Kastanien 1

Einst

Ich erinnere mich genau an die Kastanien. Damals waren sie etwas ganz Besonderes für uns Kinder. Hier und da lagen noch die Trümmer des letzten Krieges, den wir nicht mehr erlebt hatten. Verbotene Schuttberge, über die man klettern konnte. Was mochte zwischen den zerstörten Hausresten verborgen sein? Schätze? Gefahren? Die Älteren erzählten uns nicht viel, sie mahnten und bekundeten ihre Sorge um unser Leben, das nach ihren Worten doch noch vor uns lag.

Zu diesem Leben gehörten die Kastanien. Herrliche Geschenke der Natur, die man nicht kaufen konnte. Auch die Großen verfügten nicht über sie, ja sie schienen nicht einmal ihren Wert zu kennen. Man musste warten, bis ihre Zeit gekommen war hoch oben in den Zweigen der großen Bäume. Da hingen sie in ihren grünen Stachelpanzern, der ihnen Schutz vor Angriffen aus der Luft bot.

Wenn ihre Zeit gekommen war, schauten wir sehnsüchtig zu ihnen auf und versuchten, mit allen möglichen Mitteln an sie zu gelangen. Man konnte zum Beispiel mit dem Schuh nach ihnen werfen. Wenn man Glück hatte, fielen sie einem dann vor die Füße. Hatte man Pech, verloren die Füße ihren Schuh. Den nahm der Baum wie eine Gegengabe für die begehrten Früchte.

Und manchmal warf er uns auch ganz von selbst ohne jedes menschliches Zutun aus purer Großzügigkeit seine Gaben zu, die wir nur aufzuklauben und in unsere immer praller werdenden Taschen zu stopfen brauchten.

An solchen Tagen kehrten wir schwer beladen nach Hause, wo wir die Kastanien auf dem Tisch oder auf dem Fensterbrett ausbreiteten und uns an ihrer glatten, glänzend braunen Oberfläche erfreuen konnten. Man konnte sie zählen, mit ihnen Figuren legen, sie auf dem Laster oder in der Eisenbahn durch die Welt des Kinderzimmers transportieren, mit ihnen Handel treiben.

Meistens gab es auch Eicheln neben den Kastanien. Sie bildeten den Gold- und Silberschatz unserer frühen Herbstzeiten, mit dem sich Großes bewerkstelligen und früher Ruhm auf dem Felde der Kunst erwerben ließ. Doch der hatte auch seinen Preis. Die einzelne Kastanie musste dafür verletzt, angebohrt oder aufgeschnitten werden, um Teil eines größeren Ganzen zu werden. Sie verlor ihre runde, feste, in sich selbst begründete Herrlichkeit und wurde zu einem Bauteil,  zumeist mittels streichhölzerner Verbinder mit anderen Bauteilen zu Gebilden zusammengefügt und auf diese Weise gleichsam in eine höhere Dimension des Daseins gehoben. Nun waren sie nicht länger freie, lustige Atome, die für so vieles zu gebrauchen waren, sondern Teil eines wundersamen und höchst fragilen Aggregats, das als Ganzes dennoch weit davon entfernt war, die Perfektion seiner Einzelkomponenten zu erreichen. Klobige Tier- und Menschgestalten schufen wir mit ihnen, unsere ersten Homunculi, und ahnten damals nicht, dass auch wir selbst in ähnlicher Weise zu einem hominösen Gesamtverbund bestimmt sein sollten, der als Ziel und Ende aller Geschichte zu verstehen sei.

Die Kastanienfiguren wurden nach ihrer Erschaffung von den Großen aus Überzeugung oder pädagogischem Kalkül bewundert, doch bald waren sie wegen ihrer Gebrechlichkeit und des enormen Reparaturaufwandes zu kaum noch etwas zu gebrauchen. Sie wurden auf ein Tablett gestellt, das fortan in der Küche fehlte, und mit diesem auf einen mehr oder weniger hohen Schrank gehievt, um in den Nahbereichen des täglichen Handelns Platz zu schaffen. Auf ihren Hochflächen aber wurden sie zu saisonalen Denkmälern, die zunehmend aus dem Blick gerieten, sich allmählich in Staub hüllten und mitunter auch als Ursprungsort neuen Lebens erwiesen, das sich madig aus ihnen heraus entwickelte doch niemals Beifall und Bewunderung hervorrief. So gab es auch kaum noch Widerstand, wenn ein beherztes größeres und lebenserfahreneres Mitglied der häuslichen Gemeinschaft schließlich entschied, dass die Zeit der Kastanien nun endgültig vorbei sei.
(Für ein Wenn und Aber war die Zeit noch nicht gekommen.)

(Fortsetzung folgt am 13.05.14)

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