Haiku als Erscheinungslyrik

Bei dem Versuch, das Besondere am Haiku zu beschreiben, mag die Frage entstehen, ob es im Unterschied und in Abgrenzung zur Gedankenlyrik des Aphorismus als Erlebnislyrik bezeichnet werden kann.

Doch was ist eigentlich ein Erlebnis ?
Allein schon die Tatsache, dass wir alle ein und dieselbe Erscheinung ganz unterschiedlich erleben, zeigt, dass dabei der persönliche Anteil eine entscheidende Rolle spielt.

Beim Haiku aber ist persönliche Zurückhaltung geboten: Nicht meine Empfindungen, Gefühle und Erlebnisse sollen im Haiku zur Sprache kommen, sondern die Erscheinung selbst.
Den Lesern wird im Haiku nur die Erscheinung präsentiert, und diese entfaltet dann in ihnen ihre Wirkung. Das ist es, was Haiku so spannend und attraktiv macht.

In gewisser Zuspitzung* kann man beim Haiku deshalb von Erscheinungslyrik sprechen.
Es gilt die Regel:
Je klarer zwischen Erscheinung und Erlebnis unterschieden wird, desto stärker ist die Wirkung als Haiku.

Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, dass die Erscheinung als solche klar und einfach dargestellt und verständlich sein soll. Wenn das nicht hinreichend berücksichtigt wird, verwandelt sich das vermeintliche Haiku in ein Rätsel, womit wir wieder bei der Gedankenlyrik gelandet wären.

Beispiele an Hand von Bashōs Froschhaiku

Haiku (in freier Übertragung):
Ein Frosch springt
in den alten Tempelteich –
das Wasser gluckst.

Aphorismus:
Kein Teich ist so still,
dass der Sprung eines Frosches
ihn nicht doch bewegt.

Erlebnislyrik:
Erhabene Stille
und plötzlich ein Frosch –
der Teich ist gerührt.

Rätsel:
Am alten Teich
im Tempelhain –
das Wasser klingt.
____________________________
* Zuspitzung deshalb, weil zwischen Erscheinen und Erleben keine scharfe Trennlinie gezogen werden kann.
Es geht eher um eine Akzentsetzung als um einen absoluten Gegensatz.

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Eine Überlegung

Wäre es nicht gesünder
für die große Mehrheit der Bürger
u n d für ihren Staat,
wenn in Zukunft
auch für Fahrstühle
ein geringes Beförderungsentgelt
erhoben
würde?

Sozial bedingte Ausnahmen könnten über das noch in dieser Legislaturperiode zu beschließende BFbeRAG* geregelt werden.

* Bundesfahrstuhlbeförderungsentgeltregelungsausnahmegesetz)
(Bei dieser Überlegung ist freilich zu prüfen, ob die Mitgliedstaaten nicht ein gemeinsames EUFbeRAG auf den Weg bringen wollen.)

Frosch sei Dank, Bashō

Worum es beim Haiku geht, lässt sich besonders gut am Beispiel von Bashōs berühmtem Froschhaiku veranschaulichen.
Um es in seinem ursprünglichen Sitz im Leben verständlich zu machen, möchte ich es so umschreiben:

Stiller Tempelteich.
Ein Frosch springt hinein –
plumps!

Hier steht die Einfachheit des eindeutigen Bildes in einem auf-reizenden Kontrast zu der Erhabenheit des Ambientes: Stille, Meditation, Entleerung von allem Weltlichen, Versenkung. Wer wagte dies alles zu stören?!
Und dann kommt so ein Fröschlein und plumps!

Neben der großen Portion Humor, die hier sichtbar wird, spricht sich darin auch eine fröhliche Kritik an einer Zeremonialität aus, die Gefahr läuft zu erstarren.
Der kleine Frosch wird zum Lehrmeister und zeigt dem traditionsfixierten Bewusstsein das wirkliche Leben.

So funktioniert Haiku. Es führt nicht in höhere Sphären, sondern tiefer in die Wirklichkeit hinein.

Doch sollen wir nicht nach Höherem streben, ist das nicht ein vornehmer Wesenszug des Menschen?

Wenn da nur die Verbindung nicht abreißt!
Höhere geistige Denksphären haben die Tendenz, sich zu verselbständigen, sich selbst zu genügen, sich gegen Äußeres zu immunisieren.
Auch darauf verweist Bashōs Froschhaiku. Der abgeschiedene, geheiligte Tempelbereich ist so eine höhere geistige (Denk- und Besinnungs-) Sphäre, die leicht zu einem Elfenbeinturm werden kann.
Frosch-sei-Dank ist sie es bei Bashō nicht geblieben.

Plumps, mir fällt ein Stein vom Herzen!

Die Ironie von der Geschichte ist: Wir haben Bashō längst ein Denkmal gesetzt. Vielleicht freut er sich, wenn ein Täubchen darauf scheißt.

Der Geist für’s Leben (Taufpredigt)

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2.Tim 1,17)

Ihr Lieben,

was soll aus N. und J., was soll aus den Kindern einmal werden?
Eine vielschichtige Frage!
Wichtig ist vor allem, wie sie mit dem Leben zurechtkommen,
vor allem mit sich selbst und mit ihrer Umgebung.
Anders ausgedrückt: Wessen Geistes Kind sind sie und werden sie sein?

In unserem Taufspruch wird zuerst der Geist der Furcht (oder Angst) genannt.
Der ist offensichtlich weit verbreitet – damals wie heute.
Das Leben, diese Welt ist zum Fürchten, sagen wir manchmal, wenn wir Nachrichten hören. Und wer seinen persönlichen Weg sucht und nicht nur mit der Masse dahintreiben bzw. mit den Wölfen heulen will, der macht unweigerlich die Erfahrung der Angst, wenn er merkt, dass sein kleines Ich einer großen Welt voller Bedrohungen gegenüber steht.

Angst ist erst einmal etwas ganz Natürliches und Nützliches. Sie macht vorsichtig und schützt so vor Gefahren. Aber sehr oft bleibt sie dabei nicht stehen. Gerade bei sensiblen und phantasievollen Menschen kann sie sich in der Seele ausbreiten wie ein Krebsgeschwür, das bald alles überwuchert und beherrscht.
Wenn das geschieht, hat uns die Angst im Griff, und bestimmt unser Leben.
Das kann soweit gehen, dass wir uns nicht mehr trauen unter Menschen zu gehen.
Oder wir überspielen die Angst, indem wir Anderen Angst machen. Das geschieht oft in der Politik.
Oder wir versuchen die Angst zu betäuben und steigen aus dem realen Leben aus. Das ist eine der Sackgassen beim Erwachsenwerden.

Angst ist ein sehr verbreiteter Ungeist, der das Leben zerstört, wenn er in uns an die Macht kommt.

Doch es gibt – Gott sei Dank! – ein Rezept und ein starkes Mittel gegen diese Krankheit.
Das ist das Rezept des Glaubens: Gott gibt uns den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wenn wir das genau betrachten, dann können wir sehen, wie die Macht der Angst damit überwunden wird.

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen, an einer Geschichte, die auch die Kinder schon verstehen können.
Es ist die Geschichte vom kleinen Angsthasen:

Es war einmal ein kleiner Angsthase, der fürchtete sich vor allem.
Vor dem Wasser, weil man darin ertrinken kann.
Vor der Dunkelheit, weil er dann an Räuber und Gespenster dachte.
Vor größeren Kindern, weil sie ihm wehtun könnten.
Aber die Anderen lachten ihn aus und riefen immer Angsthase! Angsthase! wenn sie ihn sahen. Sie wollten nicht mit ihm spielen.
Der kleine Angsthase war deshalb sehr einsam und traurig.
Die Angst machte ihm das ganze Leben kaputt!
Er traute sich nur mit dem ganz kleinen Ulli zu spielen, der viel kleiner war als er selbst.
Eines Tages schlich der böse Fuchs mit den scharfen Zähnen ins Dorf. Alle Hasen rannten weg, so schnell sie konnten, und versteckten sich in den Häusern. Nur der ganz kleine Ulli konnte noch nicht so schnell laufen, und deshalb schnappte ihn der Fuchs.
Und nun passierte etwas ganz Großartiges:
Der kleine Angsthase hatte den ganz kleinen Ulli sehr, sehr lieb. Deshalb lief er nicht auch weg, wie die anderen.
Nein, plötzlich war die Angst nicht mehr das Wichtigste. Sein kleiner Freund war jetzt viel wichtiger.
Ihn musste er retten. Und so packte er den großen Fuchs kräftig am Schwanz und zog daran, bis der Fuchs den kleinen Ulli los ließ.
Das war ganz schön mutig!
Das war echt stark!
Und das war auch sehr gefährlich! Wenn der Fuchs ihn mit den Zähnen zu fassen kriegte!
Der Fuchs versuchte ihn abzuschütteln. Er rannte mit ihm durch die stachligen Disteln.
Aber der Hase erkannte die Gefahr und ließ nicht los. Besser durch die Disteln als zwischen die scharfen Zähne des Fuchses! So hielt er den Fuchs immer weiter am Schwanz fest. Der Fuchs war ganz wütend und tobte. Und als er auf einen Baum zu raste, hatte der Hase eine kluge, eine rettende Idee: Jetzt, zur rechten Zeit, ließ er den Schwanz los, und der Fuchs krachte mit aller Wucht gegen den Baum. Danach konnte er nur noch winselnd wegschleichen, und der Hase war gerettet.
Die Anderen, die von weitem alles gesehen hatten, riefen laut: Bravo! Bravo! Der Hase bekam einen Orden für seinen Mut, und alle bewunderten ihn. Er war nun kein Angsthase mehr, und alle Kinder wollten mit ihm spielen.

Sein ganzes Leben hatte sich verändert.
In ihm herrschte nicht mehr der Geist der Angst.
Er hatte jetzt einen viel besseren und schöneren Geist: den Geist der Kraft, und der Liebe und der Besonnenheit.
Die Liebe zu dem kleinen Ulli hatte in ihm ganz viel Kraft und Mut geweckt.
Und die große Gefahr mit dem Fuchs konnte er durch Klugheit und Besonnenheit überwinden!

Liebe Eltern, liebe Paten,
wenn ihr euch fragt, was aus N. und J. werden soll, dann ist das auch die Frage, was ihr ihnen für ihr Leben geben könnt.
Der Taufspruch weist in eine gute Richtung:
– Helft ihnen, diesen Geist zu finden und mit diesem Geist zu leben!.
– Achtet auf das, was sie beschäftigt und bringt diesen guten Geist dahinein!
– Schafft und gestaltet mit ihnen gemeinsam in diesem Geist gute Erlebnisse!
– Entdeckt mit ihnen solche Geschichten, in denen Gott mitten in unserem Leben zu
reden anfängt!

Amen