Kastanien 3

Dereinst

Wie ich sehe, werde ich dereinst erwachen. Doch da ist nicht die gewohnte Bequemlichkeit meines Bettes, nicht der vertraute Raum mit Schrank und Lampe, nicht die mir angetraute Frau auf dem Bett nebenan. Ringsum ist es dunkel. Das rote Leuchtdisplay des Radioweckers, das Licht der großen Lampen, das von draußen durch die Ritzen zwischen Rollo und Fenster dringt, nichts davon ist zu sehen. Ich spüre, etwas liegt schwer auf mir. Etwas Hartes drückt mich von verschiedenen Seiten, und als ich meinen Kopf bewege, rieselt mir eine Art grober Sand in die Augen. Wo bin ich? Ich versuche, mich zu bewegen, und spüre einen ungewohnten Schmerz.

Danach muss ich wieder in den Schlaf versunken sein, denn als ich die Augen erneut öffne, ist es hell. Der grobe Sand ist immer noch da. Das ist kein Schlaf in meinen Augen. Das ist eine Art Bauschutt. Überall ringsum ist Bauschutt. Ich liege in einem Schuttbett. Neben mir große Trümmerstücke. Ich befinde mich in einer Mulde aus Schutt, umgeben von bizarren Teilen einer geborstenen Hauswand. Darüber die Sonne.

Träume ich? Bin ich auf verbotenen Pfaden durch meine Kindheit nach dem Krieg? Was ist das hier? Ein Riss in der Zeit? Hat die Geschichte plötzlich aufgehört? Was war vorher? Woran kann ich mich als letztes erinnern? In meinen Fingern spüre ich etwas Glattes. Es ist ein Zettel. Ich erkenne meine Handschrift: Milch, Eier, Brot. Ja, das wollte ich doch eben im Pennymarkt einkaufen. Dann bin ich in den Keller gegangen, mein Fahrrad zu holen und – und jetzt bin ich hier. Was ist geschehen?

Das ist kein Traum. Zu deutlich spüre ich einen Schmerz am Hinterkopf, an den Beinen, und da sind auch richtige Abschürfungen an den Armen. Das kann kein Traum sein, das ist ein sehr realer, plötzlich aufgerissener Abgrund, in den alles hineingestürzt ist. Seltsam ist nur, dass ich noch da bin.

 

Mühsam gelingt es mir aufzustehen. Staub und kleine Steinchen bewegen sich, doch sonst ist es still. Ganz und gar ungewohnt still! Kein Radio, keine Maschine, kein Auto, kein Flugzeug. Keines Menschen Stimme! Hallo, ist hier noch jemand!  Bin ich der Einzige? Nichts. Kein Mensch, kein Hund, kein Vogel. Nur diese Stille. Völlige, restlose Stille, wie in der kurzen Zeit nach dem Ende eines grandiosen Konzerts. Ich warte, doch es bricht kein Beifallsturm los. Die Stille weitet sich aus und dringt mir unter die Haut.

Ich stehe in einem unübersehbaren Trümmerfeld, über mir die Sonne und um mich diese Stille. Keine Geräusche. Dieses ständige Hintergrundrauschen des Lebens, der filigrane Tanz unzähliger, kaum wahrnehmbarer Vorgänge, das unablässige Geisterspiel flüchtiger Bedeutsamkeiten hat aufgehört. Eine terminale Situation, in der es keine Termine mehr gibt. Wie nie zuvor bin ich auf mich gestellt und spüre mich in einer mir bis dahin unbekannten Weise… in einer… in einer… – wie soll ich sagen? – in einer… – auch die Worte scheinen zertrümmert – in einer Art uranfänglicher Präsenz inmitten eines absurden Theaterstücks.

Ich müsste tausend Fragen haben, doch zunächst ist da nur dieses stumme Bild: Ich stehe im Schutt, ringsum Trümmer und über mir die Sonne. Sie als einzige scheint sich noch zu bewegen. Der Schatten der Hauswand nähert sich langsam meinen Füßen. Ich schaue mich um und finde mich inmitten eines aufgewühlten Meeres. Ringsum Wellen aus Trümmern, hohe Wellenberge, aus denen zerrissene Hausreste in den hohen Himmel ragen, dazwischen Täler, linienförmig wie Straßen.

Sind das die Straßen, auf denen ich vor kurzem noch gegangen und gefahren bin, die Schnellverbinder zu anderen, entfernten Gegenden? Zwei Stunden bis nach Leipzig. Ein Katzensprung, so scheint es. So schien es, noch gestern. Wenn das kein Traum ist, werde ich nie wieder bis dorthin kommen. Es sei denn, jemand holt mich hier raus. Aber gibt es denn überhaupt noch ein Außerhalb dieses Ozeans von Trümmern? Ich bin ein Schiffbrüchiger im Geröllmeer. Hat es da einen Sinn, nach einem bestimmten Ort zu suchen, und wie soll diese Suche ohne jedes Hilfsmittel unternommen werden?

 

Ich klettere von dem Wellenberg, auf dem ich erwacht bin, hinab in die Talrinne. Da fallen mir einige seltsame zerschmolzene Klumpen auf, die sich von dem Schutt der Umgebung ein wenig unterscheiden. An einem kann ich ein verkrümmtes B erkennen. B wie Berlin. Ich muss auf unserer früheren Straße stehen. Das also ist von Berlin übrig geblieben.

Ich versuche, mich zu orientieren. Noch immer habe ich meinen Einkaufszettel in der Hand: Milch, Eier, Brot. Zwar verspüre ich keinen Hunger, doch irgendwann werde ich etwas essen müssen. Wo ging es hier zum Pennymarkt? Ein absurder Gedanke! Aber alles andere ist ebenso absurd. Warum also nicht nach dem Pennymarkt suchen? Vielleicht finden sich noch ein paar essbare Überreste? Schließlich bin ich ja auch selbst ein Überrest aus der alten Zeit.

Mit uns zieht, die neue Zeit! Auf einmal geht mir diese Liedzeile durch den Kopf. Doch so war das wohl nicht gemeint. Und kann denn von uns überhaupt noch die Rede sein? Bisher bin ich keinem anderen Menschen begegnet. Doch da! Plötzlich sehe ich fünf menschliche Gestalten auf einem langgestreckten flachen Wellenberg sitzen. Ich bin nicht allein. Ich winke ihnen zu, doch bevor ich etwas sagen kann, hebt einer von ihnen einen faustgroßen Stein auf:
Verschwinde hier. Das ist unser Leben! Such‘ dir was anderes!  

Ich erstarre. Es ist als ob ich jetzt erst begreife, was geschehen ist. In mir formt sich ein Schrei, aber er findet nicht aus meinem Mund, sondern fährt mir in die Beine. Ich fange an zu laufen, stolpere, falle hin, und da erst bricht es mit voller Wucht über mich herein. Das ist das Ende, das ist der Tod!  Die Zerstörung der Häuser ist mir zunächst noch als bizarre, unwirkliche Szenerie erschienen, diese Worte aber ziehen den surrealen Schleier weg und lassen mich erkennen, wie tief und ausweglos die Zerstörung ist. Es ist die Zerstörung des Menschen.

Verzweifelt kralle ich meine Hände in den Staub und spüre nach einiger Zeit etwas Rundes und Glattes zwischen meinen Fingern. Es ist absurd, aber es sind, Gott weiß woher, drei braune Kastanien, auf die ich jetzt gestoßen bin. Drei Kastanien, die warm und gar nicht hart in meiner Hand liegen.

Mein ganzes Leben steht plötzlich vor mir. Wie ich als Kind Kastanien gesammelt habe. Wie ich die Bäume später bewundert habe, ihre Größe, ihren Wuchs, die kräftigen Knospen, die leuchtenden Kerzen. Einmal habe ich sogar über sie geschrieben und mich mit Freunden über das Thema „Bäume“ ausgetauscht. Ihre unaufdringliche und doch unverzichtbare Präsenz in unserem Leben. Unsere Liebe zu den Bäumen. Unsere Sehnsucht nach den Bäumen, den starken und doch gefährdeten Garanten der Natur, den eindrücklichsten Indikatoren des Jahresrhythmus‘. Den Bäumen, die vor uns waren und auch nach uns …

Ein weiterer heftiger Schmerz bricht in mir auf. Ich habe seit meinem Erwachen noch keinen einzigen Baum gesehen. Hier standen doch überall Bäume. Birken, Ahorn, Eichen, Nadelbäume, Zierkirschen, Bäume, deren Namen ich gar nicht kannte, Kastanien… Kein einziger Baum ist geblieben. Nur noch Wüste. Ich befinde mich in einer ausweglosen Trümmerwüste. Und ich halte drei Kastanien in meiner Hand. Das ist wie in einer seltsamen Geschichte. Drei Kastanien, drei Haselnüsse für Aschenputtel. Staub und Asche ist alles. Aber das Wunder der Erlösung, woher soll das kommen inmitten der totalen Zerstörung? Ich umklammere sie mit meiner Rechten und drehe mein Gesicht zur Erde. Wie ein gefällter Baum liege ich da. Aus dem Leben gehauen, entwurzelt, den äußeren und inneren Qualen eines nahen Todes preisgegeben. Preisgegeben. Preisgegeben. Was für ein seltsames Wort: preisgegeben.

Ich falle ins Grübeln, grabe in mir selbst, als gäbe es dort noch etwas zu finden, wo doch ringsum alles verloren war. Oder schaufle ich nur ein Grab für meine Seele, damit sie den Leib nicht hindert, das unabwendbare Ende anzunehmen? Die Geschichte ist aus.

Heh!

Eine Hand berührt mich leicht am Kopf.

Heh, bist du okay?

Ich drehe mich um und blicke in das Gesicht einer etwa vierzigjährigen Frau, die ein Kopftuch umgebunden hat.

Bist du eine Muslima?

Nicht jede, die heute ein Kopftuch trägt, ist eine Muslima. Du kennst mich. Du warst schon bei mir.

Ich kann es nicht fassen: Ich – war – schon – bei – dir?

Sie nickt: Ich bin Anita aus dem Friseursalon. Wir haben zwar noch nicht viel miteinander gesprochen, weil du ja meistens recht schweigsam bist, aber ich habe dir doch schon einige Male die Haare geschnitten.      

Wie zum Beweis hat sie plötzlich eine kleine Schere in der Hand, fasst mich am Kopf und zieht mich an sich. Hier müssen wir etwas wegnehmen. Das sieht nicht schön aus. Ich darf doch…

Ich bin zu überrascht, um etwas zu erwidern und so lasse ich es geschehen. Anita! Die Friseuse mit den wasserstoffblonden Haaren. Wasserstoffbombe habe ich sie einmal in Gedanken genannt.

Wo kommst du denn plötzlich her?

Dasselbe wollte ich dich auch gerade fragen, entgegnet sie.

Anita hält noch immer meinen Kopf und schaut mir jetzt in die Augen: Aber ich bin froh, dass du da bist, denn es ist nicht so schön, einsam sterben zu müssen.

Das ist wahr, antworte ich.

Aber noch sind wir am Leben. In dir ist doch noch Leben?

Als ich nicht antworte fügt sie hinzu: Na, das lässt sich leicht feststellen!

Und Anita hat recht. In mir ist noch Leben, und wir teilen dieses Leben. Die Sonne am Himmel gibt uns ihren warmen Segen dazu.

Dann liegen wir beide lange still nebeneinander im Staub.

Und was fangen wir nun an? frage ich schließlich.

Wir fangen an aufzuhören!

Was?

Schau, sagt sie, wir können hier nicht überleben. Und sterben müssen ist nicht schön. Aber wir können es uns leichter machen. Schau, ich habe hier bei mir Tabletten. Die reichen für uns beide. Du hältst mich ganz fest, und ich halte dich ganz fest, und dann ist alles vorbei.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Was ist? Weißt du etwas Besseres?

Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Sie lehnt sich an mich und wir sitzen Rücken an Rücken.

Überleg‘ es dir, wenn du klug bist. Und wenn dir nichts Besseres einfällt, dann lass es uns tun.

Kann es etwas Besseres geben? Was könnte nach dem Ende der Geschichte besser sein, als dieses Ende zu akzeptieren, noch dazu wo es mir so mild und geradezu verführerisch die Hand reicht? Ist Anita nicht das letzte große, gnädige Geschenk, das mir das Leben kurz vor Schluss noch anbietet?   Wäre ich nicht der größte Tor, wenn ich diese Gelegenheit, die letzte Reise gemeinsam und auf angenehme Weise anzutreten, ausschlagen würde? Und ist es nicht sogar meine Pflicht, sie auf dieser Reise zu begleiten, wenn sie mich doch darum gebeten hat?!

Plötzlich spüre ich eine Bewegung an meinem Rücken.
Ich bin auf dem Weg. Er wird nicht weit sein. Kommst du mit mir?
Sie schiebt mir eine geöffnete Schachtel hin. Ich strecke meine Hand nach danach aus. Dabei fällt mein Blick auf die drei Kastanien, die dicht daneben liegen, wie das Leben neben dem Tod.

Dann drehe ich mich um zu ihr und sage:  Ich begleite dich auf deinem Weg. Ich bin bei dir.

Dankbar legt sie ihre Hand auf meine und bettet ihren Kopf in meinen Schoß.
Ich lege meine Hand auf sie und schaue in die Ferne…

 

Ich werde bei ihr bleiben, aber nicht mit ihr gehen. Sie soll begraben und über ihrem Grab soll ein menschliches Wort gesprochen werden.

Und dann werde ich einen Ort für die Kastanien suchen. Es gibt keine Bäume mehr, aber sie können zu Bäumen werden. So heißt es doch. Wenn das Korn in die Erde fällt, dann bringt es Frucht. Doch es muss jemand da sein, der das tut. Ich werde die Kastanien in die Erde pflanzen, damit sie eine Chance bekommen. Ich weiß nicht, ob es eine realistische Chance ist, aber was ich tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass es überhaupt eine Chance gibt. Ich werde nach einem guten Ort für sie suchen und daran denken, dass es eine Zukunft geben könnte, in der hier vielleicht drei Bäume stehen werden.

Und wenn ich noch einmal auf Menschen treffen sollte, die mich bedrohen, weil sie Angst um ihre Vorräte haben, werde ich sie beruhigen und ihnen sagen, dass ich ihnen nichts wegnehmen will. Ich werde ihnen erzählen, wie ich davon lebe, dass ich für die Bäume lebe.

Und ich werde keine Angst mehr vor der Frage haben, was aus mir werden soll. Ein Engel Gottes oder wenigstens ein Heiliger.

Doch sicher bin ich mir keineswegs, während ich diese Zeilen hier schreibe.

Kastanien 2

Jetzt

Wenn ich mich heute, ein gutes halbes Jahrhundert später, wieder den Kastanien zuwende, weiß ich inzwischen, dass ich sie eigentlich in Anführungszeichen setzen muss, weil ich doch die sogenannte Rosskastanie (Aesculus) meine, die mit den echten Kastanien (Castanea) botanisch gar nichts gemein hat, sondern nur wegen einer oberflächlichen Ähnlichkeit der Früchte so geheißen wurde. Aber was bedeutet diese rein nominelle Desillusionierung schon gegenüber der neu gewonnenen Erkenntnis, dass diese Bäume dreihundert Jahre alt werden können. Das ist das Vierfache der mir von der Bibel  zugemessenen Lebenszeit.

Die Kastanienbäume – ich werde wohl für den Rest meines Lebens bei dem Namen bleiben, der mir von klein auf so vertraut ist und auch auf jedes Anführungszeichen – diese schrägen Keile, die einen Spalt zwischen mich und diese wundervollen Wesenheiten treiben wollen –  gern verzichten.

Die Kastanienbäume, deren Früchte ich als kleines Kind so freudig aufsammelte, waren womöglich schon damals einhundert, zweihundert oder noch mehr Jahre alt. Sie hatten vielleicht schon Goethen entzückt oder Napoleon von oben herab mit ihren stachligen Geschossen beworfen. Ja, die Allerältesten unter ihnen mochten in jungen Jahren noch das Ende des Dreißigjährigen Krieges miterlebt haben, wenn sie nicht, was allerdings viel wahrscheinlicher sein dürfte, vorher auf den Feuerstellen oder gar in den Kochtöpfen der damaligen Zeit- und Leidgenossen gelandet waren. Und die jüngeren unter ihnen könnten durchaus Chancen haben, bis ins dreiundzwanzigeste Jahrhundert vorzudringen und Mr. Spock, den unsereins nur aus dem Fernsehen kennt, live zu begegnen. Dann sind unsere Namen, wenn die Welt nur so weiter funktionieren würde, wie sie es bisher getan hat, selbst in den Datenarchiven der Geheimdienste längst gelöscht und nur noch in gut geführten Kirchenbüchern auffindbar. Was für ein Gedanke, dass ein Urururururenkel oder eine Urururururenkelin sich nach den Früchten desselben Baumes bückt, der schon mich einst so reich beschenkt hatte! Wie gesagt: die Chancen scheinen durchaus gegeben, denn wer kann es heute noch wagen, einer angestammten gemeinen Rosskastanie mit Axt oder Säge an die Rinde zu gehen?

Diese Gedanken zeigen, wie sich mein Verhältnis zu dem Baum verändert und geradezu vergeschichtlicht, um nicht zu sagen: vergeistigt hat. Die braunen Früchte, die im Herbst reif werden, überlasse ich gern den Menschen, die jetzt Kinder sind. Und wenn ich sie, die Früchte, in größerer Zahl am Boden liegen sehe, dann frage ich mich manchmal, ob sie heute noch das sind, was sie für uns einmal waren.

Ich widerstehe jetzt aber der Versuchung, auf die so naheliegenden und so breit ausgetretenen Gedankenpfade von Konsum und Überfluss, der die Kinder unfähig gemacht hat, sich bücken zu können, einzuschwenken, und gehe lieber der Frage nach, was dieser Baum, der es 2005 immerhin zum Baum des Jahres gebracht hat, heute für mich bedeutet.

Und ich kann sagen, dass der schönste Baum der frühen Kindertage sogar noch gewonnen hat. Er ist von einem Herbstbaum zu einem Ganzjahresbaum geworden. Seine imposante, bis zu 30m hohe Gestalt kann auch im Winter eine graue Einöde  in einen  besonderen, ja behausten und beseelten Ort verwandeln. Eine Kastanie kann eine Weg- und Zielmarke sein: Wir gehen bis zur  Kastanie. Das klingt so, als ob es kein lohnenderes Ziel gäbe als diesen majestätischen Baum. Er kann uns zu Pilgern machen, die einen Tempel besuchen, der nicht aus den Früchten des menschlichen Ungenügens errichtet, sondern uns in einem Akt ökumenischer Weitherzigkeit von Mutter Erde selbst geschenkt wurde. Gehen wir bis zur Kastanie…

Je tiefer ich nun selbst in den Herbst des Lebens eindringe, desto stärker berührt mich die Frühlingskraft der Kastanie. Ihre Blattknospen sind voll strotzender Erotik. Getrieben von der Kraft der Wärme und der Feuchtigkeit quellen sie aus dem dürren Holz der Zweige, schwellen mit sanfter Festigkeit immer weiter an und scheinen alle Maße sinnlich vorstellbarer Erwartung zu sprengen, bis dass sie sich öffnen und ihr zartes, leuchtendes Inneres hervorbringen, das sich in erstaunlich kurzer Zeit zu einem Blatt entfaltet, das die Größe einer menschlichen Hand überschreitet. Und dann die Blüten, Kastanienblüten! Sie richten sich auf und stehen schließlich als weiße Kerzen inmitten des Grüns. Ihr Strahlen ist nicht von der disparaten Beschaulichkeit drapierter Weihnachtsbäume, die von sich weg und auf anderes hinweisen soll. Es ist die leuchtende Fülle selbst, nicht als Kontrastmittel zur Dunkelheit, sondern eingebettet in lauter Leben.  Hier begegnen wir der Quelle eben der Früchte, die uns als Kinder so entzückt haben.

In den letzten Jahren aber breitet sich eine Krankheit unter den Kastanien aus. Schon früh verlieren die Blätter ihre Kraft, sie werden braun und schrumpfen. Als Ursache gilt die Miniermotte, die nach 1989 zu uns gekommen ist und sich mit den Jahren weiter ausbreitet. Sie gilt mittlerweile als ein klassischer Fall für die Invasionsbiologie.  Die Zeit für den Fall vieler Kastanienblätter ist heute bereits im August gekommen. Doch die Bäume wollen leben, und die am stärksten geschädigten treiben im Spätsommer erneute Blüten.

Gewiss ist, dass nichts bleibt, wie es war. Wird es nun Frühling im Herbst?

Wo gehen wir hin? Ich habe eine Art Vision…

 

(Fortsetzung folgt) 

Kastanien 1

Einst

Ich erinnere mich genau an die Kastanien. Damals waren sie etwas ganz Besonderes für uns Kinder. Hier und da lagen noch die Trümmer des letzten Krieges, den wir nicht mehr erlebt hatten. Verbotene Schuttberge, über die man klettern konnte. Was mochte zwischen den zerstörten Hausresten verborgen sein? Schätze? Gefahren? Die Älteren erzählten uns nicht viel, sie mahnten und bekundeten ihre Sorge um unser Leben, das nach ihren Worten doch noch vor uns lag.

Zu diesem Leben gehörten die Kastanien. Herrliche Geschenke der Natur, die man nicht kaufen konnte. Auch die Großen verfügten nicht über sie, ja sie schienen nicht einmal ihren Wert zu kennen. Man musste warten, bis ihre Zeit gekommen war hoch oben in den Zweigen der großen Bäume. Da hingen sie in ihren grünen Stachelpanzern, der ihnen Schutz vor Angriffen aus der Luft bot.

Wenn ihre Zeit gekommen war, schauten wir sehnsüchtig zu ihnen auf und versuchten, mit allen möglichen Mitteln an sie zu gelangen. Man konnte zum Beispiel mit dem Schuh nach ihnen werfen. Wenn man Glück hatte, fielen sie einem dann vor die Füße. Hatte man Pech, verloren die Füße ihren Schuh. Den nahm der Baum wie eine Gegengabe für die begehrten Früchte.

Und manchmal warf er uns auch ganz von selbst ohne jedes menschliches Zutun aus purer Großzügigkeit seine Gaben zu, die wir nur aufzuklauben und in unsere immer praller werdenden Taschen zu stopfen brauchten.

An solchen Tagen kehrten wir schwer beladen nach Hause, wo wir die Kastanien auf dem Tisch oder auf dem Fensterbrett ausbreiteten und uns an ihrer glatten, glänzend braunen Oberfläche erfreuen konnten. Man konnte sie zählen, mit ihnen Figuren legen, sie auf dem Laster oder in der Eisenbahn durch die Welt des Kinderzimmers transportieren, mit ihnen Handel treiben.

Meistens gab es auch Eicheln neben den Kastanien. Sie bildeten den Gold- und Silberschatz unserer frühen Herbstzeiten, mit dem sich Großes bewerkstelligen und früher Ruhm auf dem Felde der Kunst erwerben ließ. Doch der hatte auch seinen Preis. Die einzelne Kastanie musste dafür verletzt, angebohrt oder aufgeschnitten werden, um Teil eines größeren Ganzen zu werden. Sie verlor ihre runde, feste, in sich selbst begründete Herrlichkeit und wurde zu einem Bauteil,  zumeist mittels streichhölzerner Verbinder mit anderen Bauteilen zu Gebilden zusammengefügt und auf diese Weise gleichsam in eine höhere Dimension des Daseins gehoben. Nun waren sie nicht länger freie, lustige Atome, die für so vieles zu gebrauchen waren, sondern Teil eines wundersamen und höchst fragilen Aggregats, das als Ganzes dennoch weit davon entfernt war, die Perfektion seiner Einzelkomponenten zu erreichen. Klobige Tier- und Menschgestalten schufen wir mit ihnen, unsere ersten Homunculi, und ahnten damals nicht, dass auch wir selbst in ähnlicher Weise zu einem hominösen Gesamtverbund bestimmt sein sollten, der als Ziel und Ende aller Geschichte zu verstehen sei.

Die Kastanienfiguren wurden nach ihrer Erschaffung von den Großen aus Überzeugung oder pädagogischem Kalkül bewundert, doch bald waren sie wegen ihrer Gebrechlichkeit und des enormen Reparaturaufwandes zu kaum noch etwas zu gebrauchen. Sie wurden auf ein Tablett gestellt, das fortan in der Küche fehlte, und mit diesem auf einen mehr oder weniger hohen Schrank gehievt, um in den Nahbereichen des täglichen Handelns Platz zu schaffen. Auf ihren Hochflächen aber wurden sie zu saisonalen Denkmälern, die zunehmend aus dem Blick gerieten, sich allmählich in Staub hüllten und mitunter auch als Ursprungsort neuen Lebens erwiesen, das sich madig aus ihnen heraus entwickelte doch niemals Beifall und Bewunderung hervorrief. So gab es auch kaum noch Widerstand, wenn ein beherztes größeres und lebenserfahreneres Mitglied der häuslichen Gemeinschaft schließlich entschied, dass die Zeit der Kastanien nun endgültig vorbei sei.
(Für ein Wenn und Aber war die Zeit noch nicht gekommen.)

(Fortsetzung folgt am 13.05.14)