23. Sonntag nach Trinitatis – Eine Formel für das Leben

Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.    1.Timotheusbrief 6,15f.

Der Wochenspruch ist eine Doxologie. Diesen Fachbegriff aus der Bibelwissenschaft kann man mit Lobvers übersetzen. Solche Worte begegnen uns sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Sie stehen im Zusammenhang mit dem Gebet und Lobpreis Gottes. Auch am Ende des Vaterunsers finden wir eine Doxologie: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Doxologien sind häufig wiederkehrende Formeln. Durch den häufigen Gebrauch klingen sie sehr vertraut, können dadurch aber auch mechanisch wirken, wie leere Formeln, bei denen der Inhalt verblasst oder gar verlorengegangen ist. Nicht wenigen Zeitgenossen erscheint der ganze christliche Glaube als leere Formel.

Das ist Grund genug, einmal über die Bedeutung von Formeln nachzudenken.
In den Naturwissenschaften stehen sie hoch im Kurs. Die richtige Formel ist wie ein Schlüssel, mit dem man bestimmte Zusammenhänge aufschließen und verstehen kann. Sie ermöglicht es dann auch, zielgerichtet zu handeln, um Ergebnisse zu erzielen, die ohne diese Formel nicht möglich wären. Bis heute ist die Menschheit darauf aus, eine Weltformel oder Theorie von Allem finden zu können.
Auf einer anderen Ebene stehen die nicht weniger faszinierenden Zauberformeln, die Unmögliches bewirken sollen, oder diplomatische Formeln, die es möglich machen, in sehr komplizierten gesellschaftlichen Verhältnissen einen Weg zu finden, auf dem sich ganz unterschiedliche Parteien treffen und verständigen können.
Die Beispiele zeigen, welchen hohen Stellenwert Formeln in verschiedenen Lebensbereichen besitzen. Sollte es nicht möglich sein, eine solche Bedeutsamkeit auch bei den Formeln des Glaubens wiederzuentdecken?

Für die ersten Christen waren solche Formeln sehr wichtig:
Mit ihnen konnten sie ihren Glauben in knapper Form ausdrücken und auch weitergeben.
Die Formeln wurden im Gottesdienst verwendet und immer wieder wiederholt. Dadurch bekamen sie etwas sehr Vertrautes, eine Art inneres Zuhause, und etwas Verbindendes unter den Christen.
Und aus den Formeln haben sich später die Bekenntnisse des Glaubens entwickelt.
Man kann sie deshalb auch als Grundbausteine des Glaubens bezeichnen.

Bausteine sind das Material, ohne das nichts entstehen kann. Aber sie sind noch nicht das fertige Haus, in dem wir wohnen und das wir mit Leben erfüllen. So verhält es sich auch mit den Formeln des Glaubens. Wir brauchen sie, damit unser Glaube nicht substanzlos wird, aber wir müssen auch etwas mit ihnen anfangen können, wenn sie nicht leer und nutzlos erscheinen sollen.
Um noch ein anderes Bild zu gebrauchen: Glaubensformeln sind wie wertvolle alte Perlen, die in sehr langen Zeiten gewachsen, gereift und dabei fest und kostbar geworden sind. Solche Perlen wirft man nicht weg, um sie durch billige Imitate zu ersetzen. Sie sind es wert, ausgiebig betrachtet und als wertvolle Glieder an entscheidender Stelle in die Kette unseres Lebens eingefügt zu werden.

Zurück zu der Formel, die uns als Wochenspruch begegnet: Im Zusammenhang des 1.Timotheusbriefes steht das Wort inmitten von Mahnungen und Warnungen vor den Gefahren des Reichtums (6,9f. und 17) und der Ausrichtung des Glaubens auf das ewige (6,12) und wahre (6,19) Leben. Es erinnert an das erste Gebot. Der HERR, den die Bibel Jahwe nennt, allein ist Gott. Er allein kann das Leben erhalten. Geld und Gut können das nicht leisten.
Das mag für einen glaubenden Menschen sehr plausibel klingen. Und doch kann es auch unter Christen geschehen, dass das im Kasten klingende Geld näher und verlockender erscheint als der vermeintlich ferne Gott. Diese gar nicht so selten auftretende Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit macht die Bedeutung und den Wert der Glaubensformel für die Lebenspraxis eindrücklich sichtbar. Da wir Menschen offensichtlich eine dauerhafte, tiefsitzende Neigung haben, unsere Aufmerksamkeit vor allem dem Zählbaren und dem Glänzenden zuzuwenden, muss es uns bis heute immer wieder neu gesagt werden, wo wir den höchsten Frieden und die tiefste Freude finden können. Ganz verstanden haben wir es erst, wenn uns das in Fleisch und Blut übergeht. Deshalb muss es wieder und wieder wiederholt werden. Dafür sind Glaubensformeln ein gutes Mittel, wenn sie bewusst und nicht gedankenlos verwendet werden. Dann öffnen sie in uns einen neuen Raum des Lebens und Verstehens.

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