätigt sich das Wort Jesu aus der Bergpredigt: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. (Mat 5,13f.)

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