Letzter Sonntag des Kirchenjahres – Ewigkeitssonntag

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.  (Lukas 12, 35)

Der letzte Sonntag des Kirchenjahres trägt in der evangelischen Kirche zwei Namen: Totensonntag und Ewigkeitssonntag. In der katholischen Kirche wird er als Christkönigssonntag begangen. Friedrich Wilhelm III. von Preußen bestimmte 1816 in seiner Landeskirche den letzten Sonntag im Kirchenjahr zum allgemeinen Feiertag zur Erinnerung an die Verstorbenen. Damit wurde ein Gegenstück zu Allerseelen (2. November) im katholischen Bereich geschaffen.

Viele Menschen besuchen in diesen Tagen die Gräber ihrer Verstorbenen, und in den Kirchen wird besonders derer gedacht, die im nun zuendegehenden Kirchenjahr verstorben sind. Für sie werden Kerzen angezündet.
Trauer wird wieder wach, wenn wir an die Menschen denken, die von uns gegangen sind. Unsere Gedanken sind dabei oft in der Vergangenheit. Der Tod macht einen harten Schnitt und trennt die Vergangenheit von der Gegenwart und Zukunft ab. Es besteht die Gefahr, dass wir die Gegenwart und die Zukunft verlieren, wenn wir die Vergangenheit nicht vergangen sein lassen. Doch dieses Loslassen kann sehr schwer sein, wenn es um das Liebste geht.

Die Vergangenheit kann einen sehr großen Raum in uns einnehmen. Sie kann ein Kapital sein, von dem wir zehren, gespeicherte Lebenskraft, die uns wärmt, mit Sinn erfüllt und dankbar macht. Die Vergangenheit kann aber auch das süße Gift der Wehmut in uns verbreiten. Je weniger wir die Gegenwart bejahen können und uns gegenüber der Zukunft zu öffnen bereit sind, um so stärker wird die Macht, die die Vergangenheit über uns gewinnt. Wir können zu ihrem Gefangenen werden. Wenn das geschieht, sind auch wir in gewisser Weise schon tot, obwohl wir physisch noch leben. Das wirkliche Leben findet immer in der Gegenwart statt und hat einen Richtungs-Sinn in die Zukunft.

Hier setzt das Wort Jesu an: Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. Es leitet einen Abschnitt ein, der vom Warten handelt. Im Warten kommen Gegenwart und Zukunft zusammen. Warten ist die gegenwärtige Bereitschaft, dem Zukünftigen zu begegnen. Warten ist manchmal nicht leicht. Doch wer nicht warten kann oder mag, riskiert damit sein Leben, denn er läuft Gefahr, Entscheidendes zu verpassen.
Warten setzt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft voraus, im richtigen Augenblick voll da zu sein. Das kommt in dem Aufruf Jesu sehr anschaulich zur Sprache.

Aber habe ich denn noch etwas zu erwarten? Das ist ein häufiger Einwand, für den es mehr oder weniger starke Gründe zu geben scheint. Am Ende ist der Tod das einzige, was gewiss ist. Und ist mit seinem Kommen nicht alles aus und vorbei? Ist der Tod nicht der endgültige Sieg der Vergangenheit?

Oder geschieht mit dem Tod noch etwas Anderes und Größeres, das wir nur von außen kennen, weil wir es nicht selbst erlebt haben? Die tiefen Zeugnisse von Dichtern und spirituell wachen Menschen vermitteln zumindest die Ahnung, dass der Tod noch ganz anderes sein könnte.

Der Schriftsteller und Dichter Hermann Hesse schrieb einmal: 
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden.
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.

Und der von den Nationalsozialisten hingerichtete Theologe Dietrich Bonhoeffer  betrachtete den Tod in seinem 1944 im Gefängnis geschriebenen Gedicht Stationen der Freiheit mit den Worten
Tod
Komm, nun höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unserer verblendeten Seele,
daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen mißgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Und wie immer, wenn es um die wirklich großen Lebensthemen von Glaube, Hoffnung und Liebe geht, können wir nichts von dem Gesagten aus seinem gelebten Lebenszusammenhang heraustrennen, objektiv beweisen und uns als bequeme Wahrheit und allzeit sicheren Besitz aneignen. Wir können uns nur ansprechen lassen und öffnen für dieses Mehr an Leben, das in solchen Worten anklingt.
Die Bibel spricht eindringlich immer wieder davon, dass Gott auf uns zukommen will und der Tod nicht das letzte Wort behalten wird. Wer dem Aufruf Jesu folgt, nimmt das jetzt schon in sein Leben auf, zündet Lichter an und lebt damit wie eine Braut oder wie ein Bräutigam vor der Hochzeit.

Was im Ganzen unseres Lebens noch aussteht, wird im Zusammenhang des Kirchenjahres sinnbildlich erfahrbar: Das Kirchenjahr geht nun zu Ende, doch am nächsten Sonntag beginnt die Adventszeit. Dann wird die Erwartung des Kommenden zum Grund neuer Freude und Zuversicht.

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