Kastanien 2

Jetzt

Wenn ich mich heute, ein gutes halbes Jahrhundert später, wieder den Kastanien zuwende, weiß ich inzwischen, dass ich sie eigentlich in Anführungszeichen setzen muss, weil ich doch die sogenannte Rosskastanie (Aesculus) meine, die mit den echten Kastanien (Castanea) botanisch gar nichts gemein hat, sondern nur wegen einer oberflächlichen Ähnlichkeit der Früchte so geheißen wurde. Aber was bedeutet diese rein nominelle Desillusionierung schon gegenüber der neu gewonnenen Erkenntnis, dass diese Bäume dreihundert Jahre alt werden können. Das ist das Vierfache der mir von der Bibel  zugemessenen Lebenszeit.

Die Kastanienbäume – ich werde wohl für den Rest meines Lebens bei dem Namen bleiben, der mir von klein auf so vertraut ist und auch auf jedes Anführungszeichen – diese schrägen Keile, die einen Spalt zwischen mich und diese wundervollen Wesenheiten treiben wollen –  gern verzichten.

Die Kastanienbäume, deren Früchte ich als kleines Kind so freudig aufsammelte, waren womöglich schon damals einhundert, zweihundert oder noch mehr Jahre alt. Sie hatten vielleicht schon Goethen entzückt oder Napoleon von oben herab mit ihren stachligen Geschossen beworfen. Ja, die Allerältesten unter ihnen mochten in jungen Jahren noch das Ende des Dreißigjährigen Krieges miterlebt haben, wenn sie nicht, was allerdings viel wahrscheinlicher sein dürfte, vorher auf den Feuerstellen oder gar in den Kochtöpfen der damaligen Zeit- und Leidgenossen gelandet waren. Und die jüngeren unter ihnen könnten durchaus Chancen haben, bis ins dreiundzwanzigeste Jahrhundert vorzudringen und Mr. Spock, den unsereins nur aus dem Fernsehen kennt, live zu begegnen. Dann sind unsere Namen, wenn die Welt nur so weiter funktionieren würde, wie sie es bisher getan hat, selbst in den Datenarchiven der Geheimdienste längst gelöscht und nur noch in gut geführten Kirchenbüchern auffindbar. Was für ein Gedanke, dass ein Urururururenkel oder eine Urururururenkelin sich nach den Früchten desselben Baumes bückt, der schon mich einst so reich beschenkt hatte! Wie gesagt: die Chancen scheinen durchaus gegeben, denn wer kann es heute noch wagen, einer angestammten gemeinen Rosskastanie mit Axt oder Säge an die Rinde zu gehen?

Diese Gedanken zeigen, wie sich mein Verhältnis zu dem Baum verändert und geradezu vergeschichtlicht, um nicht zu sagen: vergeistigt hat. Die braunen Früchte, die im Herbst reif werden, überlasse ich gern den Menschen, die jetzt Kinder sind. Und wenn ich sie, die Früchte, in größerer Zahl am Boden liegen sehe, dann frage ich mich manchmal, ob sie heute noch das sind, was sie für uns einmal waren.

Ich widerstehe jetzt aber der Versuchung, auf die so naheliegenden und so breit ausgetretenen Gedankenpfade von Konsum und Überfluss, der die Kinder unfähig gemacht hat, sich bücken zu können, einzuschwenken, und gehe lieber der Frage nach, was dieser Baum, der es 2005 immerhin zum Baum des Jahres gebracht hat, heute für mich bedeutet.

Und ich kann sagen, dass der schönste Baum der frühen Kindertage sogar noch gewonnen hat. Er ist von einem Herbstbaum zu einem Ganzjahresbaum geworden. Seine imposante, bis zu 30m hohe Gestalt kann auch im Winter eine graue Einöde  in einen  besonderen, ja behausten und beseelten Ort verwandeln. Eine Kastanie kann eine Weg- und Zielmarke sein: Wir gehen bis zur  Kastanie. Das klingt so, als ob es kein lohnenderes Ziel gäbe als diesen majestätischen Baum. Er kann uns zu Pilgern machen, die einen Tempel besuchen, der nicht aus den Früchten des menschlichen Ungenügens errichtet, sondern uns in einem Akt ökumenischer Weitherzigkeit von Mutter Erde selbst geschenkt wurde. Gehen wir bis zur Kastanie…

Je tiefer ich nun selbst in den Herbst des Lebens eindringe, desto stärker berührt mich die Frühlingskraft der Kastanie. Ihre Blattknospen sind voll strotzender Erotik. Getrieben von der Kraft der Wärme und der Feuchtigkeit quellen sie aus dem dürren Holz der Zweige, schwellen mit sanfter Festigkeit immer weiter an und scheinen alle Maße sinnlich vorstellbarer Erwartung zu sprengen, bis dass sie sich öffnen und ihr zartes, leuchtendes Inneres hervorbringen, das sich in erstaunlich kurzer Zeit zu einem Blatt entfaltet, das die Größe einer menschlichen Hand überschreitet. Und dann die Blüten, Kastanienblüten! Sie richten sich auf und stehen schließlich als weiße Kerzen inmitten des Grüns. Ihr Strahlen ist nicht von der disparaten Beschaulichkeit drapierter Weihnachtsbäume, die von sich weg und auf anderes hinweisen soll. Es ist die leuchtende Fülle selbst, nicht als Kontrastmittel zur Dunkelheit, sondern eingebettet in lauter Leben.  Hier begegnen wir der Quelle eben der Früchte, die uns als Kinder so entzückt haben.

In den letzten Jahren aber breitet sich eine Krankheit unter den Kastanien aus. Schon früh verlieren die Blätter ihre Kraft, sie werden braun und schrumpfen. Als Ursache gilt die Miniermotte, die nach 1989 zu uns gekommen ist und sich mit den Jahren weiter ausbreitet. Sie gilt mittlerweile als ein klassischer Fall für die Invasionsbiologie.  Die Zeit für den Fall vieler Kastanienblätter ist heute bereits im August gekommen. Doch die Bäume wollen leben, und die am stärksten geschädigten treiben im Spätsommer erneute Blüten.

Gewiss ist, dass nichts bleibt, wie es war. Wird es nun Frühling im Herbst?

Wo gehen wir hin? Ich habe eine Art Vision…

 

(Fortsetzung folgt) 

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